Trauer um den Vater, Zorn über Ärzte, Priester, Bürokraten: „Sterben im Sommer“ von Zsuzsa Bánk

Foto: Bücheratlas

„Jedem geschieht es, jeder stirbt, und jeder verliert eines Tages seine Eltern.“ schreibt Zsuzsa Bánk. Und sie fragt sich drei Zeilen weiter: „Warum mache ich es zu etwas Herausragendem?“ Die Antwort kennt sie selbstverständlich: „Es zählt nicht, wenn andere das vor uns erlebt haben und wir daran teilhatten. Es zählt, dass wir es erleben.“ Da ist ein Wort so wahr wie das andere.

Allerdings schildern nicht alle Kinder den Verlust der Eltern ausführlich in aller Öffentlichkeit. „Sterben im Sommer“ heißt jetzt das Buch der in Frankfurt am Main lebenden Autorin, das sie an diesem Donnerstag im Literaturhaus Köln vorstellen wird. Darin schildert sie die schwere Krebserkrankung ihres Vaters, eine Odyssee durch die Krankenhäuser, den Tod und das Weinen.

Das ist also kein leichtes Buch. Bei der Lektüre ist man immer wieder dankbar, wenn es Ausflüge in die Vergangenheit gibt, nach Ungarn, von wo die Eltern 1956 Richtung Westen geflohen sind. Da gelingen Bánk sehr schöne Vignetten. Wunderbar die Betrachtung über das „jó úszás“, das gute Schwimmen im Balaton, dem Plattensee. Gemeint ist damit eine Empfindung, die einen Schwimmer überkommt, der sich deutlich vom Ufer entfernt hat: „Weit draußen im See, wo das Blau des Wassers nach dem Blau des Himmels greift und in Wettstreit mit ihm tritt, scheint diese Welt unerheblich, vergessen.“

Gegen solch paradiesischen Szenen stehen im Text die vielen bitteren Szenen um Krankheit, Warten, Abschied und Bürokratie. Die Erzählerin beginnt ihren Vater schon zu vermissen, als er noch unter den Lebenden ist. Neben dem Schmerz gibt es den Unmut. Der richtet sich gegen den ADAC, diesen „Nervenfresser“, bei dem eiskalt kalkulierte Verzögerungstaktiken für möglich gehalten werden. Der richtet sich weiter gegen medizinisches Personal – die Begegnung „mit einer gehetzten, lieblosen Schwester, die uns mit jeder Bewegung, jedem Blick bedeutete, in keinem Fall ansprechbar zu sein“, ist kein Einzelfall. „Garstig“ ein Gesicht auf den Gängen, „garstig“ ein Arzt. Dann noch das „zähe Bitten um Hilfe“ bei der Krankenkasse, der Konflikt mit dem Sozialdienst, schließlich der Pfarrer, der nicht zur Verfügung steht.  

„Sterben im Sommer“ ist eine Hommage auf den Vater. Vor allem aber ist es ein Buch der Trauer und des Zorns. Gut möglich ist, dass die Niederschrift der Autorin in ihrem Kummer geholfen hat. Ebenso ist vorstellbar, dass Zsuzsa Bánk mit ihrem Text anderen Trauernden beistehen kann. Auch wenn nicht zählt, wie sie schreibt, dass andere all das schon erlebt haben, sondern dass nur zählt, „dass wir es erleben“.

Martin Oehlen

Die Lesung mit Zsuzsa Bánk an diesem Donnerstag im Kölner Literaturhaus ist ausverkauft.

Zsuzsa Bánk: „Sterben im Sommer“, S. Fischer, 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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