Hakan Tezkans dunkel leuchtendes Debüt: „Den Kern schluckt man nicht“

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Fotos: Bücheratlas und – für das Autorenporträt ganz oben – Dincer Gücyeter/Elif Verlag

Der Großvater liegt im Sterben, der Großvater stirbt, der Großvater ist gestorben – so ließen sich die drei Kapitel des schmalen Romans „Den Kern schluckt man nicht“ von Hakan Tezkan überschreiben. Doch diese Titel geben nur vage den Rahmen an, in dem der Autor seine Miniaturen platziert. „M“ heißt der Jugendliche, aus dessen Perspektive diese Familiengeschichte in vielen kleinen, mal nur eine halbe Seite und mal mehrere Seiten füllenden Episoden erzählt wird. Eine latente Spannung liegt über der Szenerie. Jederzeit könnten Vater, Mutter oder M ausrasten. Die Mutter beißt sich die Finger blutig, der Vater versteckt sich hinter seiner Zeitung und der Sohn flüchtet ein ums andere Mal wortlos aus der Wohnung, so dass die Eltern sich sorgen, wo er denn jetzt nur wieder stecke. Mal wirkt er wie ein Träumer, mal wie ein Pubertierender, mal wie ein Verletzter und immer wie einer, der seinen Platz noch nicht gefunden hat. Er läuft in den Wald, stiert in den Hof, verschließt sich in einer Toiletten-Kabine. Und mit der Gabel sticht er auf die Tischdecke ein.

Aber da geht es ihm gar nicht so viel schlechter als den Eltern. Die können einander nicht einmal richtig umarmen, aber erwecken immerhin den Eindruck, in der Not zueinander zu stehen. Sie reißen sich zusammen. Ja, es sind lauter psychisch Versehrte, die hier auftreten: die Tante, der Onkel und die Oma mit dem Bügeleisen in der Hand, ebenso der Hausmeister, die Mitschüler, dann die „Gräfin“ auf der Straße mit dem Alten  im Rollstuhl und der Mann, der jeden Morgen die Bronzestatue auf dem Marktplatz mit einem Lappen poliert. Sie alle sind von der traurigen, melancholischen Gestalt

Hakan Tezkan – so teilt es der Klappentext des Elif Verlags aus Nettetal mit – wurde 1989 in Göttingen geboren, wuchs auf in Bergisch Gladbach und lebt heute in Wuppertal. Ihm gelingen in diesem Debüt starke, zuweilen archaisch wirkende Bilder der Verstörung. Gelegentlich riskiert er, zu dick aufzutragen. So sind die Tiere, die hier Erwähnung finden, in aller Regel verendet – sei es nun Vogel, Taube, Wespe oder Fledermaus. Und als der Mutter einmal eine Flasche mit Traubensaft auf dem Boden zersplittert, wischt sie die rote Flüssigkeit nicht auf, sondern verteilt diese mit dem Tuch in der Küche.

Ja, der Autor riskiert es und geht nicht unter. Die heftige Symbolik passt zum hohen emotionalen Ton des Reigens. Der Roman überzeugt zum einen durch seine Originalität, zu der auch die Bilder-Power gehört. Zum anderen glückt ein Erzählen, das nicht erklärt, sondern zeigt, und das viel lieber Szenen anreißt, als sie aufzulösen. Dadurch wird das, was so trüb in der Nacherzählung klingen mag, durchaus spannend. „Den Kern schluckt man nicht“ ist ein schmales Werk mit viel Kraft. Ein dunkel leuchtendes Debüt.

Martin Oehlen

Hakan Tezkan: „Den Kern schluckt man nicht“, Elif Verlag, 126 Seiten, 12 Euro.

Tezkan

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