CIA und Bananen: Mario Vargas Llosas Roman über „Harte Jahre“ in Guatemala

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Bananen auf einem Markt in Guatemala Foto: Bücheratlas

Der Klarstellung am Ende des Romans hätte es im Grunde nicht bedurft. Doch Mario Vargas Llosa will keinen Zweifel an der Zielrichtung aufkommen lassen. Deshalb fasst der peruanisch-spanische Autor auf der letzten Seite von „Harte Jahre“ noch einmal zusammen: „Unterm Strich verzögerte die us-amerikanische Intervention in Guatemala die Demokratisierung des Kontinents um Jahrzehnte und kostete Tausenden von Menschen das Leben“.

Der amerikanische Einfluss

In keinem seiner insgesamt 19 Romane hat der Literatur-Nobelpreisträger von 2010 die USA so zentral kritisiert wie diesmal. Die Großmacht habe 1954 unter Dwight D. Eisenhower erheblich dazu beigetragen, den Mythos vom Sozialismus in ganz Lateinamerika zu verbreiten. Was nicht in diesen Roman gehört, aber von Mario Vargas Llosa selbst immer wieder geschildert worden ist: Auch er sah eine Weile in Fidel Castro eine Lichtgestalt und in Kuba ein Land der Hoffnung. Doch bald schon wandte er sich entschieden ab von solchen Illusionen.

Es geht also um eine Wendemarke in der Geschichte Lateinamerikas. Schauplatz der Handlung: Guatemala. Schon Juan José Arévalo, der 1945 zum Präsidenten des mittelamerikanischen Landes gewählt worden war, hatte sozial- und wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen, die aufhorchen ließen: Gewerkschaften wurden zugelassen, Monopole sollten beseitigt werden. Als sich dann sein Nachfolger Jacobo Arbenz im Jahre 1951 anschickte, diese Politik fortzuführen und eine Agrarreform zu initiieren, die den guatemaltekischen Bauern zugutekommen sollte, schrillten bei der United Fruit Company (UFC) alle Alarmglocken. Das us-amerikanische Unternehmen, das in Lateinamerika und eben auch in Guatemala riesige Bananen-Plantagen besaß, sah seine Privilegien und damit seine Profite in Gefahr. Hilfesuchend wandte sich die UFC an die CIA.

Manipulation der Massen

Ja, was konnte der US-Geheimdienst in so einem Fall tun? Er beschloss, Präsident Arbenz zu diskreditieren. Ein gewisser Edward Louis Bernays übernahm die Leitung der „politischen Kriegsführung“. Schon im Jahre 1928 hatte der Neffe Sigmund Freuds in seinem Buch „Propaganda“ geschrieben: „In einer demokratischen Gesellschaft ist die bewusste und intelligente Manipulation der formierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ein wesentliches Element.“ Bernays war somit einer der ersten Theoretiker der „Fake News“. Und nun erhielt er von der US-Regierung grünes Licht, seine Theorie in großem Stil in die Tat umzusetzen.

Die CIA streute und nährte das Gerücht, dass sich Guatemala unter Präsident Arbenz zu einem Brückenkopf der kommunistischen Sowjetunion entwickele. Zu Zeiten des Kalten Krieges fielen solche Verleumdungen auf fruchtbaren Boden. Dass Arbenz selbst ein erklärter Gegner des Kommunismus war und sich für Kapitalismus und Demokratie aussprach, war für dieses Schurkenstück ohne Bedeutung. Bald schon war der von den USA inszenierte Putsch vollbracht: Arbenz musste 1954 dem Widerstand des Militärs weichen, begab sich auf eine Exil-Odyssee und kam schließlich im Jahre 1971 zu Tode, in Mexiko-Stadt in einer Badewanne.

Sein Nachfolger in Guatemala wurde – nach einigen Intermezzi – Carlos Castillo Armas. Der tat, was Washington von ihm erwartet hatte: Er machte die Sozialreformen rückgängig und erfreute solcherart die United Fruit Company. So geht es halt zu in einer Bananenrepublik. Armas übte sein Amt allerdings nur drei Jahre aus. Dann wurde er während eines Abendessens erschossen.

Von Diktatur zu Diktatur

Von der Politik im Zeichen der Ruchlosigkeit hat Mario Vargas Llosa, der 1990 selbst einmal für die Präsidentschaft in Peru kandidierte, schon einige Male erzählt. Doch nicht nur deshalb fügt sich „Tiempos recios“ – der Originaltitel geht auf ein Zitat der Mystikerin Teresa von Avila zurück – bestens in sein Werkverzeichnis ein. Auch ist sein neuer Roman vielfach verbunden mit dem vor 20 Jahren erschienenen „Fest des Ziegenbocks“ über den Diktator Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik. Trujillo spielt auch jetzt eine Rolle. Doch noch mehr literarische Aufmerksamkeit erfährt sein Geheimdienstchef Johnny Abbes García. Dessen Ermordung durch die blutschlürfende Miliz der Tontons Mascoutes auf Haiti schildert Vargas Llosa in „Das Fest des Ziegenbocks“ und nun in „Harte Jahre“. Eine solch markante Mordszene gleich zweimal zu erzählen, wagt nur ein Autor, der sich seiner Kunst sehr sicher ist.

Allein schon die nackten Fakten, welche die Quellen zum Putsch von 1954 liefern, ergeben einen Plot, der staunen lässt. Doch die historische Wahrheit, wie Vargas Llosa sie versteht, gelangt erst zu Tiefe und Klarheit durch seine geschmeidige Verbindung der Tatsachen. Dazu bedarf es einiger Dialoge und Szenen, die in keiner Akte stehen und daher der Imagination bedürfen, an der es Vargas Llosa bekanntlich nicht mangelt. Doch seine Fiktion respektiert die Fakten. Das wird auch an der Klammer deutlich, die diesen Roman zusammenhält. So bietet das Einleitungskapitel einen Abriss der historischen Ereignisse, die sodann aus der Nahsicht und im Detail geschildert werden; und das Schlusskapitel ist eine Reportage des Besuchs, den Mario Vargas Llosa im Zuge seiner Recherchen bei „Miss Guatemala“ in den USA absolviert hat.

Hausbesuch bei „Miss Guatemala“

Diese Marta Borrero Parra, die den „Miss“-Titel als Baby von ihren Eltern erhalten hatte, ist eine der schillerndsten und faszinierendsten Personen des Romans. Nicht nur war sie die allseits bekannte Geliebte des verheirateten Präsidenten Arbenz – bis zu seinem Sturz. Auch lieferte sie dem amerikanischen Geheimdienst regelmäßig Informationen aus erster Hand. Nach dem Putsch floh sie in die Dominikanische Republik, wo sie dem Diktator Trujillo ihre Aufwartung machen konnte.

Als Vargas Llosa „Miss Guatemala“ in ihrem Haus irgendwo zwischen Washington D. C. und Virginia besucht, gerät das zunächst gefällig verlaufende Gespräch plötzlich in eine Frostphase. Die Frage des investigativen Romanciers, wie denn ihre Verbindung zum CIA gewesen sei, kommt nicht gut an: „No comment“ von ihrer Seite. Und beim Abschied teilt sie dem Autor mit: „Machen Sie sich nicht die Mühe, mir ihr Buch nach Erscheinen zu schicken, Don Mario. Ich werde es auf keinen Fall lesen. Aber meine Anwälte werden es lesen, nur dass Sie es wissen.“ Dies mag der Grund dafür sein, dass Vargas Llosa nicht ihren echten Namen nennt, sondern sie als Marta Borrero Parra durch den Roman schickt.

„Harte Jahre“ spielt in der Vergangenheit und hat doch viel mit unserer Gegenwart zu tun. Mit Lügen und Verleumdungen, mit politischen Tricks und Inszenierungen, mit Diktatur und Demokratie. Diese Geschichte erzählt Geschichte. Das ist lehrreich, das ist spannend, das ist immer noch empörend. Mario Vargas Llosa macht es möglich.

Martin Oehlen

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Wer nun dieses Werk (oder ein anderes) erwerben will, der ist beim lokalen Buchhändler bestens aufgehoben. Nicht vergessen – sehr viele Buchhändlerinnen und Buchhändler bieten ihre Titel online an und liefern frei Haus. Der deutsche Buchhandel ist einzigartig – das soll er auch bleiben.

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Mario Vargas Llosa: „Harte Jahre“, dt. von Thomas Brovot, Suhrkamp, 412 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

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