Lebenswege von Kriegskindern aus „unerwünschten“ Beziehungen: Monika Dittombée über „Schattenschicksale“

Monika Dittombée greift in ihrem Buch „Schattenschicksale“ ein Thema auf, das aktuell auch in der Ausstellung „trotzdem da!“ im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln behandelt wird.

Willkommen waren sie nicht, die Kinder aus sogenannten unerwünschten Beziehungen. „Sie hörten Schimpfwörter wie ‚Russenbalg‘, ‚Bankert‘ oder ‚Moffe‘ zufällig im Vorbeigehen oder in der Schule“, schreibt Monika Dittombée in „Schattenschicksale“. Von den Spielen mit anderen Kindern seien sie ausgeschlossen gewesen und hätten falsche Nachnamen getragen – „häufig den des neuen und deutschen Vaters“. Anhand von sechs Einzelschicksalen beleuchtet die Journalistin in ihrem informativen Sachbuch einen bislang wenig beachteten Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte: die Problematik von Kindern, die aus Beziehungen von deutschen Frauen mit Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern oder Besatzungssoldaten während des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen.

Schmerzhafte Sehnsucht nach dem Vater

Eben diesem Thema widmet sich aktuell auch die sehenswerte Wanderausstellung „Trotzdem da!“. Sie ist noch bis zum 14. September 2025 im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zu sehen. Zusammengestellt wurde sie von der Gedenkstätte Lager Sandbostel, einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Niedersachsen.  

Die Lebenswege der vier Männer und zwei Frauen, die Monika Dittombée nachzeichnet, könnten kaum unterschiedlicher sein – und weisen doch zahlreiche Parallelen auf. Alle Betroffenen hatten in ihrer Kindheit das Gefühl, „dass mit ihnen etwas nicht stimmt“. Zwei weitere Gemeinsamkeiten: „Diese schmerzhafte Sehnsucht nach dem unbekannten Vater“ und der Wunsch, ihn endlich zu finden. Oft habe die Suche viele Jahre gedauert. „Es wurden Standesämter angefragt, Archive und Kirchenbücher durchforstet, Todeslisten studiert, alte Zeitungen gelesen, Übersetzer engagiert.“

„Guten Abend, ich bin dein Sohn“

Da ist Jack-Peter Kurbjuweit, der 1945 im Flüchtlingslager Salzbitter-Waterstedt in Niedersachsen geboren wurde (und der auch in der Ausstellung zu Wort kommt). Der Mann, den er zunächst für seinen Vater hält, verprügelt ihn „mit allem, was er in die Hände bekam“. Als Heranwachsender erfährt er schließlich, dass sein biologischer Vater ein Zwangsarbeiter aus Griechenland ist, dessen Spur sich im Chaos der letzten Kriegstage in Teplitz, dem heutigen Teplice in Tschechien, verlor.

Es sollen mehr als 30 Jahre vergehen, ehe er sich – erst einmal zaghaft – auf die Sache nach diesem Pietro Dolcetti macht. Und ihn 2003 tatsächlich findet. „Guten Abend, ich bin dein Sohn“, so stellt sich Jack-Peter Kurbjuweit bei einem spontanen Besuch an Heiligabend dem überraschten 83-Jährigen vor. Zwei Jahre bleiben Vater und Sohn noch, ehe Pietro Dolcetti 2005 stirbt.     

„Irgendwie gehöre ich nicht richtig dazu“

Die Bonner Psychologin Marianne Gutmann, Jahrgang 1945, war ein sogenanntes Russenkind. Auch sie erfuhr erst als Teenager, dass sie aus einer „unerwünschten Beziehung“ zwischen ihrer Mutter und einem russischen Besatzungssoldaten stammte. In der Familie war ihre Herkunft ein gutgehütetes Geheimnis: Marianne Gutmann galt als Tochter eines gefallenen deutschen Soldaten. Dennoch sei schon immer „etwas Komisches“ mit ihr gewesen, erinnert sie sich. „Ich hatte, solange ich mich erinnern kann, das ganz seltsame Gefühl, mit mir sei etwas nicht in Ordnung, irgendwie gehöre ich nicht richtig dazu.“ Als sie beginnt, nach ihrem Vater zu suchen, ist Alexander Iwanowitsch Grabaurow bereits gestorben. Doch sie findet ihren russischen Halbbruder, dessen Familie sie herzlich aufnimmt.

Neben sechs interessanten Biografien bietet Monika Dittombées Buch zahlreiche Informationen über den historischen Hintergrund der beschriebenen Fälle. Zudem über die Macht von Familiengeheimnissen. Schließlich über transgenerationale Weitergabe, also die Übertragung oft traumatischer Erlebnisse und Erfahrungen von einer Generation auf die nächste.

Petra Pluwatsch

Ausstellung „Trotzdem da!“

im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Appellhofplatz 23-25.

Geöffnet Di. – Fr. 10 – 18 Uhr, Sa. und So. 11 – 18 Uhr, bis 14. September 2025.

Monika Dittombée: „Schattenschicksale – Lebenswege der Kriegskinder aus verbotenen Beziehungen“, Kösel, 225 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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