Im Reich der Nibelungen: Felicitas Hoppes Helden-Roman, den sie als „deutschen Stummfilm“ bezeichnet, ist ein verspieltes Literaturkunststück

Felicitas Hoppe öffnet mit Schwung das Tor zum Reich der Nibelungen. Foto: Bücheratlas

Einen deutschen Stummfilm haben wir uns anders vorgestellt. Nicht so beredt wie „Die Nibelungen“, die Felicitas Hoppe nun neu in Szene setzt. Immerhin – die grau-schwarzen Tafeln („Hagen geht baden“) mit den Kapitel-Überschriften schaffen ein wenig Stummfilm-Atmosphäre. Aber ansonsten tauchen wir lesend und nicht schauend in den Sagenstoff ein. Machen wir es nicht komplizierter als es eh schon ist: Felicitas Hoppes „Die Nibelungen – Ein deutscher Stummfilm“ ist ein verspieltes Literaturkunststück.

Stummer Zeuge im lecken Beiboot

Wer mit den Lebenswegen der Nibelungen noch nie so recht klargekommen ist, wird nach Lektüre des Buches auch keinen größeren Durchblick haben. Doch mit dieser Erwartung wird niemand zu diesem Buch greifen. Denn viel zu groß ist längst schon Felicitas Hoppes Ruf als famose Artistin im Reich des Erzählens. Zuletzt hat sie ihre Leserinnen und Leser in „Prawda“ auf eine Reise durch die USA mitgenommen, bei der man auch nicht immer wusste, wo man gerade war.

Fuhr sie ehedem mit gedrosseltem Tempo durch die Staaten (man kennt ja die dortigen Geschwindigkeitsbegrenzungen), so dümpelt sie nun als „stummer Zeuge“ (mit Fernglas) im lecken Beiboot. Allerdings eilt die Erzählung flott und fintenreich voran. Das alte Sagengewebe und das aktuelle Festspielwesen in der Nibelungen-Metropole Worms werden furios zusammengemixt. So geht es einerseits um Hochzeit und Heldentum, Schatz und Schwert, Drache und Tod. Und anderseits gibt es Einblicke in Regiekonzepte und vor allem Pausen-Gespräche mit den handelnden Personen vor dem Wormser Dom.

Dietrich von Bern gibt Fußballtipps

Dabei vertraut Felicitas Hoppe abermals auf ihre stiltypischen Wiederholungen, die Leitmotiven gleichen. Zu ihnen gehören diesmal das „Halslöserätsel“ und die „Schneiderstrophe“, die wie Wortschöpfungen der Autorin anmuten, aber doch schon vor langer Zeit eingeführt worden sind. Auch lässt Hoppe den Assoziationen freien Lauf. Als einmal vom Köpfen die Rede ist, bei dem man den Kopf verlieren kann, kommt Dietrich von Bern beziehungsweise sein Darsteller auf das Kopfballspiel im Fußball zu sprechen: „Ein grundlegender Fehler ist, die Muskulatur im Nacken falsch anzuspannen.“  Den kompletten Schatz der Anspielungen, den dieser Roman zu bieten hat, werden wohl dereinst die Herausgeber der Hoppe‘schen Werkausgabe heben dürfen.

Das Nibelungenlied ist eine wichtige, aber selbstverständlich nicht die einzige Quelle der Helden- und Heldinnensaga. Im Nibelungenmuseum in Worms stießen wir auf diese Überblickstafel. Foto: Bücheratlas

Die sich eh schon aus vielen Quellen speisende Nibelungensage wird von Hoppe noch um einige Aspekte erweitert. So spielt nun auch das Baseler Museum für Gegenwartskunst hinein, in Sonderheit einer der dort tätigen Wärter. Aber dies nur am Rande, um vollends deutlich zu machen: Was uns hier aufgetischt wird, ist keine leichte Zwischenmahlzeit. Die Lektüre ist durchaus fordernd, aber eben auch stimulierend, beeindruckend in ihrer Verstiegenheit und nicht selten komisch. Wichtige Neuigkeiten gibt es auch. „Der Nibelungenschatz“, so erfahren wir beiläufig, „hat heute schätzungsweise einen Wert von über vierhundert Millionen Euro.“

Männerchor Worms-Piffligheim im Einsatz

Und der Stummfilm? Der könnte stimmkräftiger kaum sein. Gleichwohl wäre Hoppe nicht Hoppe, hielte sie nicht fest an diesem Gattungsbegriff. So gibt es einen so langen wie lustigen Abspann, aus dem hervorgeht, dass Quentin Tarantino für die Dramaturgie zuständig war, die Musik vom Männerchor Worms-Pfiffligheim besorgt wurde und für die Produktion der S. Fischer Verlag zuständig war.  Bei der „Zitation“ hat sie sich auf die Prosaübertragung von Manfred Bierwisch und Uwe Johnson (dem das Buch gewidmet ist) verlassen.  

Auch Frau Kettelhut, die im Roman selbst vielfach gewürdigt wird, findet noch einmal im Abspann Erwähnung als Zuständige für die Regie. Mit ihrem Namen wird der Bogen geschlagen zu Fritz Kettelhut, der die Bauten zu Fritz Langs „Die Nibelungen“ aus dem Jahre 1924 beigesteuert hat. Das war, vor bald 100 Jahren, tatsächlich ein deutscher Stummfilm.

Martin Oehlen

Ein Beitrag des Rezensenten zu Felicitas Hoppes vorangegangenem Roman „Prawda“ ist im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen – und zwar HIER .

Auf Lesereise ist Felicitas Hoppe in den kommenden Wochen: Bielefeld (8. 10.), Stuttgart (11. 10.), Hannover (12. 10.), Wiesbaden (13. 10.), Frankfurt am Main (20. 10.), Bonn (25. 10.), Freiburg (14. 11.) und bald darauf auch im Literaturhaus Köln.

In Worms finden die nächsten Nibelungen-Festspiele vom 15. Juli bis 31. Juki 2022 statt. Roger Vontobel inszeniert das Ferdinand Schmalz ersonnene Königinnendrama der Nibelungen. In der „Hildensaga“ sollen die Frauen, vor allem Brünhild und Kriemhild, im Zentrum stehen.

Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen – Ein deutscher Stummfilm“, S. Fischer, 256 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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