Stille Helden während der Nazi-Diktatur: Studie über „Rettungswiderstand in der Wehrmacht“

Foto: Bücheratlas

„Rettungswiderstand“ ist eine Vokabel, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt und in der Geschichtsforschung noch nicht lange geläufig ist. Nun widmet sich Christiane Goos dem Phänomen im von den Deutschen besetzten Polen zwischen 1939 und 1945. Der Historikerin geht es um jene Angehörigen der deutschen Wehrmacht, die ihr Leben gefährdet haben, um verfolgten Juden zu helfen. Dabei handelt es sich um eine Göttinger Dissertation, die in dem zu Velbrück gehörenden Verlag v. Hase & Koehler erscheint.

„Retter in Uniform“ im besetzten Polen

Es waren gewiss nur wenige „Retter in Uniform“. Aber es gab sie. Christiane Goos macht 28 Personen für das von ihr untersuchte Gebiet aus. Deutlich wird dadurch, dass es nicht nur den militärischen und den studentischen Widerstand gab, nicht nur das Attentat vom 20. Juli 1944 und die Flugblätter der Weißen Rose.

Selbstverständlich zielt die umsichtige und erhellende Untersuchung nicht darauf ab, die Verbrechen des Nationalsozialismus im Allgemeinen und die der Wehrmacht im Besonderen zu relativieren. Ja, das Gegenteil ist der Fall. Denn Goos zeigt auf, dass Hilfe möglich war. Genau dies mag ein Grund dafür sein, so schreibt sie in ihrer Einleitung, dass im Nachkriegsdeutschland von den „stillen Helden“ kaum einmal die Rede war: „Die schlichte Tatsache, dass es diese Menschen gab, konfrontierte die Angehörigen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft mit ihrer eigenen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus.“  

Der Rettungswiderstand – ein Begriff von Arno Lustiger – kennt viele Erscheinungsformen und Motive. Die Wehrmachtsangehörigen versteckten verfolgte Juden, besorgten gefälschte Dokumente, verhalfen zur Flucht oder boten mit einem Arbeitsplatz relative Sicherheit (der Unternehmer Oskar Schindler war nicht der einzige, der auf diese Weise Leben rettete).

Juden unter Ziegelsteinen versteckt

Goos schildert mehrere Einzelfälle. So auch den Fall des Gerhard Kurzbach, der  Leiter eines Heereskraftfahrparks (HKP) war, wo man sich um die Reparatur  von Militärfahrzeugen kümmerte. Er befahl eines Tages, dass seine 200 jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter am Abend nicht zurück ins Ghetto von Bochnia gebracht werden sollten. Als Grund gab er an, wegen des hohen Arbeitsaufkommens sollte am nächsten Morgen so früh wie möglich die nächste Schicht beginnen – in jener Nacht des Jahres 1942 wurde im Ghetto die erste Deportation in ein Vernichtungslager durchgeführt.

Offenbar hatte Kurzbach von dem bevorstehenden Abtransport erfahren und die Arbeiterinnen und Arbeiter davor bewahrt, indem er sie in der Werkstatt zurückhielt. Weitere riskante Hilfsaktionen folgten. So organisierte Kurzbach einen Lastwagen mit Ziegelsteinen, unter denen sich Juden verstecken und fliehen konnten. Kurzbach selbst starb 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

„Gerechte unter den Völkern“

Die Quellenlage zu diesen Wehrmachtssoldaten ist allemal bescheiden. Denn selbstverständlich weihten die Helfer kaum jemanden in ihre Aktionen ein. Sie mussten das Risiko minimieren, wegen „Judenbegünstigung“ denunziert und verurteilt zu werden. Aber es gab Zeugen auf Seiten der Helfer und auf Seiten der Geretteten. Die Historikerin Goos hat solche Zeugnisse nicht zuletzt in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ausfindig gemacht. Dort werden „Gerechte unter den Völkern“ schon seit 1963 geehrt.

Christiane Goos beklagt in ihrem Fazit, dass die „Nischenbereiche“ des Widerstands in der Bildungspolitik nicht ausreichend berücksichtigt werden. Und sie verweist auf Defizite im Traditionsbewusstsein der Bundeswehr: „Durch eine öffentliche Anerkennung der Retter in Uniform würde ein Zeichen für die nachfolgenden Bundeswehrsoldaten gesetzt werden, sich in Situationen, in denen wichtige Kriegs- und Völkerrechte außer Kraft treten, ein Beispiel an ihnen zu nehmen und sich im richtigen Momente gegen Konformität und für Gerechtigkeit und Humanität einzusetzen.“

Martin Oehlen

Christiane Goos: „‚Ich habe mich geschämt, dass ich zu denen gehöre…‘ – Rettungswiderstand in der Wehrmacht im besetzten Polen 1939 bis 1945“, v. Hase & Koehler Verlag, 386 Seiten, 39,90 Euro. 

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