Mit Thomas Empl in Indien: „Pariah Dogs“ erzählt von rauchenden Dichtern, unglücklich Verliebten und streunenden Hunden

Thomas Empl Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Das Wort „Sangam“ bedeutet im Sanskrit „zusammenkommen“.  So steht es auf der Homepage des „Sangam House“ im südindischen Bangalore. Ziel der Kultureinrichtung ist es, „Schriftsteller aus aller Welt zusammenzubringen, damit sie in einer sicheren, friedlichen Umgebung leben und arbeiten können – ein Raum, der in der Welt, in der wir heute leben, in vielerlei Hinsicht notwendig geworden ist.“

Auf eine Zigarette mit Ramy

Thomas Empl war vor mehr als einem Jahr auf Einladung des Goethe-Instituts zu Gast in Bangalore (oder auch: Bengaluru). Nun legt er einen so schmalen wie schönen Band über seine Eindrücke im Bundesstaat Karnataka vor: „Pariah Dogs“. Mag sich der Titel zunächst einmal auf die streunenden Straßenhunde beziehen, die zum Alltagsbild gehören, so darf man überdies an die internationale Zufallsgemeinschaft im Sangam House denken. Während des Aufenthalts von Thomas Empl kamen die weiteren Gäste von der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean, aus Sri Lanka, Indien und Mosambik.

Warum ausgerechnet diese sechs Personen ausgewählt worden sind, ist ihnen selbst offenbar ein wenig schleierhaft. Der Erzähler, den wir mit Thomas Empl gleichzusetzen wagen, stellt beim Zigarettenrauchen mit Ramy aus Srinagar fest: „Uns beiden war nicht klar, warum wir hier waren.“ Und er fährt fort: „Ich hatte keinen Bezug zu Indien, der Roman, den ich schreiben sollte, spielte in Köln. Ramys Roman spielte in Kaschmir, steckte bei zehntausend Wörtern fest.“

„Crazy writers“ im Tuktuk

Wenn sie nicht schreiben, reden sie über Gott und die Welt, über Personenkult und Rechtsextremismus, rauchen viel und gehen in die Bar. Unglückliche Liebesgeschichten sind auch im Spiel. So wie die „crazy writers“ im Tuktuk in wilder Ausflugsfahrt auf ihren Sitzbänken hin- und hergeschoben werden, geht es auch für die Leserinnen und Leser quer durch den Themengarten. Das ist von beträchtlichem Reiz. Denn Thomas Empl schaut genau hin. Da zählt er die Ferrari-Sticker auf den Helmen der Rollerfahrer oder hält fest: „In Mysuru gab es intakte Gehsteige, und die hellen Stellen im Fell der Kühe waren gelb bemalt.“  

Allerdings protzt er nicht mit uns exotisch anmutenden Fundstücken, an denen in Indien bekanntlich kein Mangel herrscht. Er ist ein behutsamer Sammler der Augenblicke und hält sich von allzu schnellen Einordnungen fern. Nicht zuletzt gewinnen die Gruppenmitglieder an Konturen, ja, rücken uns bei der Lektüre immer näher. Vorneweg Sandrine und Ramy. Aber selbstverständlich auch der Erzähler selbst.

„Bitte nehmen Sie mich“

Denn der „quartalseinsame Mensch“, wie es einmal heißt, gibt einiges preis. Nicht nur seine kafkaesken Erfahrungen im indischen Konsulat in Frankfurt am Main oder seine Verehrung für den Kollegen Christian Kracht, neben dem er einmal in Kerala sitzt. Auch lesen wir, welches „Motivationsschreiben“ er 2017 an die Kunsthochschule für Medien in Köln schickte: „Mein Münchner Kino wurde verkauft, ein Wahnsinniger ist mitsamt Frau und Kleinkind in meine WG gezogen, ich arbeite mit meiner Exfreundin zusammen und werde vom Wanderdichter Josef verfolgt. Bitte nehmen Sie mich.“

Überhaupt das Schreiben! Davon ist – wie denn auch nicht – oft die Rede. Als Sandrine dem Erzähler sagt, dass sie eine Weile nicht mehr über La Réunion schreiben wolle („I really want to do something different now.“), versteht er sie nur zu gut. So sei es ihm auch mit seinen „Anfangsthemen“ gegangen: „mit der häuslichen Gewalt und der Scheißjugend, irgendwann langt’s.“ Man könne ja später dahin zurückkehren. Genau. Aber zuvor erst einmal raus aus dem Vertrauten und rein ins Indische.

Ende mit Wehmut

Klar, ein Härchen findet man in fast jeder Suppe. Warum diese Prosa als Novelle bezeichnet wird, ist nicht ersichtlich. Jedenfalls fehlt ihr – klassischer Lesart folgend – die „unerhörte Begebenheit“, die zum Wendepunkt einer Geschichte wird. Und dass der Erzähler nach der Amtsantrittsrede von US-Präsident Donald Trump „mit dem Geschmack von Erbrochenem im Mund“ einschläft, ist zwar inhaltlich nachvollziehbar, aber stilistisch arg dick aufgetragen. Doch das sind nur Nörgeleien am Rande.    

Entscheidend ist: Thomas Empl legt mit den „Pariah Dogs“ eine kurzweilige Residenz-Erzählung vor. Dabei dominiert ein warmer Ton. Und wenn dieser Ton gelegentlich zum Wehmütigen tendiert, ist dies der Wohlfühl-Gruppe geschuldet, die sich am Ende in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Eine Gemeinschaft auf Zeit – zusammenkommen, auseinandergehen. Aber der Text, der bleibt.  

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir über Thomas Empls Auftritt beim Kölner Festival „Nimm Platz“ im Jahre 2025 HIER berichtet. Einige Fragen zu seinem Schreiben hat er uns zuvor HIER beantwortet; dort findet sich auch der Rat seines Hochschullehrers Ulrich Peltzer, den er nun in „Pariah Dogs“ zitiert: „Streichen Sie alle Erklärungen.“  

Lesungen

mit Thomas Empl in Köln: am 8. April 2026 in der Bücherwelt Ehrenfeld (Moderation: Paul Jennerjahn) und am 21. Mai 2026 im Literaturhaus Köln (Moderation: Leonard Prandini; auch dabei: Lisa Roy).

Thomas Empl: „Pariah Dogs“, Parasitenpresse, 110 Seiten, 14 Euro.

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