
Selbstverständlich bedurfte dieser Romane keiner besonderen Bewerbung, um von der Leserschaft wahrgenommen zu werden. Dafür ist er gar zu originell und reich und wohlbedacht. Gleichwohl hat „Innerstädtischer Tod“ von Christoph Peters durch eine juristische Auseinandersetzung viel zusätzliche Aufmerksamkeit erfahren. Ein Berliner Galeristen-Ehepaar, das sich im Roman wiederzuerkennen glaubte, hatte versucht, mit einer Einstweiligen Verfügung die Verbreitung des Buches zu unterbinden. Allerdings scheiterte es vor Gericht. Gleichwohl wirkt der Verbotsversuch nach.
Dialog mit Wolfgang Koeppen
Christoph Peters jedenfalls kam einige Male darauf zu sprechen, als er nun mit dem Roman in der Buchhandlung Klaus Bittner in Köln zu Gast war. Mal beiläufig, mal explizit versicherte er im Gespräch mit Christof Hamann und Sebastian Schönbeck von der Universität zu Köln, wie gering die Parallelen und wie groß die Unterschiede seien. So trage der Galerist im Buch den Pullover des Autors; und die dort geschilderte Attraktivität der Galeristin sei von ganz eigener Art. „Ein brauner Havana-Kater ist der einzige, der Grund zur Klage gehabt hätte“, sagte Christoph Peters. „Denn der ist identisch mit unserem vor einigen Jahren verstorbenen Kater.“
„Innerstädtischer Tod“ beschließt eine Trilogie, deren Romane jeweils einen 9. November schildern. „Der Sandkasten“ spielt 2020, „Krähen im Park“ 2021 und das jüngste Werk im Jahr 2022. Sie alle stehen im Dialog mit der „Trilogie des Scheiterns“ von Wolfgang Koeppen aus den 1950er Jahren: „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“. Diese Werke nimmt der Wolfgang-Koeppen-Preisträger von 2018 gleichsam als Folie für sein zeitgenössisches Gesellschaftspanorama – nicht nur bei der Titelwahl.
Das Bild im Kopf
Christoph Peters erzählt von den Jahren, die wir kennen – mit Corona-Pandemie, Verschwörungsfantasien, Russlands Krieg in der Ukraine, MeToo und AfD. Es sei für ihn sehr spannend gewesen, sich selbst einmal vor Augen zu führen, wie groß die politisch-gesellschaftliche Veränderung zur frühen Nachkriegszeit ist, die Koeppen geschildert hat.
Kunst spielt allemal eine wichtige Rolle im jüngsten Roman, in dem der Künstler Fabian Kolb kurz vor dem Durchbruch zu stehen scheint und sich zugleich in einem moralischen Dilemma befindet. Aber auch für den Schreibprozess selbst hat die Kunst eine herausragende Bedeutung. Der Autor bekannte, keinem Konzept gefolgt zu sein. Vielmehr habe er am Anfang „ein abstraktes Bild“ vor Augen gehabt, „gestisch und mit einem gewissen Farbklang.“ Früher habe er noch Pläne entworfen, ehe er sich ans Schreiben begeben habe. Doch seit einigen Jahren genüge es ihm, sich auf das innere Bild zu konzentrieren.
Dostojewski als Vorbild
„Ich komme beim Schreiben vom Visuellen“, sagte er. Das ist ohne Frage die bleibende Folge seines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Zumal durch das Zeichnen habe sich sein Gehirn darauf eingestellt, sehr viele Informationen zu verarbeiten: „Ich schaue einfach immer.“ Wenn er einen Raum betrete, in dem sich Personen befinden, dann sehe er diese wie Skulpturen.
Den Figuren seiner Fiktionen nähere er sich prinzipiell mit Empathie. Das gelte auch für einen Rechtsaußen-Politiker oder einen offenbar übergriffigen Galeristen, wie sie im jüngsten Roman auftauchen. Dabei sei ihm Fjodor M. Dostojewski ein Vorbild, der sich gleichermaßen auf Heilige und Kriminelle eingelassen habe.
„Ich mag sie alle“
Seine Human-Anthropologie könne er nur seriös betreiben, wenn er sich unvoreingenommen nähere. Er versuche so viel wie möglich über seine Figuren zu erfahren. Daher habe er zur Einstimmung auf die Figur des Hermann Carius einen Interview-Band von Björn Höcke und „sechs oder sieben Bücher“ von Alexander Gauland gelesen. Der Roman sei für ihn wie ein Circus Maximus: „Ich lasse die Figuren aufeinander los und schaue, was dabei herauskommt.“ Ob man diese dann möge oder nicht, hänge von einem selbst ab. Für sich immerhin kann er sagen: „Ich mag die Romanfiguren auf ihre Weise alle.“
All dies trug Christoph Peters in so flotter wie kompakter und erhellender Rede vor. Überdies ist er offenbar auch ein schnell schreibender Zeitgenosse. Den übernächsten Roman hat er bereits in Arbeit. Und der nächste erscheint im kommenden März. Da geht es nicht ums aktuelle Panorama, sondern ums Private: „Entzug“ ist nach Angaben des Luchterhand Verlags „der große autofiktionale Roman von Christoph Peters über den Weg eines Alkoholikers zurück in die Nüchternheit“.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Christoph Peters‘ Roman „Das Jahr der Katze“ HIER vorgestellt.
Christoph Peters: „Innerstädtischer Tod“, Luchterhand, 304 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.
