In 70 Mikroromanen um die Welt: „Egal wohin, Baby“ lautet der Wahlspruch von Christoph Ransmayr

Auf der Osterinsel erfährt Lorcan, was die Ahnen-Verehrung mit dem Untergang der einst dort ansässigen Bevölkerung zu tun gehabt haben könnte. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Mit Christoph Ransmayr hinein ins neue Jahr! Denn mit ihm kommt man ganz schön rum. Der Österreicher ist gerne auf Reisen. Das hat in vielen seiner Romane Spuren hinterlassen. Aber vermutlich ist der Nomade im Dichter noch nie so deutlich hervorgetreten wie in seiner jüngsten Veröffentlichung, die einen sensationellen Titel trägt: „Egal wohin, Baby“ (der einem Graffito in Ingolstadt entlehnt ist).

„Mein Name ist Lorcan“

Nicht um einen Roman herkömmlicher Machart handelt es sich, sondern um 70 Mikroromane. Das ist die Gattungsbezeichnung, die der Autor selbst gewählt hat. Weil er so viele Geschichten auf Lager hat, gesammelt auf oft erstaunlich ausgedehnten Reisen, bietet er sie hier im Bonsai-Format an. Und wir wissen ja: der Bonsai ist eine Pracht für sich – klein, aber fein getrimmt.

Dass es Christoph Ransmayr ist, der uns als Cicerone um die Welt führt, steht außer Frage. Zwar ist immerzu von einem Lorcan die Rede. Doch das ist nur ein Ausdruck der Freiheit, die sich ein Schriftsteller nehmen darf. Er selbst stellt die Sache in seinem (in Andalusien verfassten) Vorwort klar: „Mein Name ist Lorcan. Richtig: Ich habe mich Lorcan getauft.“ Vielleicht werde dies eines Tages der Name eines Helden sein, der in einem Roman mit dem Arbeitstitel „Swan oder Der Puls der Sterne“ wiederkehren könnte. Aber erst einmal gilt der Name nur für die Dauer dieser 70 Mikroromane.

Implosion im Packeis

Allen Texten ist eine Schwarz-Weiß-Aufnahme vorangestellt. Die fotokünstlerische Qualität ist überschaubar – aber darum geht es überhaupt nicht. Vielmehr handelt es sich um „optische Notizen“ für eine spätere Ausarbeitung. Das kunterbunte und kurzweilige Ergebnis liegt nun vor.

Spektakulär geht es los. Da ist Christoph Ransmayr, der also Lorcan heißt, mit dem russischen Eisbrecher „Yamal“ unterwegs. Angetrieben von zwei Atomreaktoren geht es durch meterdickes Packeis Richtung Nordpol. Oha – denkt man sich, das wird was geben! Mindestens einen Walzer mit ein paar Eisbären. Doch stattdessen wird eine Implosion serviert. Ein „Nebelhut“ über einem Tafelberg ist es, der dem Autor an dieser Stelle seines In-70-Texten-um-die-Welt-Logbuchs eine Eintragung wert erscheint. Eine Wolke, eine Dunstbank – nicht mehr. Es sind eben nicht selten Beobachtungen „am Rande“, die von einer Reise in Erinnerung bleiben. Die also, wie an anderer Stelle geschrieben steht, den „leuchtenden oder glühenden Mittelpunkt“ ausmachen.

Schnee für die Matriarchin

Ja, manche Texte enden schlicht. Andere Texte hingegen könnten der Ausgangspunkt zu ganz großen Romanen sein. Gleichwohl kommen sie schon nach zwei, drei Seiten ans Ende. So wie die Geschichte der Dona Sonia Rosner Silvera, der „brasilianische(n) Matriarchin“, die an ihrem 100. Geburtstag zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sieht. „Donia Sofia war als Herz und Kopf einer weit nicht nur über Brasilien, sondern über Kontinente verzweigten jüdischen Familie mit vielen Tragödien und Enttäuschungen, Schmerzen und Abschieden vertraut, aber als sie an einer meterhohen Schneewächte in das noch nie gefühlte, kristalline Weiß griff, überfiel sie ein solches Lachen, dass sie minutenlang kein Wort zu ihrer Enkelin Georgia und Lorcan sagen konnte.“ Sie ist dann kurz vor ihrem 107. Geburtstag gestorben.

Das ist anrührend. Wie manches mehr. Doch Christoph Ransmayrs Texte kennen kein Pathos. Der Ton ist eher nüchtern, die Darstellung aufs Wesentliche konzentriert. Die Emphase lauert zwischen den Zeilen. Mehrfach ist Vergänglichkeit ein Thema. Bei einem krebskranken Freund, mit dem Lorcan nicht mehr durch die Höhlen im österreichischen Höllengebirge wird steigen können. Oder bei einer Erinnerung an Bertolt Brechts Gedicht „Vom armen B. B.“, das einem immer noch einen Schlag versetzt: „Von diesen Städten wird bleiben: / der durch sie hindurchging, der Wind! (…) / Wir wissen, dass wir Vorläufige sind / Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.“

Das Rätsel der Osterinsel

Vom Traunstein, dem Heimatberg des Autors, geht es hinaus in die Welt. Bis zur Osterinsel, wo er erfährt, dass die Ureinwohner ihren Reichtum womöglich der Ahnenverehrung geopfert haben; weil sie die Moais aus dem Felsen schlagen mussten, blieb keine Zeit mehr für den Ackerbau. Um Menschen, Bauten, Landschaften geht es immerzu. Ebenso ist die Tierwelt reich vertreten – mit Büffel und Berggorilla, Krokodil und Kreuzotter. Auch der Distelfink kommt vor. Und dem Edelweiß ist sogar einer der längsten Mikroromane gewidmet.  

Was vom Reisen übrigbleibt? Keine Souvenirs, nach denen man in den einschlägigen Shops greift. Jedenfalls hat Christoph Ransmayr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf seiner Ägyptenreise keine Mini-Sphinx oder Neon-Pyramide erworben. Tatsächlich hatte er „in seinem Gepäck das leichteste und zugleich schwerste Souvenir, das ein Reisender von seinen Fahrten und erst recht von einem Besuch im Land der Pharaonen mitbringen konnte: ein Rätsel.“

Martin Oehlen

Christoph Ransmayr: „Egal wohin, Baby“, S. Fischer, 256 Seiten, 28 Euro, E-Book: 22,99 Euro.

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