Lost in Broumov: Ulrike Anna Bleier und Anja Liedtke über ihr Literatur-Stipendium

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Ulrike Anna Bleier (links) und Anja Liedtke vor ihrem Auftritt in der Buchhandlung „Lesewelt“ in Köln-Ehrenfeld.  Foto: Bücheratlas

Was ist nur mit den Rehen los? Im Februar 2019, als sich Anja Liedtke im Kloster Broumov aufhielt, ästen sie da und ästen sie dort. Im April hingegen, als Ulrike Anna Bleier Gast war an diesem Ort an der tschechisch-polnischen Grenze, sah sie nur ein einziges Reh, das durch den Klostergarten wandelte. Was die Schriftstellerin aus Bochum und die Kollegin aus Köln darüber hinaus als Stipendiatinnen des Goethe-Instituts Prag und des Tschechischen Literaturzentrums erfahren haben, stellten sie nun in der „Lesewelt“ in Köln-Ehrenfeld in Lesung und Dialog vor.

Eines ist sofort klar: Der Ort in Nordböhmen ist vor allem einsam, ein „lost place“. Allenfalls ein paar Kilometer weiter auf der polnischen Seite, wo die aktuelle Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk herkomme, so wurde gesagt, sei es noch ein bisschen „loster“. Ulrike Anna Bleier, die auch das zuletzt vergebene Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln erhalten hat, zieht es nicht mit Macht zurück an diesen Ort. „Man kann sich das gar nicht vorstellen, wie einsam es dort ist.“ Sie sei nie ganz angekommen, habe sich wie in einem Zwischenreich gefühlt. Vor allem hat sie Broumov wahrgenommen als geteilt in eine Ober- und eine Unterstadt. Oben sei vieles „top restauriert“, unten hingegen, wo Roma und Sinti leben, sei vieles verfallen – „es sind zwei Welten“ in einer kleinen Stadt.

Anja Liedtke hingegen möchte am liebsten sofort wieder aufbrechen. Das liegt auch an den unterschiedlichen Interessenslagen der Autorinnen. Bleier meint, sie bleibe gerne zuhause und könne durchaus den ganzen Tag im Bett verbringen: „Man kann sich auch im Bett liegend die Welt erschreiben.“ Liedtke hingegen ist am liebsten „draußen“. Sie könne Gefahren in der Natur eher erkennen als unter Menschen, ja, sie nehme die Natur sogar differenzierter wahr als etwa ein Menschengesicht. Schon als Kind habe sie sich aus dem Klassenzimmer gestohlen und in eine Ackerfurche gelegt. Den Geruch der Erde habe sie dann in sich aufgesogen.

Lange habe sie sich danach gesehnt, sagt Liedtke, einmal keinen Roman mit Plot und Handlung schreiben zu müssen, sondern ganz auf die Landschaftsbeschreibung zu setzen. Seit die Welle des „nature writing“ auch Deutschland erfasst hat, findet sie den Mut dazu. Davon zeugte auch ihr Text, der in Broumov entstanden ist und den sie jetzt vortrug. Tag für Tag sei sie in der Gegend gewandert. Bei jedem, meist schlechten, Wetter: „Ich bin mit Leib und Seele dort gewesen.“ Ein leicht schlechtes Gewissen habe sie freilich gehabt, wenn sie in die Wälder und Berge aufbrechen konnte, weil sich derweil eine tschechische Stipendiatin, die zur gleichen Zeit im Benediktiner-Kloster untergebracht war, mit der Übersetzung des monumentalen Romans „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili abmühte.

Bleiers ursprüngliches Ziel war es, das Stipendium in Broumov zu nutzen, um eine Verbindung zu finden für die vielen kleinen Geschichten in ihrem entstehenden Roman „Spukhafte Fernwirkung“. Daher sei es sehr passend gewesen, dass sie aus ihrem Fenster den freien Blick auf eine Brücke gehabt habe. Das Bauwerk sei wie eine Metapher gewesen: „Denk an die Verbindung!“ Tatsächlich scheint die Autorin aber vor allem neue Geschichten entdeckt zu haben, zumal einige Personen, die sie vor Ort wahrgenommen hat, „ein bisschen schräg“ waren. Davon handelten die Minidramen, die sie jetzt vortrug – beispielsweise von dem die Straße auf- und ab rasenden Mopedfahrer wie von der bärbeißigen Lebensmittelverkäuferin.

Das also sind noch ein paar Geschichten mehr im Arsenal einer Autorin, die das Gefühl hat, so viele Ideen zu produzieren, dass sie ihr entgleiten könnten. Als stapelten die sich auf einem Tisch und drohten abzustürzen und abzutauchen. Das freilich ist ihr herzlich willkommen. Bei der Arbeit am Text müsse sich immer etwas bewegen, weil man sonst nur schreibe, was man eh schon wisse. Bleiers schöne Selbsterkenntnis: „Ich bin permanent überfordert, was ich super finde.“

Zu einem Kulturdialog zwischen den deutschen und den tschechischen Stipendiaten in Broumow ist es in beiden Fällen nicht gekommen. Macht nichts. Ulrike Anna Bleier und Anja Liedtke haben auch so genug von ihren Ausflügen zu erzählen.

Martin Oehlen

Einen weiteren Auftritt der beiden Broumov-Stipendiatinnen gibt es am 9. Januar 2020 bei Mirhoff & Fischer in Bochum.

Anja Liedtke, 1966 in Bochum geboren, veröffentlichte zuletzt den Roman „Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler“ sowie zuvor „Blumenwiesen und Minenfelder. Reiseerzählungen aus Israel“.

Ulrike Anna Bleier, 1968 in Regensburg geboren und in Köln lebend, veröffentlichte die Romane „Schwimmerbecken“ und zuletzt „Bushaltestelle“.

 

2 Gedanken zu “Lost in Broumov: Ulrike Anna Bleier und Anja Liedtke über ihr Literatur-Stipendium

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