Stan & Tommie: Markus Orths erzählt die unglaubliche Begegnung von Stummfilm-Komik und Mittelalter-Gläubigkeit

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Stan und Tommie sehnen sich mehr oder weniger nach einem solchen Licht am Ende des Tunnels. Aber dort, wo sie unterwegs sind, ist es stockfinster und die Wände sind nicht rund. Foto: Bücheratlas

Sie sind ein prächtiges Paar: Stan Laurel und – nein, nicht Oliver „Ollie“ Hardy, sondern Thomas von Aquin. Es darf als gesichert gelten, dass bislang noch nie davon die Rede gewesen ist, dass diese beiden Herren je in Kontakt getreten sein könnten. Das liegt schon an dem nicht unerheblichen Umstand, dass den mittelalterlichen Mönch und den amerikanischen Komiker rund 700 Jahre trennen. Aber nun hat Markus Orths einen Weg gefunden, den großen Denker und den großen Filmkünstler in ein philosophisches Abenteuer zu verwickeln: Stan und Tommie.

Dem Autor ist es in seinen bislang veröffentlichten Werken schon einige Male gelungen, der Realität ein fantastisches Schnippchen zu schlagen. Orths Roman „Die Tarnkappe“ von 2011 ermöglichte dem Helden Simon Bloch die Unsichtbarkeit; und in „Alpha & Omega“ von 2014 reist Elias Zimmermann per Zeitmaschine aus dem Jahr 2525 zurück ins Jahr 2021. Nun finden der korpulente Thomas und der schmächtige Stan in vollkommener Dunkelheit zueinander, in einem scheinbar unendlichen Tunnel, in dem sie mal auf ein Loch oder mal auf ein Buch stoßen.

Die Herren sind sich bald einig, dass sie nicht mehr unter den Lebenden sind. Zwei „Geistseelen“ außerhalb von Raum und Zeit, unterwegs in einem „Zeittropfen“ in der Ewigkeit. Aber warum diese Dunkelheit? Womöglich will uns der Autor andeuten, dass wir alle ziemlich im Dunkeln tappen, wenn es um die ganz großen Fragen geht. Der fromme Thomas wähnt sich auf dem Weg zum Jüngsten Gericht und zitiert das Alte Testament: „Moses trat an das Dunkel heran, in dem Gott ist.“ Stan Laurel nimmt‘s pragmatisch: Wenn er nur immer weiter durch die Dunkelheit gehe, so meint er, müsse er irgendwann ans Licht gelangen.

Das ist das Szenario für einen Disput von großem Reiz. Dass der Mönch ordensregelkonform überhaupt nichts vom Lachen hält, dem sich Stanley mit Leib und Seele verschrieben hat, gibt diesem Dialog eine besonders feine Note.

Nicht nur erfährt der Leser auf der einen Erzählebene eine Menge über die jeweiligen Werke und Biografien. Da wird geschmeidig in den Roman integriert, weshalb Arthur Stanley Jefferson den Künstlernamen Laurel annahm und wie die Familie des Thomas von Aquin nicht vor Gewalt zurückschreckte bei dem Versuch, den jungen Dominikaner-Mönch gefügig zu machen.

Auf einer weiteren Erzählebene werden die zum Teil urkomischen Versuche angeführt, einander mit den jeweiligen Lebenswelten vertraut zu machen. Immerhin ist der eine auf dem Stand von 1965 und der andere auf dem von 1273. So muss Stan Laurel dem Gelehrten erst einmal erläutern, was Amerika und was ein Spielfilm ist. Kennt er ja alles nicht. Und auf den Hinweis, dass der Mensch vom Affen abstamme, kann der Mönch nur mit einer Frage reagieren: „Ist das einer Ihrer Witze?“ Andererseits erhält Thomas von Aquin Gelegenheit, sein Wissen über Aristoteles auszubreiten, „den“ Philosophen schlechthin. Zudem informiert er über den mittelalterlichen Starkbier-Konsum in Köln und würdigt seinen Lehrer Albertus Magnus.

Das ist ein geistesblitzender und schräger, aber auch ein ernsthafter und bewegender Roman. Und je weiter die beiden voranschreiten, desto spannender wird für den Leser die Frage, wie Orths hier jemals die erzählerische Kurve kriegen könnte. Tatsächlich geht es ja um Sein und Nichtsein, um letzte und um zentrale Dinge. Wird also alles wieder wie es war? Vom Finale darf hier selbstverständlich nicht die Rede sein. Nur sei verraten, dass Thomas von Aquin es sich nicht nehmen lässt, nach seiner Rückkehr ins Mittelalter seinem ahnungslosen Sekretär ein Zitat von Ludwig Wittgenstein zu servieren: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

„Picknick im Dunkeln“ ist ein Roman des Lachens und des Denkens, der zeigt, wie sehr wir auf beides angewiesen sind. Die Dunkelheit, die uns Markus Orths hier schildert, ist begeisternd hell.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Markus Orths: „Picknick im Dunkeln“, Hanser, 238 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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