
Erst war es der Suhrkamp Verlag, später dann Rowohlt, wo Martin Walser (1927 – 2023) seine Werke veröffentlicht hat. Doch neben diesen Riesen ist es die Edition Isele gewesen und ist es immer noch, der die eine oder andere Preziose zu verdanken ist. Seit 1989 ist Verleger Klaus Isele dem Autor verbunden. Unter den nahezu 20 Walser-Titeln aus seinem Haus finden sich „Der Grund zur Freude“ und „Die Amerikareise“, das Bodenseebuch „Heimatlob“ und das Hörspiel „Säntis“. Allemal sind es keine Hauptwerke, aber Blüten am Wegesrand. Und die sind bekanntlich auch von Reiz. Nun kommen drei weitere hinzu.
„Die Kunst der Zustimmung“
„Fast alles über Martin Walser“ – das verspricht Jörg Magenau im Untertitel eines Buches, das einige seiner Walser-Essays versammelt. In „Die Kunst der Zustimmung“ widmet sich der Publizist dem Werkverlauf von den „Ehen in Philippsburg“ (1957) bis zum finalen „Traumbuch“ (2022), vom „gesellschaftskritischen“ Aufbruch bis zum allmählichen Ausdimmen in der Altersprosa. Zudem befasst er sich mit dem Schriftsteller als Zeitgenosse, der in zahlreichen Debatten gefochten hat und dem viel Falsches nachgesagt worden ist, der sich früher als die meisten Schreibenden für die deutsche Einheit aussprach und der mit seiner Friedenspreisrede polarisierte, der einfühlsam war und wüten konnte.
Geradezu sentimental stimmen die beiden angefügten Interviews! Mit ihnen zieht man noch einmal durch die Romanwelt des Autors. Unterhaltsam sind diese Begegnungen auch deshalb, da sich Walser einige Male an den Fragen seines Gesprächspartners reibt. Wie Jörg Magenau denn darauf komme, warum er denn jetzt so soziologisch frage, und das glaube er, also Walser, schon mal gar nicht! Jörg Magenau hält freilich tapfer dagegen – bravo.
„Das bin ich nicht“
Der Intimus selbst bezeichnet diese Sammlung als Ergänzung seiner Biografie, die bereits 2005 erschienen ist. Damals habe Walser über diese Untersuchung gesagt: „Das ist großartig, aber das bin ich nicht.“ Damit habe er ausdrücken wollen: da ist noch viel, viel mehr. Na klar. Eine formidable Fortschreibung der Annäherung, die mit der Biografie unternommen wurde, ist dieses Lesebuch ganz ohne Frage.
Darin enthalten ist auch ein Beitrag über Martin Walsers Lesungen. Die waren in aller Regel ein Ereignis. Denn der Autor war nicht nur wortgewaltig, sondern auch rhetorisch versiert. Da gab es wohl keinen Saal, der nicht gepackt wurde vom Vortrag, vom Schwingen der Arme und vom Formen der Silben, vom unverkennbaren Sound. Kurioserweise wird dieser Magenau-Essay als Übernahme aus einem weiteren Band der Edition Isele angeführt, der zeitgleich erscheint.
„Die Stadt der Städte“
Dabei handelt es sich um „Die Stadt der Städte“, womit Martin Walser Leipzig als „Lesestadt Nummer 1“ feiert. In dem sehr kurzen Text, dessen Manuskript ebenfalls reproduziert wird, ist zu lesen: „In Leipzig entdecken die Zuhörer Sätze, die man selber noch gar nicht als besondere Sätze entdeckt hat.“ So wurde Leipzig für ihn „mit München und Bonn zu einer Stadt, in der die Zuhörer feiner, schneller, genauer und stimmungsreicher reagieren als etwa in Ulm, Duisburg und Aachen.“ Wie gesagt: eine sehr kurze Hommage. Das Nachwort von Jörg Magenau ist um ein Vielfaches länger. Er schreibt: „Jede Lesung war ein Fest.“
Dann noch eine weitere Würdigung! In „Das Hundemögliche oder Die Entstehung der Zukunft“ geht es um die Hunde im Hause Walser in Nußdorf am Bodensee. Martin Walser preist in diesem Text, der vor 20 Jahren in der NZZ erschienen ist, zunächst Timon (nicht Timo). Der Mischling aus Schäferhund und Collie, von einer der Töchter aus einem Tierheim gerettet, werde wohl eines Tages ein Buch über die Familie schreiben, vermutete der Autor seinerzeit: „Dann werde ich endlich erfahren, wie ich wirke und wer ich eigentlich bin.“
Bruno probiert den aufrechten Gang
Es folgt der Appenzeller Sennenhund Robi, der nicht nur nach Robert Walser benannt wurde, sondern selbst ein Lyriker war: „Aus nichts als lyrischer Lust sprang Robi seine Bögen.“ Schließlich und vor allem: Bruno, ebenfalls ein Appenzeller. „Bruno begrüßt jeden Eintretenden, als habe er vierzig Tage in der Wüste auf den gewartet.“ Auch neigt er dazu, „den aufrechten Gang zu probieren“ und sich zeitweise von der Vierbeinigkeit zu verabschieden. Bruno der Große.
Diese drei Walser-Titel aus der Edition Isele wollen nicht die Literaturgeschichte umschreiben. Vielmehr erhellen sie einige Facetten des Autors und seines Werks. Das Terzett ist so lesenswert wie sympathisch: Schöne Steinchen im großen Walser-Mosaik.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir einige Male über Martin Walser und sein Werk geschrieben – zuletzt HIER über die Gedenkfeier in Stuttgart. Persönliche Erinnerungen an Begegnungen mit dem Autor gibt es HIER. Sein letzter großer Lesungsauftritt – im April 2022 im Literaturhaus Stuttgart – findet sich HIER.
Jörg Magenau: „Die Kunst der Zustimmung – Fast alles über Martin Walser“, Edition Isele, 256 Seiten, 25,90 Euro.
Martin Walser: „Die Stadt der Städte: Leipzig – Lesestadt Nummer 1“, mit einem Nachwort von Jörg Magenau, Edition Isele, 56 Seiten, 16,80 Euro.
Martin Walser: „Das Hundemögliche oder Die Entstehung der Zukunft“, mit Fotografien von Isolde Ohlbaum und einer Nachbemerkung von Peter Blickle, Edition Isele, 48 Seiten, 17,95 Euro.



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