Der Kampf um Singapur: Jeremy Tiang erzählt in „Das Gewicht der Zeit“ die Geschichte der Verlierer

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Stand mit den berühmt-berüchtigten, weil geruchsintensiven Durian-Früchten in Singapur Foto: Bücheratlas

Ausgerechnet in der Geisterbahn eines Vergnügungsparks im Singapur der 50er Jahre wird Siew Li angeworben. Die 14-jährige soll sich engagieren im linken Kampf gegen die staatliche Unterdrückung, die britische Kolonialherrschaft und die Willkür in Zeiten des Ausnahmezustands. So gerät Siew Li in eine Polit-Spur, in der sie – nach Hochzeit und Geburt von Zwillingen – zur Dschungel-Guerilla gelangt. Ehemann Jason Low, der gewissenhafte Staatsbeamte, und die Kinder Janet und Henry werden sie nie mehr wiedersehen. 

Jeremy Tiang erzählt in seinem Debüt-Roman „Das Gewicht der Zeit“ ein Kapitel der asiatischen Geschichte, das kaum bekannt ist. Womöglich weiß nicht einmal eine Mehrheit der Bevölkerung des Stadtstaates davon, der bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1965 zu Malaysia gehörte. „Singapur ist ein extremes Beispiel dafür, wie Geschichte von den Siegern geschrieben wird“, sagt der Autor im November 2017 im „Asian American Writer’s Workshop“ in New York City. Wer nicht zu den Siegern gehöre, der werde aus dem Narrativ gelöscht.

Um dem Mainstream etwas entgegenzusetzen, treffen sich einige ehemalige Linke, Gewerkschafter, Kommunisten einmal im Jahr, nämlich am chinesischen Neujahrstag, in einem Lokal in Singapur. Beim traditionellen Lunch versichern sie sich ihrer Vergangenheit: „Ja, das ist so geschehen, und ja, wir haben es erlebt.“ Tiang selbst hat ein solches Treffen besucht. Und er war auch in einem Dorf an der thailändisch-malaysischen Grenze, in dem ehemalige Dschungel-Kämpfer leben. Die Veteranen seien gerne bereit, sagt er, ihre Geschichte zu erzählen. Diese beiden Erinnerungsorte spielen auch im Roman eine prominente Rolle.

Sechs Kapitel, sechs unterschiedliche Perspektiven, sechs Zeitphasen – das ist die stabile Konstruktion des Romans. Er reicht vom Ende der 40er Jahre bis in die Gegenwart, bis ins Jahr 2015. Denn was damals geschehen ist, strahlt aus bis ins Heute. „State of Emergency“ heißt das Werk im Original, und in Malaysia und Singapur galt der Ausnahmezustand von 1948 bis 1960. Ein kurzer historischer Abriss im Anhang hätte diesem Werk gewiss nicht geschadet. Selbstverständlich ist es ein Kunstwerk, das für sich alleine stehen kann. Aber es versteht sich auch als historisches Denkmal.

Los geht es mit Jason Low. Er erinnert sich an die Zeit der „Konfrontasi“, des Konflikts zwischen Indonesien und der Malaysischen Föderation, als seine Schwester Mollie beim Bomben-Anschlag auf das MacDonald House an der Orchard Road im März 1965 ums Leben kam. Mollie war eines von drei Opfern – ein Mann und zwei Frauen (deren tatsächliche Vornamen Juliet und Elizabeth waren). Es folgt das Kapitel von Siew Li, der Hauptfigur, die voller kommunistischer Überzeugung an eine gerechtere Welt glaubt, in der die Menschen alles teilen. Wenn sie im Urwald an ihre Zwillinge denkt, die sie Hals über Kopf zurückgelassen hat, treibt sie eine Sorge um: „Hoffentlich hat man euch nicht beigebracht, mich zu hassen. Und wenn doch, so versucht mich trotzdem zu verstehen. Ich habe Entscheidungen getroffen, die richtig schienen, auch wenn es sich damals nicht angefühlt hat, als müssten Entscheidungen getroffen werden, sondern als gäbe es nur einen einzigen Weg.“

Mit Nam Teck lernen wir im dritten Kapitel das Dorf Batang Kali kennen. Britische Soldaten – Angehörige der „Scots Guards“ – hatten hier im Jahre 1948 ein Massaker begangen: „Britain‘s My Lai“. Die Journalistin Revathi macht sich im vierten Kapitel auf, um für den Londoner „Herald“ diese Geschichte zu recherchieren. Im fünften Kapitel wird die junge Stella, die sich in den 80er Jahren an einer kirchlichen Hilfsaktion für Hausangestellte beteiligt, ohne Gerichtsurteil eingekerkert. Wir lesen: „Letztlich unterschreib sie das Geständnis. Das tat jeder früher oder später. Man hatte keine andere Wahl. Niemand wollte sein restliches Leben in einer Zelle fristen und dabei nicht einmal als Märtyrer oder als Symbol des Widerstandes gelten.“

Im finalen Kapitel fährt Henry – der in England als Hochschullehrer arbeitet – heim nach Singapur. Dort fühlt er sich plötzlich gedrängt, den wenigen Spuren seiner Mutter Siew Li nachzugehen. Dabei macht er eine anrührende Entdeckung, die Jeremy Tiang für einen sehr feinen Schlusssatz nutzt. Nein, es ist nicht seine Mutter, die Henry im Urwald trifft, denn sie ist mittlerweile verstorben. Aber eine Überraschung erlebt er gleichwohl.

Der Autor sympathisiert mit seinen Protagonisten. Er wirbt nicht für ihre politischen Ansichten und Aktivitäten, aber er versucht zu ergründen, wie sie zu Kommunisten und Untergrundkämpfern geworden sind. „Das Gewicht der Zeit“, 2018 ausgezeichnet mit dem „Singapore Literature Prize“, erweitert auf farbige und eindrucksvolle Weise die Perspektiven auf die jüngere Geschichte Malaysias und Singapurs. Jeremy Tiang lässt diejenigen zu Wort kommen, die nicht zu den Siegern gehören.

Martin Oehlen

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Wer nun dieses Werk (oder ein anderes) erwerben will, der ist beim lokalen Buchhändler bestens aufgehoben. Nicht vergessen – sehr viele Buchhändlerinnen und Buchhändler bieten ihre Titel online an und liefern frei Haus. Der deutsche Buchhandel ist einzigartig – das soll er auch bleiben.

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Jeremy Tiang: „Das Gewicht der Zeit“, dt. von Susann Urbann, Residenz Verlag, 304 Seiten, 24 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Tiang

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