Helge Malchow erhält Ehrenpreis bei Verleihung des Kölner Kulturpreises

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Helge Malchow Foto: Bücheratlas

Man könnte sich Helge Malchow an so mancher Schaltstelle des intellektuellen Lebens vorstellen. Mit seiner Neugier, Kreativität und ausgeprägten Kommunikations-Kompetenz wäre er womöglich auch am Theater oder im Journalismus eine Größe geworden. Gleichwohl darf davon ausgegangen werden, dass er als Verleger von Kiepenheuer & Witsch den für ihn idealen Lebensjob ausgeübt hat. Viele Jahre stand er dem Kölner Verlag vor, von 2002 bis 2018. Doch mitgeprägt hatte er ihn schon zuvor.

Für all das wurde Helge Malchow am 1. Juli 2019 mit dem Ehrenpreis zum Kölner Kulturpreis geehrt.  Madhusree Dutta, Leiterin der Kölner Akademie der Künste der Welt, wurde in der  Kategorie „Kulturmanager des Jahres“ ausgezeichnet. Die Preise werden alljährlich vom Kölner Kulturrat ausgelobt.

Helge Malchow wurde 1950 in Bad Freienwalde geboren. Seine Familie floh drei Jahre später aus der DDR ins bundesrepublikanische Uedesheim bei Neuss. In Köln, wo Malchow Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie studierte, geriet er mitten in die 68er-Bewegung und für eine kurze Weile ins kommunistische Politlager. Anschließend war er Lehrer an der Gesamtschule in Rodenkirchen. Was dann geschah, hat der ehemalige KiWi-Verleger Reinhold Neven Du Mont in seinen Memoiren erzählt. Seine Tochter Caroline, Schülerin im Deutsch-Leistungskurs von Helge Malchow, habe eines Tages den Vater gebeten, im Unterricht über die Arbeit im Verlag zu referieren. Das geschah dann auch. Wenige Jahre später nahm Malchow den Kontakt wieder auf: Er hatte den Schuldienst quittiert und suchte nun eine Stelle als Verlags-Volontär. So beginnen Karrieren.

Bald schon stellte sich heraus, dass der Mann ein paar Ideen im Gepäck hatte. So verpasste er der Paperback-Reihe des Verlags einen Stromstoß, indem er sich dafür einsetzte, dass dort nicht nur die Backlist gepflegt wurde, sondern auch Neuerscheinungen ihren Platz fanden. Zudem machte er sich dafür stark, dass die Programm-Palette breiter wurde. Unter dem Stichwort „Comedy“ wurden plötzlich Titel von Richard Rogler, Helge Schneider und Harald Schmidt veröffentlicht. Ausflüge ins Theater und in die Pop-Musik folgten. Eine Bewusstseins-Reform: Es schwand die Angst vor dem Populären, und es blieb die Pflege des Anspruchsvollen.

Cheflektor wurde Malchow im Jahre 1990. Als er schließlich die Nachfolge von Reinhold Neven Du Mont an der Verlagsspitze antrat, war dies zugleich der Zeitpunkt, da Kiepenheuer & Witsch von der Holtzbrinck Holding übernommen wurde. Das habe den Verlag, der von mittlerer Größe ist, Schutz geboten, sagt Malchow. Und er beteuert, dass es aus Stuttgart nie inhaltliche Vorgaben gegeben habe. Warum auch? Das Kölner Haus floriert. Mit so unterschiedlichen Autoren wie Jonathan Franzen und Frank Schätzing, Alice Schwarzer oder Christian Kracht. Stress gab es trotzdem zuweilen. Das eine oder andere Mal war Malchow gefordert, sich juristisch oder publizistisch für seine Autoren in die Bresche zu werfen. Aber das zählt zu den edelsten Aufgaben eines Verlegers.

Den Verlag hat Malchow in Köln gehalten, wenngleich ein Berlin-Umzug eine Weile nicht ausgeschlossen wurde. Dies geschah keineswegs aus lokalpatriotischer Gefühlsseligkeit, denn zu Köln fällt dem Karnevals-Freund auch manch Kritisches ein. Vielmehr ist er der Ansicht, dass es Deutschland gut anstehe, über mehr als ein kulturelles Zentrum zu verfügen. Und so ist Kiepenheuer & Witsch, der Dichtung und der Aufklärung verpflichtet, ein starker Protagonist der deutschen Literaturszene, der aus dem Westen kommt.

Wie gut der Verlag aufgestellt ist, mag sich an der Geschmeidigkeit ablesen lassen, mit der zu Jahresbeginn der Wechsel von Malchow zu seiner Nachfolgerin Kerstin Gleba vonstatten gegangen ist. Ja, der Rückzug wird Malchow nicht leichtgefallen sein. Immerhin bleibt er „Editor at Large“, als solcher mit der Lizenz versehen, einige „seiner“ Autoren weiter zu betreuen. Darunter Matthias Brandt, dessen neuer Prosa-Text demnächst erscheint. Helge Malchow bleibt am Ball. Also am Buch.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Zur Sache

Der Kölner Kulturpreis soll herausragende Leistungen und wegweisende Entwicklungen der Kultur in Köln würdigen. Er wird seit 2010 jährlich vom Kölner Kulturrat, der die Fördervereine und -Institutionen des Kulturbereichs in der Stadt Köln vereint, in folgenden Kategorien verliehen: Kulturmanager des Jahres, Kulturereignis des Jahres, Junge Initiative, Ehrenpreis der Jury.

Interviews

Zum Wechsel an der Spitze von Kiepenheuer & Witsch äußern sich die neue Verlegerin  Kerstin Gleba und ihr Vorgänger Helge Malchow. Die Links liegen unter den jeweiligen Namen.

Hinweis: In einer früheren Fassung des Beitrags war irrigerweise nicht vom Ehrenpreis für Malchow, sondern vom Kulturmanagerin-Preis die Rede.

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