Friedrich Ani setzt Tabor Süden auf einen vermissten Schriftsteller an

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Foto_ Bücheratlas

Tabor Süden wirft hin. Wohnung gekündigt, Wände geweißt, Koffer gepackt. Jetzt steht er am Münchner Hauptbahnhof, „ein Mann in einem weißen Baumwollhemd und einer schwarzen Jeans, eine grüne Reisetasche in der rechten und eine schwarze Lederjacke in der linken Hand“. Immer wieder schaut er hoch zur Anzeigetafel, lauscht dem Klackern der Buchstaben, die ein weiteres, mögliches Reiseziel ankündigen. „Er las die Zielorte und vergaß sie gleich wieder. Immer wieder fing er von vorn an, den Kopf im Nacken, reglos am Rand des Gewühls.“

Doch noch soll dem Ex-Kriminalkommissar und Privatermittler der Absprung in die Anonymität eines anderen Lebens nicht gelingen. Seine Chefin bittet ihn, ein letztes Mal nach einem Vermissten zu suchen. Cornelius Hallig alias Georg Ulrich, ein längst vergessener Krimiautor, ist aus seinem Hotel verschwunden, in dem er seit 30 Jahren lebt. Süden beginnt zu ermitteln. Gründlich, einfühlsam und so erfolgreich wie in den vorherigen 19 Bänden der fabelhaften Tabor-Süden-Reihe, die – so steht zumindest zu vermuten – mit dem gerade erschienenen Band „Der Narr und seine Maschine“ ihren Abschluss gefunden hat.

1998 erschien der erste Band der Serie („Die Erfindung des Abschieds“), die Anis Ruf als exzellenter und außergewöhnlicher Krimiautor begründete. Süden ist ein Spezialist im Aufspüren von Vermissten – ein Mann, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft und die Fallstricke der Einsamkeit ebenso gut kennt wie die Menschen, denen er von Berufs wegen nachspürt. Jahrelang war er auf der Suche nach seinem Vater, der ihn verließ, als er 16 war. Inzwischen ist der Vater tot, Südens bester Freund hat sich erschossen. Und Süden selbst gehört zu jenen Verlorenen, die keinen Platz finden in diesem Leben.

Auch Cornelius Hallig trägt schwer an seiner Vergangenheit. Der Vater hat die Familie früh verlassen, und noch bald 60 Jahre später quält ihn die Erinnerung an dessen letzten Besuch in der schäbigen Wohnung, in der er als Kind mit der Mutter lebte. Ein letztes Mal noch besucht Hallig das baufällige Haus, in dem er aufwuchs, ein kranker alter Mann, dem nur noch wenig Zeit bleibt, ehe er endgültig abtaucht in die Vergessenheit.

Man kann nur ahnen, was alles schiefgelaufen ist in diesem Leben. Ani lässt die betagte Tante des Vermissten zu Wort kommen, seine selbst ernannte Biografin, die Köchin des kleinen Hotels, das schon bessere Tage gesehen hat. Wie ein Puzzle setzt sich aus ihren Erinnerungen das Bild eines freudlosen Lebens zusammen, dessen letzte Stunden vermutlich zum Besten gehören, was Cornelius Hallig alias Georg Ulrich jemals widerfahren ist.

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Foto: Bücheratlas

Ani überzeugt ein weiteres Mal als Chronist der Einsamkeit. Gleichzeitig setzt er dem vor 50 Jahren verstorbenen US-Krimiautor Cornell Woolrich ein beeindruckendes Denkmal. Der Titel ist ein Zitat aus dessen Autobiografie, die Figur des Cornelius Hallig dem Schriftsteller nachempfunden. Auch Woolrich, der Meisterwerke schrieb wie „Die Braut trug Schwarz“, war ein aus der Zeit Gefallener, der mit seiner Mutter in einem Hotel lebte und sich durch die Nächte trank.

Anis Werkzeuge sind eine genaue Beobachtungsgabe und eine zurückhaltende und dennoch poetische Sprache, die die Tragödie eines verpfuschten Schriftstellerlebens umso eindringlicher macht. In der letzten Szene des Romans sehen wir Süden erneut auf dem Münchner Bahnhof stehen. „Er stand einfach da, ein Niemand aus der Jetztzeit, mit einer Schreibmaschine in der Hand.“ Diesmal wird er in einen Zug steigen und irgendwohin fahren, wohin wir ihm nicht folgen sollen.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Friedrich Ani: „Der Narr und seine Maschine“, Suhrkamp, 144 Seiten, 18 Euro. E-Book: 15, 99 Euro.

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