Dave Eggers erzählt in seinem Kurzroman „Die Parade“ von Bürgerkrieg, Straßenbau und der RS-80

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Foto: Bücheratlas

Die Sicherheitslage ist heikel. Der Bürgerkrieg, der den namenlosen Staat zerschunden hat, ist gerade erst beendet worden. Jetzt gilt es, eine Straße zu asphaltieren, die endlich die moderne Hauptstadt im Norden mit dem ländlich-armen Süden verbinden soll. Die Zeit drängt, denn der Diktator will in wenigen Wochen eine Siegesparade abhalten. Wenn alles rund läuft, sollte das klappen – die RS-80 ist nämlich eine Wundermaschine des Asphaltierens. Das High-Tech-Gefährt verrichtet sämtliche Arbeitsschritte auf einmal, während es langsam voranrollt, und versieht die frische Fahrbanddecke auch noch umgehend mit einem doppelten Mittelstreifen.

Nur zwei Männer sind für diese Arbeit erforderlich, eingeflogen von einer Spezialfirma, die ihren Angestellten strenge Auflagen macht. Dazu gehört, dass die Männer Decknamen tragen, die Maschine nie alleine lassen und ihre Waffen regelmäßig überprüfen. Das soll helfen gegen Überfälle und Entführungen. Vier – so der eine Deckname – sitzt am Steuer der RS-80. Neun – so der andere – auf einem Quad, auf dem er vorfährt, um die Trasse freizuhalten von Tieren, Menschen, Hindernissen.

Die beiden Angestellten sind ein Paar, das kaum unterschiedlicher sein könnte. Neun ist ein Mann, der sich für Land und Leute interessiert und das Vergnügen sucht, was die Firma allerdings untersagt hat. Vier hingegen hält sich so penibel an die vertraglichen Vorgaben, dass er sogar den Blickkontakt zur Bevölkerung zu vermeiden trachtet. Kann das gutgehen?

Die Versuchsanordnung ist überschaubar konstruiert. Gleichwohl packt Dave Eggers den Leser bald schon mit einer Geschichte, die stark kondensiert ist. Da bleibt kein Platz für feinnervige Differenzierungen oder varriirende Erzählstränge. Ein Kammerspiel der Antipoden. Eine Parabel vom richtigen und falschen Verhalten – und wie schwer es ist, das jeweils zu entscheiden.

Erzählt wird aus der Perspektive von Vier. Er ist der Routinier und versteht sich als Vorgesetzter, wenngleich Neun, der Debütant, sein eigenes Ding macht. Vier schaut vom Fahrersitz der hoch entwickelten Maschine herab auf ein unterentwickeltes Land, dessen Bewohner er nicht versteht und deren Absichten er verkennt. Hingegen geht bei Neun die Hilfsbereitschaft so weit, dass er das Satelliten-Telefon und die Arzneimittel verschenkt – was ihm beinahe das Leben kostet, als der Notruf nicht getätigt werden kann und die Antibiotika fehlen.

Wer noch nicht wusste, dass Entwicklungshilfe in Bürgerkriegsländern eine herausfordernde Angelegenheit ist, wird hier auf den Stand gebracht. Konkret heißt das in diesem Falle: Wer hat das größte Interesse am Straßenbau? Die Antwort ist – wie bei den Charakter-Models Vier und Neun – nicht so einfach. Die Armen im Süden gelangen über das Asphaltband so schnell wie nie zuvor zu den medizinischen Einrichtungen der Hauptstadt. Den Händlern optimiert es die Absatzmöglichkeiten. Den Behörden die bessere Kontrolle des Landes. Und dem Militär den Zugriff. Zumal der letzte Aspekt spielt beim Romanfinale eine wichtige, jedoch von uns nicht zu spoilernde Rolle.

Verblüffend ist die Schlusseinstellung in mancherlei Hinsicht. Auch formal. Da strapaziert der US-Autor sehr die Möglichkeiten eines Flugzeugpassagiers, beim Steigflug die eskalierenden Ereignisse auf der entschwindenden Asphaltstraße zu erkennen. Doch das ändert nichts am Gesamteindruck: „Die Parade“ ist ein kompaktes Leseerlebnis, ein angenehm irritierender Kurzroman.

Dave Eggers hat noch mehr im Angebot. Kiepenheuer & Witsch bietet zeitgleich seine apokalyptische Trump-Satire „Der größte Kapitän aller Zeiten“ an. Die stellen wir als nächstes vor.

Martin Oehlen

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Wer nun dieses Werk (oder ein anderes) erwerben will, der ist beim lokalen Buchhandel bestens aufgehoben. Nicht vergessen – sehr viele Buchhändlerinnen und Buchhändler bieten ihre Titel online an und liefern frei Haus. Der deutsche Buchhandel ist einzigartig aufgestellt – das soll er auch bleiben.

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Dave Eggers: „Die Parade“, dt. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Kiepenheuer & Witsch, 184 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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