„Wonderlands“ führt zu 100 Fantasiewelten – von Homer über H. G. Wells und Richard Wagner bis zu Murakami

Foto: Bücheratlas

Was verbindet die „Odyssee“ und „Game of Thrones“, was Franz Kafka und Stephen King, was Richard Wagner und Cornelia Funke? Das Riesenrätsel lösen wir gerne auf. Die Antwort lautet: Ein Buch. Laura Miller, Journalistin in New York, hat den Band „Wonderlands“ herausgegeben, der nun auf Deutsch in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (beim Imprint wbgTheiss) erscheint.  Darin geht es um „die fantastischen Welten“ in der Literatur – ein weites Feld.

Es ist eine Reise, bei der immer dann Station gemacht wird, wenn sagenhafte Gestalten und parallele Welten auftauchen, Utopien und Dystopien. Der Fantasy-Begriff wird hier sehr weit gefasst. Das führt dazu, dass es an gut gewählten Leseempfehlungen nicht mangelt.

Zumal das erste Kapitel, das sich „alten Mythen & Legenden“ zuwendet, stellt Werke vor, die zu 90 Prozent aus dem Olymp der Weltliteratur stammen, also zwingend zum Kanon zählen: „Gilgamesch-Epos“, Homer, Ovid, „Beowulf“, „Tausendundeine Nacht“, „Mabinogion“, Dante und so weiter. Auch die folgenden Kapitel sind gespickt mit Highlights. So finden wir im fünften und letzten Kapitel, das sich dem „Computerzeitalter“ zuwendet, Werke von Kazuo Ishiguro, Margaret Atwood, David Foster Wallace, von Rushdie, Murakami, Chabon.

Aber auch einige Autoren, die noch nicht in aller Munde sind, werden einem schmackhaft gemacht. Dazu gehört „Die gleißende Welt“ (1666) von Margaret Cavendish, die eine Frau am Nordpol in eine andere Welt eintreten lässt. Oder „Erewhon“ (1872) von Samuel Butler, der als „einer der eloquentesten Skeptiker seiner Zeit“ vorgestellt wird und hier einen frühen Beitrag zur „Künstlichen Intelligenz“ liefert. Ein letztes Beispiel: Edward Bellamys „Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“ (1888). Was Bellamy sich da für unsere Gegenwart ausgedacht hat, aus der er zu erzählen vorgibt, ist allerdings noch nicht eingetreten. Er schreibt über das Jahr 2000: „Die Arbeit ist leicht und einträglich, das Rentenalter liegt bei 45 Jahren.“

Generell variieren die zwischen zwei und sechs Seiten langen Ausführungen in der Substanz. Das liegt natürlich daran, dass insgesamt 42 Fachleute beteiligt sind. Von ihnen gibt es jeweils ein wenig zur Entstehungsgeschichte und viel zum Inhalt des ausgewählten Werks. Sehr gerne wird die „Botschaft“ oder die „Moral“ mitgeteilt. Und abschließend finden sich Angaben zum Fortwirken, zumal zur Rezeption in Literatur und Film. Klar ist, dass aufgrund der Kurzstrecke manches unter den Tisch fällt. Aber ein grober Einstieg wird immerhin stets geboten.

Vor allem Wissenschaftler und Publizisten aus den USA und aus Großbritannien kommen mit ihren Werk-Vorstellungen zu Wort. Diese angelsächsische Perspektive fällt auf bei der Auswahl der Titel und ihrer Darstellung. Das ist okay. Aber in einem Fall wird diese Sichtweise allzu eklatant. Anlässlich von Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5“ wird behauptet, dass sich die Geschichtsschreibung – gemeint ist wohl die britische – über den Bombenangriff auf Dresden meist in Schweigen hülle. Und mit Bezug auf dieses angebliche „Schweigen“ wird Hitler zitiert, der gesagt habe, dass Sieger nicht danach gefragt werden, ob sie die Wahrheit sagten. Hitler als Quelle anzugeben wie jede andere – das ist nichts als deplatziert.  

Durchweg wird Der von Laura Miller herausgegebene Überblick von einer populären Darstellung geprägt. Dazu trägt auch das sehr offensive Bilderangebot bei. „Wonderlands“ ist eine literarische Revue – schnell und bunt.

Martin Oehlen

Laura Miller (Hrsg.): „Wonderlands“, dt. von Hanne Henninger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser, wbgTheiss, 320 Seiten, 28 Euro.

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