Goncourt-Gewinner Jean-Paul Dubois mit dem langen Titel zum großen Werk: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“

Dubois2

Im Montreal der 80er Jahre wird Romanheld Paul heimisch – in „einer der wenigen Städte auf der Welt, die einem vermitteln, die Stöße und Erschütterungen des Lebens abzufedern, das Unglück schlucken oder mildern zu können.“ Foto: Bücheratlas

Paul Hansen sitzt in Kanada hinter Gittern. Was ihn in diese missliche Lage gebracht hat? So schnell erfahren wir das nicht. Zwar gewinnt eine Vermutung mehr und mehr an Boden. Doch Gewissheit gibt es erst gegen Ende des tragikomischen, so anrührenden wie durchweg hinreißenden Romans von Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“.

Paul – so heißen die meisten männlichen Helden im Werk des französischen Schriftstellers, der Soziologie studiert und als Journalist gearbeitet hat. Über 20 Romane hat Dubois seit seinem Debüt im Jahre 1984 veröffentlicht. Er beginne seine Romane immer im März, hat er im Interview mit „Le Monde“ gesagt, und er schreibe schnell. Da kommt also einiges zusammen. Allerdings ist von alledem bislang nur sehr wenig auf Deutsch erschienen. Umso glücklicher kann sich der Deutsche Taschenbuch Verlag schätzen, dass er nun diesen im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman veröffentlichen kann.

Kinos und Kirchen schließen

Darin erzählt Paul Hansen aus seinem Leben zwischen Frankreich, Dänemark und Kanada. Dieses Leben begann am 20. Februar 1955 gegen 22 Uhr in einer Klinik in Toulouse: „In dem mir zugeteilten Zimmer betrachteten mich zwei Personen, die ich nie zuvor gesehen habe, beim Schlafen.“ Bei diesen Personen handelte es sich um den dänischen Pastor Johanes Hansen und die französische Kino-Betreiberin Anne Margerit.

Bemerkenswert an diesen Eltern war, dass Anne nichts mit der Kirche zu tun haben wollte, für die Paul auf die Kanzel trat. Allerdings wuchs auch bei Johanes nahezu von Messe zu Messe der Zweifel an dem, was er predigte. Die Welt befand sich im Wandel, kommentiert der Ich-Erzähler rückblickend im Jahre 2010: „Genau wie die kleinen Kinos erlebten auch die Kirchen ihre letzten schönen Tage.“

Der revolutionstrunkene Mai 1968 hat dieser Nord-Süd-Verbindung nicht gutgetan. Da gab es die ersten Risse. Doch zum Bruch kam es erst 1975. In jenem Jahr hatte es sich Anne zum Ziel gesetzt, der öffentlichen Empörung zu trotzen und den Pornofilm „Deep Throat“ in ihrem Programmkino zu zeigen. Das fand Ehemann Johanes nicht mehr hinnehmbar. Nicht wegen der Qualität des Films, dessen Dialoge „auf einen Konfettischnipsel“ passten, sondern wegen der Rufschädigung, die er dadurch als Pastor erfuhr. Johanes zog aus, auf und davon ins ferne Kanada – und der Sohn folgte ihm ein Jahr später.

Ein Kümmerer in Montreal

Im Montreal der 80er Jahre wird Paul heimisch – in „einer der wenigen Städte auf der Welt, die einem vermitteln, die Stöße und Erschütterungen des Lebens abzufedern, das Unglück schlucken oder mildern zu können.“ Als Oberverwalter der komfortablen Wohnanlage „Excelsior“ ist er zuständig für alle Hausmeisterarbeiten vom Pool bis zur Müllabfuhr. Darüber hinaus ist er jederzeit bereit, sich die privaten Sorgen der 63 Eigentümer anzuhören und zu helfen, wo es ihm möglich ist. Ein Kümmerer.

Ja, ihm wächst dieses Soziotop ans Herz. Bis dann eines Tages ein neuer Vorsitzender der Eigentümer-Versammlung gewählt wird: Edouard Sedgwick. Ein Sparfuchs und Paragraphenreiter. Ein Ekel. Der sagt: „Ihre Arbeit ist die Instandhaltung des Hauses und nicht die seiner Bewohner. Und Sie haben keinerlei persönliche Initiative zu ergreifen, ohne dies mit mir abzusprechen. Zum Beispiel Blumen zu der Beerdigung eines Arbeiters zu bringen, der weniger als eine Woche bei uns gearbeitet hat.“ Auch dürfe Pauls Ehefrau Winona nicht mehr den hauseigenen Swimmingpool benutzen, und der Hündin Nouk sei der Zutritt zum Garten verwehrt. All das ist demütigend. Doch den Schikanen zum Trotz wahrt Paul erst einmal die Ruhe.

Rocker mit Angst vorm Friseur

Paul Hansens Ich-Erzählung ist auf zwei Ebenen angesiedelt. Regelmäßig wechselt er zwischen dem Jetzt im Gefängnis und dem Damals in Freiheit – und dann gibt es noch einen Epilog in Skagen, der Heimat seines Vaters.

Was wir über das Gefängnis erfahren, ist kurioser als man meinen könnte. Denn dort lernen wir Patrick Horton kennen, Pauls imposanten Zellengenossen. Dieser Hüne ist ein loyales Mitglied der Hells Angels und ein inbrünstiger Verehrer der Harley Davidson. Es empfiehlt sich, Patrick in keiner Weise in die Quere zu kommen. Alle Insassen wissen, dass er sich auf Argumente nicht gerne einlässt.

Aber auch so ein grober Klotz hat seine zarten Saiten beziehungsweise schwachen Stellen. Amüsant ist es zu sehen, wenn aus diesem Mammut von Mann eine Maus wird. Für Patrick ist es eine Herausforderung auf Leben und Tod, wenn ihm die Haare geschnitten werden. Das konnte im Grunde nur seine Mutter. Aber auch Paul hat Talent. Zwar muss sich der Motorrad-Rocker ab und an flach auf den Zellenboden legen, weil er der Angst nicht mehr Herr wird – denn jedes einzelne Haar ist doch ein vitaler Teil von ihm. Aber Paul kriegt es bald schon hin, dass der Schnitt der Schere nicht einmal zu hören ist. Als das Frisur-Projekt abgeschlossen ist, wird Patrick sentimental: „Ist bescheuert, aber das treibt mir die Tränen in die Augen.“

Winona in der Einmotorigen

Paul hingegen wird es weich ums Herz, wenn er an seine Toten denkt. Zumal an Winona Mapechee, die Liebe seines Lebens. Die Indianerin vom Stamme der Algonkin väterlicherseits und Irin mütterlicherseits gehörte zu den Frauen, „die in jeder Sekunde in dem Bewusstsein leben, dass das Leben viel zu kurz und zu wertvoll ist, um es in den Warteschlangen zweitrangiger Probleme auszubremsen“. Winona war Pilotin einer Beaver, eines einmotorigen Flugzeugs, das auf Schwimmern, Kufen oder notfalls auch auf Rädern landen kann. Auch hat sie Paul einiges aus der Welt des Schamanismus anvertraut, vom Ritual des bebenden Zeltes und vom Karibu, das nur unter dem Maul weiß gefleckt ist. Nicht einmal eine klitzekleine Übellaunigkeit relativierte ihre Liebe. Das Paar war nichts als glücklich.

Dass Winona nicht mehr unter den Lebenden ist, wird sofort verraten. Wie es dazu kam, können Dubois-Leser früh erahnen. Denn der Autor hat in seinen Romanen schon so manchen Flugzeugunfall untergebracht. Überhaupt hegt er eine sympathische Treue zu Motiven und Protagonisten. So schenkt Dubois Kraftfahrzeugen regelmäßig seine Aufmerksamkeit. Diesmal rollen ein Ford Bronco und ein Honda Civic durch die Seiten, bleibt ein NSU Ro 80 in Aarhus, Hamburg und Dortmund liegen und verunglücken Pauls Großeltern in einem Citroen DS. Auch rumpelt einmal ein John-Deree-Traktor quer durch Kanada – vom Pazifik bis zum Atlantik.

„Jeg er stolt af dig“

Ein intensiver Roman ist das, reich an Episoden und Korrespondenzen, mit einem schlüssigen Plot und einem entspannten Ton, eingebettet in die real existierende Welt zwischen den 68ern und Barack Obama und versehen mit einigen zeitkritischen Einlassungen: „Der Beginn der 2000er Jahre markierte eine wahre Zurschaustellung von Exerzitien der Mittelmäßigkeit, bei denen jeder darauf zu brennen schien, zu brillieren.“

Dubois zeigt uns eine moralisch zersplitterte Welt. Wir entdecken die Guten und die Bösen. Auf der einen Seite gibt es die „Cost Killer“ ohne Mitgefühl oder die „Casuality Adjuster“, die für die Lebensversicherungen den Wert eines Lebens kleinrechnen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen wie Paul und Winona und einige mehr, die hilfsbereit sind und den Anstand wahren – und damit ihr Gesicht.

Weshalb ein solcher Menschenfreund im Gefängnis landet, wird dann auch noch erzählt. Hier nur so viel: Da gab es einen Moment, in dem ihm „die Wölfe den Weg wiesen“. Dass Pauls Tat, die er nicht bereut, in einem Rechtsstaat für eine Bestrafung infrage kommt, ist gewiss. Trotzdem hätte ihm sein Vater, wäre er noch unter den Lebenden gewesen, bei der Entlassung aus der Haft auf die Schulter geklopft. So wie damals, als Paul das Abitur trotz einiger Mühen machte und Johanes auf Dänisch sagte: „Min son, jeg er stolt af dig.“ Mein Sohn, ich bin stolz auf dich.

Martin Oehlen

Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, dt. von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver, dtv, 256 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Dubois

2 Gedanken zu “Goncourt-Gewinner Jean-Paul Dubois mit dem langen Titel zum großen Werk: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“

Schreibe eine Antwort zu Wolfgang Schiffer Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s