Feier des Planeten: Samantha Harveys Roman „Umlaufbahnen“, für den sie den Booker-Preis erhalten hat  

Foto: Bücheratlas / M.Oe.

Bei diesem Roman ist die Neigung groß, pathetisch zu werden. Das klingt dann etwa so: „Umlaufbahnen“ von Samantha Harvey ist eine Ode an den Planeten Erde. Wer es nüchterner mag, dem sei verraten, dass „Orbital“ – so der Originaltitel – sehr zurecht mit dem diesjährigen Booker Prize ausgezeichnet worden ist. Nun liegt das Werk in der prächtigen Übersetzung von Julia Wolf im Deutschen Taschenbuch Verlag vor.    

Sechzehn Erdumrundungen pro Tag

Der Roman erzählt von der sechsköpfigen Besatzung eines Raumschiffs, die den Globus täglich sechzehn Mal umrundet. Neun Monate lang mit 28.000 Kilometern pro Stunde. Das bedeutet: Sechzehn Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, sechzehn Tage und Nächte, mit allen Kontinenten und vielen Jahreszeiten. Es ist wahr – seit den 80 Tagen, die Phileas Fogg für eine Umrundung brauchte, ist einiges passiert.

Längst ist die Raumfahrt zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Das wissen auch die vier Männer und zwei Frauen an Bord dieser titanbewehrten Konstruktion aus 17 Modulen. „Sie sind lediglich die letzten sechs in einer Reihe von vielen, nichts an ihrer Mission ist noch außergewöhnlich, die Anwesenheit von Menschen im Hinterhof der Erde mittlerweile Routine.“ Dennoch ist es für die Besatzung ein Ereignis, die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Planeten aus der Umlaufbahn zu sehen.

„Balancieren auf dem Stecknadelkopf“

Astronautinnen und Astronauten aus den USA, Japan, Großbritannien und Italien sowie zwei Kosmonauten aus Russland sind gemeinsam unterwegs. Sie kommen bestens miteinander aus. „Was nützen diplomatische Spiele in einem Raumschiff, das in der zarten Gleichgültigkeit der Umlaufbahn gefangen ist?“ Vielleicht sollte man die Menschheit zur Befriedung ins All schießen. Das scheint gut zu tun.

Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt Samantha Harvey vom Leben und Denken an Bord. Sie tut es – und hier sei erneut auf die Übersetzerin verwiesen – in einer schönen Sprache und mit lyrischen Anklängen. Zudem mit originellen Bildern wie dem von unserem „wackligen Balancieren auf dem Stecknadelkopf des Daseins“.  Nicht die Komplexität der Mission steht im Vordergrund. Auch wird die Geschichte nicht von überraschenden Wendungen vorangetrieben. Alles andere als Science-Fiction steht auf dem Programm. Vielmehr leuchtet der Roman gleichsam aus seinem Inneren.

„Auf dunkler, gefährlicher See“

Zuweilen gar nimmt die Erzählung alttestamentarische Züge an. Was nicht verwundert. „Die Gedanken, die einem im Orbit kommen, sind so pompös und alt“, heißt es einmal. Einer dieser Gedanken lautet: „Ohne die Erde sind wir alle erledigt. Nicht eine Sekunde könnten wir ohne ihre Gnade überleben, wir sind Seefahrer auf dunkler, gefährlicher See, ohne unser Schiff würden wir ertrinken.“

Aber es geht nicht nur philosophisch zu. Auch werden die herrlichsten Reiserouten geschildert. Immer wieder anders, immer wieder von beneidenswerter Delikatesse. „Als sie nun vom östlichen Russland diagonal über das Ochotskische Meer nach Süden ziehen, taucht im malvenfarben-gräulichen Glanz des Nachmittags Japan auf. Ihre Bahn kreuzt die schmale Linie der Kurilen, die einen ausgelatschten Pfad zwischen Japan und Russland ziehen.“ Nur schade, dass die Besatzung nirgendwo einen Zwischenstopp einlegen kann.

„Nicht nach unten schauen“

Der Alltag an Bord verändert das Körperempfinden. „Während sie hier oben sind, schmeckt das Essen nach fast nichts. Ihre Nebenhöhlen bringen sie noch um. Ihre Tiefenwahrnehmung ist gestört – ohne hinzusehen, fällt es ihnen schwer zu sagen, wo sich ihre Körperteile gerade befinden. Sie werden zu unförmigen Beuteln mit Flüssigkeiten, zu viel im Oberkörper und nicht genug in den unteren Extremitäten.“ Angenehm griffig ist die Beschreibung des Raumfahrtdaseins. Und auch komisch, wenn es bei einem „Spaziergang“ im All heißt: „Nicht nach unten schauen.“

Was dieser Trip mit den Menschen an Bord macht? Bald ergreift sie alle „das inbrünstige Bedürfnis, diese riesige und zugleich winzige Erde zu beschützen. Dieses wundersame und auf bizarre Weise hübsche Ding“. Ja, dieser Roman ist eine Feier unseres Planeten. Das nimmt man gerade jetzt mit besonderer Empfindung wahr, da die Kräfte wachsen, die ihm den Respekt versagen. Die wie die Trumpisten weltweit die Einfalt predigen und die Umwelt ignorieren. Menschliche Hybris, lesen wir bei Samantha Harvey, sei derart mächtig, „dass nur die menschliche Dummheit mithalten kann“.

Martin Oehlen

Samantha Harvey: „Umlaufbahnen“, dt. von Julia Wolf, dtv, 224 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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