Mit Norman Foster im Cockpit: Das Werk des Architekten in zwei Bänden – vom Türgriff über den Reichstag bis zur Park Avenue

270 Park Avenue – das ist der Name und die Adresse von Norman Fosters jüngstem und höchstem Hochhaus. Foto: Max Touhey for JPMorganChase / Taschen Verlag

Norman Foster war früh bereit, hoch aufzusteigen und weit zu reisen. So war die erste Skizze, die er zu Papier brachte, ein Flugzeug – „und in meiner Vorstellung sitze ich im Cockpit am Steuer.“ Selbstverständlich war er zu dem Zeitpunkt noch ein Junge in Manchester/England und noch nicht der weltweit aufspielende Star-Architekt. Doch schon diese frühe Zeichnung weist in die erfolgreiche Richtung. Denn die Luftfahrt mit ihrer „Leichtigkeit, Effizienz und technischen Eleganz“ bleibt eine Inspirationsquelle für sein Denken und Bauen.

Was es damit genau auf sich hat, auch welche weiteren Anregungen aus Kunst und Natur in seine Architektur eingeflossen sind, führen nun gleich zwei kompakte Bände vor Augen. Philip Jodidio, im Taschen Verlag die Fachkraft für viele Architektur-Bände, konzipierte die nur auf Englisch vorliegenden Titel in enger Kooperation mit dem Architekten.

„Works“ und „Networks“

Zunächst einmal kommt der Meister in „Norman Foster Networks“ selbst zu Wort. Acht üppig illustrierte Essays führen vor Augen, wie er in 90 Jahren der Architekt wurde, der er heute ist. Darin spricht er auch über „Lehrmeister“, die ihn geprägt haben. Le Corbusier beeindruckte ihn wegen der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Frank Lloyd Wright habe ihn in „eine fernere Fantasiewelt“ entführt. Und dann war da noch Richard Buckminster Fuller mit seinem Blick auf die erneuerbaren Energien: „Die Zeit mit Bucky, zunächst als Mentor und später als Mitarbeiter, eröffnete mir eine neue Perspektive auf diese Themen und ordnete sie in einen breiteren globalen Kontext ein.“

Sodann gibt die Monografie „Norman Foster Works“ einen umfassenden Einblick in das vielfältige Werk. Denn nicht nur Gebäude zählen zum Portfolio. Auch entwarf er Yachten, Türgriffe, Badezimmer, Weingläser, Stühle und 1989 sogar einmal die Bühne für ein Konzert von Paul McCartney. Aber selbstredend dominieren Großbauten seine Karriere: Hochhäuser, Flughäfen, Museen, Türme, Bahnhöfe und Stadien. Spektakulär in Bedeutung und öffentlicher Wahrnehmung sind der Apple Park in Cupertino, der an die ringförmigen Raumfahrt-Stationen in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnern, der Reichstag in Berlin, dessen gläserne Kuppel für eine transparente Demokratie steht, oder der Great Court des British Museum in London, dessen Glasdach faszinierende 6000 Quadratmeter misst.

Der ApplePark im kalifornischen Cupertino Foto: Steve Proehl / Taschen Verlag

„Das Hochhaus neu erfunden“

Philipp Jodidio betont mehr als einmal, wie früh und wie konsequent Norman Foster auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit geachtet habe. Diesen Aspekt betonte auch die Jury, die ihm 1999 den Pritzker-Preis zugesprochen hat. Anspielend auf den 259 Meter hohen Commerzbank-Turm hieß es damals: „Er hat das Hochhaus neu erfunden, indem er Europas höchstes und vermutlich erstes umweltbewusstes Hochhaus, die Commerzbank in Frankfurt, geschaffen hat.“

Dieses Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung hat er sich bewahrt. Für das 2025 vollendete Hauptquartier des Bankhauses JPMorgan Chase in New York wurde das Material des abgerissenen Union Carbide Gebäudes recycelt, das dort zuvor in den Himmel ragte. Mit den 423 Metern, die sein jüngster Wolkenkratzer an der Park Avenue 270 misst, zog es Norman Foster übrigens so hoch hinaus wie nie zuvor.

Der Great Court im British Museum in London Foto: Nigel Young / Foster + Partners / Taschen Verlag

„Hier spricht Ihr Kapitän“

Ein reiches Werk ist hier zu besichtigen. In all seinen Facetten – den ästhetischen ebenso wie den politischen, kulturellen und ökologischen. Abgeschlossen ist allerdings noch gar nichts. Auch das ist den beiden Bänden zu entnehmen. „Works in Progress“, lautet das Schlusskapitel. Die Pläne greifen weit in die Zukunft – sei es ein Erweiterungsbau für den Prado in Madrid, ein Bootshaus in New York oder ein Veranstaltungszentrum in La Punt im Engadin.

Die Reise geht weiter. Aus dem Cockpit meldet sich Ihr Kapitän Norman Foster: Bitte, bleiben Sie angeschnallt.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir schon zahlreiche Architektur-Bände vorgestellt, die Philip Jodidio im Taschen Verlag betreut hat. Zuletzt ging es HIER um Skizzen und Zeichnungen von Tadao Ando.

Philip Jodidio (Hg.): „Norman Foster Networks“, Taschen, 368 Seiten, 80 Euro.

Philip Jodidio: „Norman Foster Works“, Taschen, 712 Seiten, 80 Euro.

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