Ein „bittersüßer Geschmack“: Nobelpreisträger Le Clézio erinnert sich an die Sommerferien in der Bretagne und den Hunger im Krieg

Bretonische Landschaft bei Perros-Guirec Foto: Bücheratlas

Eine „Rückkehr zum Ursprung“ – das war für die Familie von J. M. G. Le Clézio die Urlaubsreise in die Bretagne. Denn den Weiler Le Cleuziou betrachtete der Vater des Erzählers „ohne jede Gewissheit“ als den ursprünglichen Heimatort. So ging es zwischen 1948 und 1954 in den Ferien in die Bretagne, doch nicht in den kleinen Weiler im Landesinneren, sondern an die Küste nach Sainte-Marine. An jene Jahre erinnert sich nun der französisch-mauritische  Nobelpreisträger Le Clézio in dem autobiographischen Band „Bretonisches Lied“.

„Das Schlimmste, das einem Kind widerfahren kann“

Das Buch hat gleich zwei starke Texte im Angebot. Denn nach dem Blättern im Bretagne-Album geht es noch einen Schritt weiter zurück in der Vita. „Kind und Krieg“, die zweite Erzählung, liest man gerade jetzt mit besonderer Aufmerksamkeit. „Wie soll man über den Krieg sprechen?“, fragt Le Clézio, der am 13. April 1940 in Nizza geboren wurde und somit seine ersten fünf Jahre im Zeichen des Zweiten Weltkriegs verbracht hat. „Vielleicht nur“, antwortet er selbst, „indem man sagt, dass der Krieg das Schlimmste ist, das einem Kind widerfahren kann.“ Aber dann sagt er doch noch einiges mehr.

Le Clézio, „in der Gewalt geboren“, musste mit der Familie aus Nizza fliehen. Vater Raoul und der Großvater stammten von der Insel Mauritius, die zum britischen Kolonialreich zählte. Sie wurden von den deutschen Besatzern als feindliche Ausländer angesehen. So zogen Mutter Simone und die Großmutter mit dem kleinen Jean-Marie Gustave ins Hinterland in das Dorf Roquebillière. Der Vater war derweil als Arzt der britischen Armee in Guayana, Kamerun und Nigeria stationiert. Die Söhne wuchsen in einer Welt auf, in der die Männer abwesend waren und die Last der Erziehung bei den Frauen lag – „vermutlich sind wir zu kleinen Tyrannen, zu Kings geworden, die es gewöhnt waren, zu schreien, um sich Gehör zu verschaffen“.

„Eine Leere mitten im Leib“

Damals hat Le Clézio den Hunger kennengelernt: „Kein Magenknurren, sondern eine Leere mitten im Leib, die ganze Zeit, in jedem Augenblick, eine Leere, die nichts füllen, nichts sättigen kann.“ Gemeinsam mit der Großmutter habe man die Ähren auf dem Boden aufgesammelt, nachdem die Bauern mit ihren Karren abgefahren waren. Zuhause wurden die Körner in die Kaffeemühle gefüllt, um sie zu Mehl zu mahlen.

Es war keine Kindheit des Herumtollens und der Unbeschwertheit. Le Clézio erinnert sich an „eine namenlose Angst ohne Gesicht, ohne Geschichte.“ Verlorene Jahre. Nichts von alledem habe er vergessen. „Diese Leere, die die Kriegsjahre in meinem Bauch und meinem Kopf ausgehöhlt haben, sind Teil meines Seins.“ Es komme oft vor, dass er an die Kinder denke, die heutzutage von Bomben bedroht seien. In der Aufzählung der Krisengebiete, die in dem 2020 in Frankreich erschienenen Band „Chanson bretonne suivi de L’Enfant et la guerre“ folgen, fehlt die Ukraine. Aber die denkt man sofort mit.

„Ich erkenne fast nichts wieder“

J. M. G. Le Clézio erzählt seine Geschichte mit heißem Herzen und in einem ruhigen Ton. Da wird nichts dramatisiert und ist doch alles intensiv. Das gilt auch für die Sommermonate in der Bretagne, seine Erinnerungen an Menschen und Orte, Erntezeit und Kartoffelkäfer, Land und Meer. Die frühen Jahre werden mit Liebe, aber frei von Schönfärberei aus den Kammern des Gedächtnisses geborgen. Le Clézio macht deutlich, dass früher gewiss nicht alles besser war, wenngleich er manche Veränderung im Landschaftsbild und in der Lebensweise bedauert. Er wolle den alten Traditionen nicht nachweinen, aber die Erinnerung daran hinterlasse „einen bittersüßen Geschmack“.

„Wenn ich heute nach Sainte-Marine zurückkehre“, schreibt er gleich im ersten Satz, „erkenne ich fast nichts wieder.“ Indem er in vielen kurzen Kapiteln abgleicht, was war und was ist, liefert er ein schönes Dokument des Wandels.

Passt in jede Reisetasche

Nicht zuletzt würdigt der Autor die bretonische Sprache, deren Verschwinden einst sogar staatlich befördert worden ist. Allerdings macht er vor allem die Bewohner der Region dafür verantwortlich, dass sie mehr und mehr dem Französischen den Vorzug gegeben haben: „Die Bretonen haben den Anreiz der Moderne mit der Scham verwechselt, die sie angesichts ihrer Herkunft empfanden, und das Erbe ihrer Vorväter mit der Angst gleichgesetzt, die Ewiggestrigen zu bleiben.“

Das „Bretonische Lied“ ist zunächst einmal ein literarisches Vergnügen. Zudem ist es ein melancholisch-kritisches Memoir, das einmal mehr deutlich macht, wie tief das Vergangene ins Gegenwärtige hineinreicht. Und nicht zuletzt ist es ein Band, der jedem Frankreich-Reisenden zur Lektüre und jedem Bretagne-Reisenden zur Pflicht-Lektüre empfohlen sei. Das „Bretonische Lied“ passt in jede Tasche.

Martin Oehlen

J. M. G. Le Clézio: „Bretonisches Lied“, Kiepenheuer & Witsch, dt. von Uli Wittmann, 192 Seiten, 22 Euro.

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