Besser Bauen in Wald und Berg: „Dig it“ ist eine Weltreise zu Gebäuden, die mit der Natur harmonieren

Die Villa Vals in der Schweiz ist in den Berghang eingegraben. Der Zutritt erfolgt durch einen Tunnel, der in einem Stall beginnt. Foto: Kate Gowan / Taschen Verlag  

Alles spricht dafür. Für eine Architektur, die im Einklang mit der Natur steht. Viel zu oft war in der Vergangenheit das Gegenteil der Fall gewesen. Nicht zuletzt in Europa wurde die Architektur häufig als Anderswelt verstanden – als massives Statement, dass die wilde Natur zivilisiert und überwunden werden könne. Doch längst hat sich der Trend gedreht. Mit Gebäuden, die sich der Landschaft anpassen und in Korrespondenz mit ihr treten. Die den immer knapper werdenden Raum sensibel nutzen und Platz lassen für grüne Oasen. Die Ressourcen schonen, also ökologische Aspekte berücksichtigen. Kurzum: mit Gebäuden, die nicht dominieren wollen, sondern harmonieren.

Von der Vorzeit bis in die Moderne

Der Niederländer Bjarne Mastenbroek vom Architekturbüro SeARCH als Autor und sein Landsmann Iwan Baan als Fotograf widmen sich nun der Geschichte und Gegenwart des naturverbundenen Bauens. Ihre fast 1400 Seiten starke Bestandsaufnahme „Dig it – Building Bound to the Ground“ gibt der Taschen Verlag in einer englischsprachigen Ausgabe heraus. Es ist eine inspirierende Reise um die Welt.

Intensiv wird auf historische Bauwerke verwiesen, die unter der Erde oder in Höhlen angelegt worden sind. Aber der Schwerpunkt liegt eindeutig bei den Schöpfungen der Architektinnen und Architekten unserer Zeit. Deren Gebäude werden in kurzen Texten vorgestellt, mit Fotografien dokumentiert und vor allem anhand von zahlreichen Grafiken, Tabellen und technischen Zeichnungen erläutert.

Eingraben, einbetten, nachahmen

Die zahlreichen Stationen der Weltreise sind in sechs Kategorien unterteilt: „Bury“ (eingraben), „Embed“ (einbetten), „Absorb“ (absorbieren), „Spiral“ (sich spiralförmig winden), „Carve“ (herausschnitzen) und „Mimic“ (nachahmen). Diese Systematik klingt womöglich verwirrend. Aber wenn man sich erst einmal auf den Weg gemacht hat, wird unterwegs alles sehr schnell leicht und schön. Bis hin zu den finalen Natur-Simulationen wie dem ikonischen Muscheldach von Jorn Utzon für das Opernhaus von Sydney. Es ist eines der frühesten Beispiele aus der Moderne, das vorgestellt wird.

Alle Kontinente werden angesteuert. Auch in Deutschland ist der Autor fündig geworden. Im hessischen Bad Karlshafen kehrt er ein im „Hexenhaus“ von Alison und Peter Smithson, wo sich die Grenzen auflösen zwischen Wald und Wohnraum. Die Neue Staatsgalerie von James Stirling in Stuttgart, die zwischen 1977 und 1984 entstanden ist, sieht er erfolgreich eingebettet in die Landschaft. Schließlich lobt er beim Neanderthal Museum von Zamp Kelp, Krauss, Brandlhuber in Mettmann und beim Mercedes-Benz Museum von UNStudio in Stuttgart das jeweils spiralförmige Innenleben, das alle Ebenen harmonisch verbinde.

Das Musée Gallo-Romain im französischen Lyon lehnt sich zum Teil an einen Hügel. Von den römischen Ruinen, die wir uns bei dieser Kameraperspektive in unserem Rücken vorstellen müssen, geht es hinein ins Museum. Foto: Iwan Baan / Taschen Verlag

Verborgen in der Landschaft

Bjarne Mastenbroek selbst ist dem naturnahen Bauen nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis verbunden. Daher erstaunt es nicht, dass Projekte seines Büros SeARCH in diesem Kompendium auffällig stark vertreten sind. Triftig ist ihre Berücksichtigung durchaus. Das gilt beispielsweise für die Botschaft der Niederlande in Äthiopien. Sie fügt sich zwischen zwei Hügeln ein, wird also von ihnen gleichsam „absorbiert“; überdies zitiert das Bauwerk die Felsenkirchen von Lalibela im Norden des Landes, die vor über 1000 Jahren aus dem roten Stein gehauen worden sind. Und das gilt vor allem für die Villa Vals in der Schweiz. Diese wurde in einen steilen Hang „eingegraben“ – ein spektakuläres Beispiel für ein Bauen, das sich einerseits wegduckt in der Landschaft und andererseits ein außerordentliches Wohnerlebnis vermittelt.  

„Dig it“ ist allerlei in einem: Architekturführer, Bildband, Handbuch. Vor allem aber ist dieser dicke Brocken ein überzeugendes Plädoyer für eine Architektur, die in Harmonie mit der Natur entsteht. Wir wiederholen uns: Alles spricht dafür.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich auch eine Würdigung des Werks von Kengo Kuma. Der Japaner setzt nicht auf Stahl und Beton, sondern auf naturnahe Materialien. Der entsprechende Band ist ebenfalls im Taschen Verlag erschienen und wird HIER besprochen.  

Bjarne Mastenbroek (Text) und Iwan Baan (Fotos): „Dig it – Building Bound to the Ground“, Taschen, 1390 Seiten, 100 Euro.

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