Ingo Schulzes Roman über einen Dresdener Antiquar zwischen Mauerfall und Pegida

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Dresden ist Schauplatz von Ingo Schulzes listenreichem Literaturspiel. Foto: Bücheratlas

Literatur mag keine Eindeutigkeiten. Das ist eine der Maximen des Antiquars Norbert Paulini aus Dresden. Alles andere sei „Schmarrn“. Insofern nimmt Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ die erste Qualitäts-Hürde mit Leichtigkeit. Denn eindeutig ist wenig an seiner Geschichte des Herrn Paulini, der mit seinem Antiquariat unter die Räder der deutschen Wiedervereinigung und die Fluten des Elb-Hochwassers gerät, sich offenbar vom Anhänger der Aufklärung zum Fremdenfeind wandelt und im Elbsandsteingebirge mit Begleitung zu Tode kommt. Ob es Unfall, Selbstmord oder gar Mord war? Die Spekulationen schießen gegen Ende herzerfrischend ins Kraut.

Ingo Schulzes durchaus fordernder Roman ist dreigeteilt. Erst ist es ein Porträt des Norbert Paulini, der schon als Neugeborener „auf Büchern gebettet“ war. Dann meldet sich der Autor zu Wort und klärt auf, warum er sich auf diesen Roman über den Antiquar eingelassen hat. Schließlich kommt die Lektorin ins Spiel, die auf die Vollendung des Manuskripts wartet.

Das Antiquariat, das der Grantler Paulini leitet, entwickelt sich zum Nonplusultra aller Bibliophilen und Bibliomanen in der DDR, zur „Insel der Seligen“. Dann der Mauerfall, den Paulini am liebsten nicht zur Kenntnis nehmen würde. Aber wie soll das gehen? Es geht nicht im Beruflichen: Er muss Insolvenz anmelden, weil der Markt nicht toleriert, wenn man ihn ignoriert. Und das Nicht-zur-Kenntnis-nehmen geht auch nicht im Privaten: Er trennt sich von der Stasi-Agentin Viola, mit der er den ins rechtsradikale Lager driftenden Sohn Julian hat. Doch auf seine „alte Welt“ lässt Paulini nichts kommen und warnt vor einer „Ost-Entleibung“. Er ist alles in allem eine ziemlich traurige Gestalt.

Der Roman im Roman bricht im 38. Kapitel mitten im Satz ab. Es folgt nun eine Art Werkstattbericht des Autors Schultze – ja, mit einem „t“ im Namen. Schultze erläutert, dass er über Paulini schreiben musste, um Klarheit über diesen Mann zu gewinnen. Dabei erfährt er, dass Lisa nicht nur des Antiquars Stütze, sondern auch seine Geliebte war. Dabei war sie doch auch des Erzählers Geliebte. Oha – eine „ménage à trois“. Zudem fördert Schultze im Zuge seiner Recherchen bei Paulini einiges zutage, das nach Starrsinn und nach Pegida klingt.

Schon schlägt der Roman eine dritte und letzte Volte. Jetzt erstattet Schultzes Lektorin Bericht, nachdem bekannt geworden ist, dass Paulini und Lisa ums Leben gekommen sind. Sie begibt sich von München aus nach Dresden, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Wie konnte es zu dem Todesfall kommen? Ja, und wo überhaupt war dieser Schultze zu jener Zeit?

Am Ende ist klar, dass nicht alles geklärt werden kann. Mögen wir uns auch nach Eindeutigkeiten sehnen, so neigt das Leben nun mal zur Komplexität. Das zeigt sich anhand der deutsch-deutschen Beziehungskiste, die Ingo Schulze – ja, der Autor ohne „t“ in der Namensmitte – hier ein weiteres Mal öffnet. Und es erweist sich an der nicht gerade neuen Beobachtung, dass die Lektüre der Klassiker keineswegs zwingend vor Fremdenfeindlichkeit und Starrsinn schützt.

Es ist nicht die Zeit der einfachen Antworten, der schnellen Zuschreibungen. All das weist Ingo Schulze auf sanft insistierende Weise in Form und Inhalt nach – in einem listenreichen, aber auch leicht sperrigen Roman.

Martin Oehlen

Lesungen mit Ingo Schulze:

in Berlin am 10. März um 19.30 Uhr im Literarischen Colloquium;

in Leipzig am 12. März um 20 Uhr im Haus des Buches (zahlreiche weitere Auftritte im Rahmen der Leipziger Buchmesse wurden wegen der Coronavirus-Krise abgesagt);

in Halle am 13. März um 21 Uhr im Literaturhaus;

in Leipzig am 14. März um 19 Uhr in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung;

in Dresden am 17. März um 19 Uhr in der Zentralbibliothek im Kulturplast;

in Erfurt am 18. März um 20.15 Uhr bei Hugendubel;

in Offenburg am 19. März um 20 Uhr in der Stadtbibliothek;

in Köln am 20. März um 18 Uhr im Rahmen der lit.Cologne in der Stadthalle Köln-Mülheim;

in Frankfurt am Main am 23. März um 20 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek.

Zahlreiche weitere Lesungen folgen, unter anderem

am 25. März im Literaturhaus München,

am 1. April im Literaturhaus Zürich und

am 28. April im Literaturhaus Köln.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“, S. Fischer, 320 Seiten, 21 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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4 Gedanken zu “Ingo Schulzes Roman über einen Dresdener Antiquar zwischen Mauerfall und Pegida

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