Henning Mankell (1948 – 2015) über „dieses wunderbare, aufregende Abenteuer Leben“

Henning Mankell ist am Freitag dieser Woche vor drei Jahren gestorben, am 5. Oktober 2015. In Erinnerung an einen großen Autor veröffentlichen wir hier Auszüge aus einem Interview, das Petra Pluwatsch 2010 für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit dem Schweden geführt hatte. Es geht um Kurt Wallander, die Entdeckung des Alters und die Verbesserung der Welt. Er sagt: „Ich glaube, dass dieses wunderbare, aufregende Abenteuer Leben einmalig ist, und wenn es vorbei ist, ist es vorbei.“ Eine Lebensbilanz. 

 

Herr Mankell sind Sie religiös? Henning Mankell: Nein, überhaupt nicht. Der liebe Gott hat noch nie mit mir geredet, also rede ich auch nicht mit ihm. Wieso fragen Sie?

Weil wir gerade eine großartige Wiederauferstehung erleben: Kommissar Wallander ist wieder da. Haben Sie den Mann vor zehn Jahren nicht selber totgesagt? „Die Brandmauer“ sollte Ihr letzter Wallander-Roman sein. Totgesagt ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Ich habe damals ein Buch geschrieben, das ich tief in meinem Herzen für den letzten Band der Serie hielt. Aber da hatte ich mich wohl geirrt.

Wann haben Sie Ihren Irrtum bemerkt? Vor ungefähr fünf Jahren. Ich hatte jahrelang nicht mehr an Wallander gedacht. Es gab genügend andere Projekte, die mich beschäftigten. Doch irgendwann begann ich darüber nachzudenken, ob ich wirklich schon alles über diesen Mann gesagt hatte oder ob nicht vielleicht noch eine weitere Geschichte drinsteckte. Also begann ich mir Gedanken über ihn zu machen, über sein Leben, seine Vergangenheit, seine Träume. Und irgendwann war klar, dass ich einen weiteren Band, nämlich „Der Feind im Schatten“, schreiben würde. Doch jetzt bin ich endgültig fertig mit Wallander.

Das haben Sie schon einmal behauptet. Stimmt. Aber diesmal gibt es kein Zurück. Zusammen mit dem Leser mache ich ganz leise die Tür hinter Kurt Wallander zu, und wir werden ihn nie wiedersehen.

Was für ein Verlust! Für Sie vielleicht. Ich jedenfalls werde ihn nicht vermissen. Er hat mir nie sehr nahe gestanden, und ich glaube auch nicht, dass wir im wirklichen Leben Freunde geworden wären. Dazu sind wir viel zu verschieden. In diesem letzten Roman allerdings widerfahren ihm Dinge, die ihn mir näher gebracht haben als ich es je für möglich gehalten hätte. Er wird alt, er hat große Probleme mit seinem Gedächtnis.

Bringen wir es auf den Punkt: Wallander droht, dement zu werden. Hätten Sie ihm nicht ein etwas gnädigeres Schicksal bescheren können? Warum sollte ich? Demenz ist eine Krankheit, die gerade in der westlichen Welt mehr und mehr Menschen trifft. Wir werden immer älter, also haben auch immer mehr Menschen Gedächtnisprobleme, werden dement oder bekommen Alzheimer. Deswegen müssen wir über diese Dinge reden.

Wie sieht es mit Ihrem eigenen Gedächtnis aus? Bislang gut. Natürlich merke auch ich, dass ich älter werde. Viele Jahre war ich überall der Jüngste, doch irgendwann stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass dem nicht mehr so war. Ich war nicht mehr der Jüngste! Hinzu kommen diese vielen kleinen physischen Ärgerlichkeiten, die dir sagen, dass du älter wirst. Nur ein Beispiel: Ich besitze seit vielen Jahren ein Boot. Normalerweise springe ich vom Steg aus rein. Kein Problem. Vor ein paar Jahren ging das auf einmal nicht mehr. Mein Gleichgewichtsgefühl hatte sich verändert, die Knie wollten nicht mehr so wie früher. Für mich heißt älter werden, von einem Tag auf den anderen nicht mehr in dieses Boot springen zu können.

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Fotos: Bücheratlas

Wie gehen Sie damit um? Alt zu werden ist ein natürlicher Prozess. Er widerfährt uns allen, und wir alle müssen einen Weg finden, damit klarzukommen und ihn zu akzeptieren.

Und akzeptieren Sie ihn? Nur unter Protest. Nein, im Ernst: Das Entscheidende für mich ist, dass ich weniger Kraft habe als noch vor zehn Jahren. Ich habe immer viel gearbeitet, aber heute strengt es mich mehr an, und ich brauche für viele Dinge wesentlich mehr Zeit als früher. Ich kann nicht mehr alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten, sondern muss ein paar davon ruhen lassen.

Sie müssen den Ball ein wenig flacher halten. Was empfinden Sie dabei? Irritation. Ärger. Wut. In dieser Reihenfolge. Inzwischen habe ich glücklicherweise gelernt, es weitgehend zu akzeptieren. Wenn die Zeit knapp wird, sollte man sie nicht darauf verschwenden, wütend zu sein.

So klug ist nicht jeder. Manche Männer versuchen in Ihrem Alter noch einmal einen Neustart: junge Frau, kleine Kinder. Hören Sie auf, ich habe vier Söhne und zwei kleine Enkeltöchter! Wenn du 60 oder älter bist, solltest du eigentlich begriffen haben, dass die wichtigsten Entscheidungen in deinem Leben gefallen sind. Du kannst nicht noch einmal völlig von vorne anfangen. Das zu glauben ist einfach kindisch. Der Großteil deines Lebens liegt hinter Dir! Stellen Sie sich doch mal einen Journalisten vor, der mit 60 glaubt, er müsse auf einmal Medizin studieren und Arzt werden. Das kann er vergessen. Ich glaube, in diesem Alter ist es eher an der Zeit, zurückzublicken und sich zu fragen, was hast du eigentlich angefangen mit deinem Leben. War es gut, war es schlecht, hast du was verpasst?

Wie sieht Ihre Bilanz aus? Gut. Ich habe in meinem Leben viele Privilegien genossen. Das größte ist sicher, dass ich heute genau das tue, wovon ich schon als Kind geträumt habe. Ich bin ein Geschichtenerzähler geworden, und nichts anderes wollte ich jemals sein. Dafür bin ich sehr dankbar. Jeder von uns hat Träume, doch die wenigsten Menschen bekommen die Gelegenheit, sie auch zu realisieren. Richtig bitter wird es, wenn sich jemand gar nicht erst traut zurückzublicken, weil er dann sehen würde, was er alles verpasst hat in seinem Leben.

Wenn Sie, wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, noch einmal auf Start gehen könnten was würden Sie anders machen in Ihrem Leben? Solche Gedankenspiele sind eigentlich nicht meine Sache. Ich habe mein Leben so gelebt, wie ich es gelebt habe. Jetzt herumzuspekulieren und mir vorzustellen, was wäre wenn . . . ? Ach nein, das möchte ich nicht. Einiges war gut, anderes war weniger gut. Manches würde ich sicher anders machen, aber im Großen und Ganzen gibt es nichts, was ich wirklich bedauere.

Ihr Kindheitstraum, ein Geschichtenerzähler zu werden, hat sich erfüllt. Gab es noch andere große Träume? Natürlich gab es die. Im Laufe des Lebens entstehen neue Träume; es tun sich neue Ziele auf, die du erreichen möchtest. Wenn du die nicht mehr hast, dauert es nicht mehr lange, und du bist tot. Ich fände es zum Beispiel wunderbar, das Entstehen einer neuen, besseren Welt mitzuerleben. Das Ende von Elend und Not. Was das betrifft, habe ich auch heute noch sehr viele Träume.

Ziemlich große sogar. Das mag sein, doch die Welt, in der wir leben, ist für viele Menschen eine ganz schreckliche. Es ist also dringend nötig, dass sich etwas ändert, und wir alle müssen dazu beitragen. Eine andere, bessere Welt entsteht nicht von selber.

Was tragen Sie dazu bei, dass sich etwas verändert? Ich habe glücklicherweise die Möglichkeit, auf sehr vielfältige Weise zu agieren. Ich kann zum Beispiel meine schreiberischen Fähigkeiten und meinen Einfluss dazu nutzen, um die Diskussion über bestimmte Probleme anzustoßen. Ich kann mit meinem Geld dazu betragen, etwas in Bewegung zu bringen. Auch mein Einfluss ist begrenzt, aber was ich tun kann, das tue ich.

Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem, das die Welt hat? Das Grundproblem heißt Armut. Unsere Welt ist eingeteilt in solche, die viel haben, und solche, die nichts haben. Ich habe das Gefühl, dass diese Schere täglich größer wird. Immer mehr Menschen sind immer ärmer. Daraus resultiert ein weiteres Problem: die Überbevölkerung. Die Menschheit wächst täglich um die Einwohnerschaft einer kompletten Großstadt. Wir können diese Bevölkerungsexplosion nur aufhalten, wenn wir die Armut stoppen. Das zweite große Problem, an dem die Welt krankt, ist die Frauenfrage. Gemessen an der Verantwortung, die sie tragen, haben die Frauen vor allem in Asien und Afrika viel zu wenig Einfluss auf die Dinge, die in der Welt geschehen.

Was lässt sich dagegen tun? Schweden könnte in dieser Beziehung durchaus als Vorbild dienen. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der absolute Gleichberechtigung herrscht. Unser Beispiel zeigt, dass es möglich ist, Dinge zu verändern und eine Gesellschaft zu formen, in der die Frauen mehr Einfluss haben.

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Nordeuropäische (nicht schwedische) Wolkenformation, die im Eröffnungsbild (ganz oben auf der Seite) nur im Anriss zu sehen ist und deshalb hier zur vollen Prachtentfaltung kommen soll. Fotos: Bücheratlas

Sie wohnen abwechselnd in Schweden und in Mosambik. Was reizt Sie am Leben in Afrika? Afrika hat mich enorm viel über das Menschsein gelehrt und tut das bis heute. Warum kämpfen Menschen gegeneinander? Warum lieben Menschen in armen Ländern einander mehr als in reichen? Sie können sich viele Fragen stellen, und Sie können in Afrika viele sehr interessante Antworten darauf finden. Aber das ist zu kompliziert, um darüber in einem Interview zu reden. Ich denke, ich habe einfach sehr viel über menschliche Verhältnisse gelernt, indem ich einen Fuß in Afrika und einen in Europa habe.

Lernen Sie noch immer? Man lernt, bis man stirbt. Das ist zwar ein Klischee, aber es ist die Wahrheit. Der Tag, an dem Sie aufhören zu lernen, fangen Sie an zu sterben.

Haben Sie Angst vor dem Tod? Ja. Ich weiß, wann auch immer er kommt, er wird mich stören. Er wird mittendrin von irgendetwas auftauchen, während ich arbeite oder Musik höre oder meinen Tee trinke. Aber was soll ich tun? Wenn ich sterbe, dann sterbe ich, egal, ob ich das nun will oder nicht. Ich glaube, man muss sich sagen: Es gibt einen Tag in deinem Leben, an dem du sterben wirst, aber an all den anderen Tagen lebst du. Vermutlich ist das die einzige Möglichkeit, mit dem Tod umzugehen.

Kann der Geschichtenerzähler sich vorstellen, eines Tages mit dem Erzählen aufzuhören? Bestimmt nicht freiwillig. Wenn ich eines Tages feststelle, dass ich nicht mehr schreiben und auch andere Dinge nicht mehr tun kann, werde ich vermutlich sehr bald sterben. Dann werde ich all meine Lebensenergie verlieren und mir sagen: Sieh den Tatsachen ins Auge, du hast nicht mehr lange zu leben.

Was erwarten Sie nach dem Tod? Nichts. Du kommst aus der Dunkelheit und Du gehst zurück in die Dunkelheit. Viele Menschen glauben an ein Leben danach, an eine religiöse oder spirituelle Erfahrung. Ich akzeptiere das. Dann müssen die Leute allerdings auch akzeptieren, dass ich an all das nicht glaube. Ich glaube vielmehr, dass dieses wunderbare, aufregende Abenteuer Leben einmalig ist, und wenn es vorbei ist, dann ist es halt vorbei. Aber ich habe allen Respekt vor Menschen, die denken, dass es darüber hinaus noch etwas gibt. Ich hoffe nur, dass sie nicht allzu enttäuscht sein werden. Aber das ist ihr Problem und nicht meines.

 

Zur Person: Henning Mankell wurde am 3. Februar 1948 in Stockholm geboren. Aufgewachsen ist er in Sveg in Härjedalen. 1966 begann er als Regieassistent am Riks-Theater in Stockholm seine Theaterlaufbahn, 1973 schrieb er seinen ersten Roman. In Deutschland ist er vor allem als Autor der Kurt-Wallander-Krimis bekannt. Der elfte und letzte Band der Reihe ist 2010 auf Deutsch erschienen: „Der Feind im Schatten“.

Henning Mankell: „Der Feind im Schatten“, dt. von Wolfgang Butt, dtv, 592 Seiten 11,95 Euro. Die Originalausgabe ist – wie das Gesamtwerk des Autors – bei Zsolnay erschienen.

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