Literatur-Stopover in Tokio (2): Besuch in Haruki Murakamis Bibliothek, in der auch Werke von Bach und Bob Dylan gespielt werden

Unseren Zweiteiler zu literarischen Spuren in der japanischen Hauptstadt haben wir mit einem Besuch im Buchhandlungs-Viertel Jimbocho HIER eröffnet. Nun geht es auf den Campus der Waseda-Universität.

Die Büchertreppe mit Werken, die Haruki Murakami beeinflusst haben. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Kengo Kumas Treppe in die Anderwelt

Auf dem beschaulichen Gelände der renommierten Waseda-Universität befindet sich ein Kultort für die Fans von Haruki Murakami. Das liegt nicht darin begründet, dass der japanische Weltautor ein Absolvent der Hochschule ist. Vielmehr befindet sich auf dem zentralen Campus im Stadtteil Shinjuku seit 2021 die Haruki-Murakami-Bibliothek.

Stararchitekt Kengo Kuma, wie Murakami ein Freund der Katzen, hat das ehedem schlichte Nachkriegs-Gebäude mit der Nummer 4 für die gegenwärtige Funktion umgewandelt. Da fügen sich das Alte und das Neue, das Gewöhnliche und das Ungewöhnliche auf geradezu murakamische Art zusammen. Mit den Bändern, die den strengen Baukörper umfangen, suggeriert Kengo Kuma, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Von wegen: alles sei gradlinig und fest verankert. Im Innern hat er eine wunderbare Holztreppe vom Erdgeschoss zum Untergeschoss konzipiert. Auf der ginge es in einem Murakami-Roman hinab (oder hinauf) in eine Anderwelt. Die Regale links und rechts der Stufen sind gefüllt mit Büchern von und über Murakami, aber auch mit solchen, die ihn inspiriert haben. Klar, dass da Kafka auftaucht. Kleine Figuren von Lesenden mischen sich zwischen die Buchrücken.

Das Piano aus der Jazzbar „Peter Cat“

Durch federleichte weiße Vorhänge geht es zu sämtlichen Büchern, die der immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelte Schriftsteller geschrieben hat. In chronologischer Folge, beginnend mit „Hear the Wind Sing“ von 1979, wofür er den Gunzo-Preis für junge Autoren erhalten hat. Auch sind zahlreiche Übersetzungen ausgestellt. Während die Fans glücklich schauend umherstreifen, sitzen tatsächlich einige Studierende an den Arbeitstischen und blicken in ihre Laptops.

Stillleben mit Stühlen aus Murakamis einstiger Jazzbar Foto: Bücheratlas / M.Oe.

Die hier platzierten Stühle aus „Peter Cat“, der legendären Jazzbar, die Murakami vor seiner Autoren-Karriere betrieben hat, darf man leider nur anschauen, aber nicht nutzen. Auch der Flügel, also das „Grand Piano“ aus „Peter Cat“, bleibt auf Sicherheitsabstand.

„Alle Arten von Mauern überwinden“

Die Playlist im Hör- und Lesesaal wechselt regelmäßig. Foto: Bücheratlas / M.Oe.

Das dritte Highlight der Bibliothek – nach der Treppe und dem Saal mit allen Erstausgaben – ist der Musiksalon. Dort werden Titel gespielt, die Murakami schätzt und von denen einige in seiner Prosa eine Rolle spielen. An dem Morgen, als wir in der Bibliothek waren, bot die Playlist diese elf Titel: 1 „Danny Boyle“ von Bring Crobsy, 2 „Blowin‘ in the Wind“ von Bob Dylan, 3 „Georgia on My Mind“ von Ray Charles, 4  „Autumn Leaves“ von Roger Williams, 5 „Early Autumn“ von Woody Herman, 6 „I’ll be Home“ von Pat Boone, 7 „As Time Goes By“ von Dooley Wilson, 8 Bruckner (WAB 102), 9 Bach (BWV 1048), 10 „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ von Bob Dylan, 11 „The End of the World“ von Skeeter Davis. Im Obergeschoss der Bibliothek gibt es schließlich noch eine Nachbildung des Arbeitszimmers des Autors sowie einen Ausstellungsraum. Aktuell und noch bis Mitte April geht es dort um die Verbindung von Jazz und Literatur zum „Black Feminism“.

Zur Eröffnung der Bibliothek hatte Murakami eine Erfahrung zum Besten gegeben: Lernen sei „just like breathing“. Die Einschätzung gibt es eingerahmt an der Wand auf Japanisch und Englisch. Hier mal unsere Übersetzung: „Lernen unterscheidet sich nicht so sehr vom Atmen. Ob im Klassenzimmer oder nicht, man nimmt ständig die Welt um sich herum wahr. Ich hoffe, dass diese Bibliothek ein Ort des Lernens wird, an dem man leicht atmen kann, ein Ort, der es ermöglicht, alle Arten von Mauern zu überwinden – seien es die innerhalb akademischer Institutionen oder die entlang nationaler Grenzen.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir unsere Zweiteiler HIER gestartet.

Auf das Werk des Architekten Kengo Kuma sind wir HIER eingegangen.

Außerdem haben wir das Werk von Haruki Murakami auf dem Bücheratlas schon vielfach gewürdigt. All das lässt sich über die Suchmaske leicht auffinden.

Literarische Spuren folgten wir zuletzt in Paris – und zwar HIER („Von Victor Hugos Salon bis zur Buchhandlung im neunten Land“) und HIER („Von der ältesten Buchhandlung des Landes bis zum Literaturpreis mit Mayonnaise-Eiern“).

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