
Neue deutsche Literatur aus Köln – das gibt es an diesem Freitag im Literaturhaus Köln. Dort stellen vier Autorinnen und Autoren ihre jüngsten Texte vor. Sie alle sind in der Vergangenheit – neben anderen mehr – in den Genuss des Dieter-Wellershoff-Stipendiums gekommen. Den Auftritt des Quartetts nehmen wir zum Anlass, uns nach dem Stand der Dinge in der Kölner Literaturszene und beim jeweiligen Werk zu erkundigen. Die ersten fünf Fragen beantwortet Thomas Empl. Dann geht es in alphabetischer Folge weiter mit Adrian Kasnitz, Gundula Schiffer und Tilman Strasser.
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Eins
Thomas Empl, was ist für Sie die Klammer, die die Erzählungen in Ihrem Band „Inneres Zittern“ umschließt?
Fast alle Figuren in diesem Band versuchen, in den Moment zu gelangen. Vielleicht klappt es gerade wegen des hartnäckigen Versuchens nicht. Oder wegen des desolaten Zustands der Welt, wegen ausbeuterischer Arbeitgeber, traumatischer Vergangenheit, trügerischer Nostalgie oder weil sie eben Grübler sind, deren inneres Zittern sie aus den Momenten rausreißt. Aber sie kämpfen, stehen auf, übernehmen Verantwortung für sich selbst. Und manchmal treffen diese einsamen Menschen andere einsame Menschen. Kurz sind sie sich nah, dann trennen sie sich wieder.
Zwei
Sie haben an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Inwieweit war das Studium hilfreich für das literarische Schreiben?
Vor allem war es hilfreich, mit anderen jungen Menschen zusammenzukommen, die das Schreiben mit derselben Ernsthaftigkeit betreiben, die besser werden und etwas auf die Beine stellen wollen. Nicht nur vom Schreiben leben wollen, sondern fürs Schreiben leben. Mit denen bin ich bis heute befreundet und ich bewundere, was sie tun, wie sich jeder seinen eigenen Weg bahnt. Nehmen Sie den Roman „Keine gute Geschichte“ von Lisa Roy, die Kolumnen von Leonard Prandini, die Gedichte von Patrik Peyn, die Erzählungen und die Kunst von Natalie Harapat. Ich bin ein Fan. Und das hohe Niveau, auf dem die arbeiten und mit dem wir über Literatur sprechen, macht mich zu einem ambitionierteren Autor.
Und unbedingt noch zu nennen ist ein ausdauernd wiederholter Imperativ von Ulrich Peltzer, der Gastprofessor an der KHM war: „Streichen Sie alle Erklärungen!“
Drei
Was verbinden Sie mit dem Werk von Dieter Wellershoff? Gibt es da Leseerfahrungen?
Vor etwa einem Jahr saß ich mit Leonard Prandini im Auto, Prandini hatte kurz vorher das Dieter-Wellershoff-Stipendium bekommen, das Auto war von seiner Mutter geliehen, wir kauften Möbel bei der SSK am Barbarossaplatz. Im Handschuhfach fanden wir eine CD, ein Hörbuch mit Texten von Dieter Wellershoff. Näher bin ich ihm leider seitdem nicht mehr gekommen, ich hoffe, die anderen Stipendiaten empfehlen mir in ihren Antworten ein paar Bücher.
Vier
Wie vital ist Ihrer Ansicht nach die Literaturszene in Köln, in der Sie ja selbst auch als Organisator mitwirken?
Kulturell passiert hier angenehm viel. Ich verpasse dauernd Lesungen, weil am selben Tag eine noch interessantere stattfindet. Es gibt „Land in Sicht“, die Auswärtslesungen, den Literarischen Salon, die Short Story Night, den Literaturklub, außerdem zahlreiche Buchhandlungen, die etwas auf die Beine stellen. Vielleicht ist das der Vibe, den Köln in den Achtzigern und Neunzigern für Musik hatte? Es leben auch die besten jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller allesamt hier, ein paar habe ich ja schon genannt, außerdem mein Verleger Adrian Kasnitz, die vielen Leute von der parasitenpresse. Die sind alle real, die machen’s nicht für Reichtum, Macht und Ruhm, und die schreiben so hervorragend, dass es einen mitzieht.
Fünf
Gibt es einen Wunsch an die Kulturstadt Köln?
Ich hoffe, man verhindert, dass das Haus verkauft wird, in dem sich die Kneipe „Lotta“ befindet. Noch mehr überteuerte Luxuswohnungen braucht kein Mensch, und Kneipenkultur ist auch Kultur! Generell, auch wenn die Antwort vielleicht etwas von der Frage nach der „Kulturstadt“ wegzuführen scheint – die Mietsituation ist katastrophal, die Stadt hat alles an die Holdings verschachert und scheint nichts gegen die Ausbeutung der Mieter zu tun, stattdessen wird es jedes Jahr schlimmer. Es kann doch nicht sein, dass man hier Münchner Preise zahlt – wenn’s so weitergeht, ist Köln für Künstlerinnen und Künstler nicht mehr zu bezahlen, und dann ist es vorbei mit der vitalen Kulturszene. Dann sagen wir Servus und gehen geschlossen nach Wien.
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Auf diesem Blog
folgen die Statements von Adrian Kasnitz am Samstag, Gundula Schiffer am Sonntag und Tilman Strasser am Montag.
Zur Person
Thomas Empl, 1991 in München geboren, erhielt im Jahr 2023 das Dieter-Wellershoff-Stipendium für die Arbeit an seinem zweiten Erzählband, der mittlerweile im Verlag parasitenpresse erschienen ist. In der Begründung der Jury heißt es: „Mit einem breiten Ensemble an Figuren schildert er, mit welchen Absurditäten, Verzweiflungstaten und selbstausbeuterischen Arbeitsverhältnissen Menschen konfrontiert sind, wenn ihnen die Mittel zur offenen Revolte genommen sind. Thomas Empl illustriert diese Dilemmata durch genaue Beobachtungen und mit raffinierten Plot-Twists, die dem Ende der Welt eine Menge Humor abtrotzen können.“
Der Jury gehörten an: Kristina Geilhaupt, Ulrike Schulte-Richtering und Christian Werthschulte.
Thomas Empl hat vor dem Erzählband „Inneres Zittern“ bereits den Band „Ausbruch“ veröffentlicht. Der Verlag parasitenpresse hat noch ein Hinweis zur Freizeitgestaltung des Autors: „Mit einem Highscore von 506727 ist er der aktuell neunzehntbeste Tetris-Spieler der Welt (Game-Boy-Version).“ Ein Nachtrag: Wie dynamisch die Szene ist, sieht man daran, dass der Autor bei der Veranstaltung eine Korrektur anbringen konnte: Mittlerweile ist er schon der zwölftbeste Spieler in diesem Wettbewerb.
Das Stipendium
Das Dieter-Wellershoff-Stipendium wurde 2018 von der Stadt Köln eingeführt. Es wird vom Literaturhaus Köln betreut und unterstützt Autorinnen und Autoren dabei, eine begonnene Arbeit fortzusetzen oder zu vollenden.
Dieter Wellershoff, in dessen Namen das Stipendium vergeben wird, wurde 1925 in Neuss geboren und ist 2018 in Köln gestorben. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller war eine Weile einflussreicher Lektor des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Er veröffentlichte unter anderem „Der Sieger nimmt alles“ (1983), „Blick auf einen fernen Berg“ (1991) und „Der Ernstfall“ (1995). Der Roman „Der Liebeswunsch“ (2000) gilt als sein bekanntestes Werk.
Die Veranstaltung
„Köln leuchtet literarisch – Dieter-Wellershoff-Stipendiat*innen im Literaturhaus“ in Köln, Großer Griechenmarkt 39, am 2. Februar 2024 um 19 Uhr.
(M. Oe.)
Thomas Empl: „Inneres Zittern“, parasitenpresse, 122 Seiten, 14 Euro.

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