Die Vorsilbe, der Hurrikan und das „polnische Gendering“: Ann Cottens erster Auftritt als TransLit-Poetikdozentin der Kölner Universität

Ann Cotten im Literaturhaus Köln Foto: Bücheratlas / M.Oe.

Schon hatte die volle Stunde geschlagen, da war Ann Cotten noch nicht in Sicht! Erst mit leichter Verspätung erreichte die Schriftstellerin das ausverkaufte Literaturhaus Köln, um sich dort als neue Inhaberin der TransLit-Poetikdozentur der Universität zu Köln zu präsentieren. Wie das? Vielleicht hat Ann Cotten noch bis zur letzten Sekunde an ihrer Antrittsvorlesung gefeilt – doch dazu später. Fangen wir erst einmal mit dem Grundsätzlichen an.

„Menagerie der Transen“

Bereits zum achten Mal findet die TransLit-Poetikdozentur in Köln statt. Universitäts-Professor Christof Hamann hatte die ambitionierte Veranstaltung einst ins Leben gerufen und betreut sie noch heute. Dabei geht es darum, Autorinnen und Autoren vorzustellen, deren literarisches Werk die Grenzen zu anderen Künsten und Foren überschreitet – etwa zur bildenden Kunst, zur Musik, zum Film, zum Digitalen. Den Anfang machte einst Marcel Beyer. Zuletzt war Leif Randt am Start. Nun also Ann Cotten.

Mit dem Sätzchen „So!“ beschloss Ann Cotten ihren Vortrag. Das klang, als wollte die Schriftstellerin dem Publikum mitteilen: Nun schaut mal, was ihr damit anfangt! Denn was der leicht hermetische Titel „Trans – Vorsilbe der Unterwindung“ versprochen hatte, hielt der knapp 90minütige Vortrag mühelos: schwere Kost! Ann Cotten führte durch eine „Menagerie der Transen“, in der sie sich mit Transmission, Transgression, Transkritik beziehungsweise Transcritique, Transport, ein wenig auch mit Transgender und viel zu wenig mit der Transsibirischen Eisenbahn befasste. Sie war unterwegs auf Stippvisite bei Begriffen mit der einschlägigen Vorsilbe: Trans.

„Ich will auch etwas herausfinden“

Zwischendurch leuchteten immer wieder Sätze auf, die in eine Poetik passen könnten. Bekenntnisse wie diese: „Was es schon gibt, wegen dem muss ich doch nicht aus dem Bett steigen.“ Sie möchte cool sein, aber dies im Sinne von glaubwürdig und nicht im Sinne von nervig. Ihr imponieren Differenzierungen und missfallen Vergröberungen („das Klappentextproblem“). Sie lese nicht nur, weil ein Text gut und schön sei, „sondern ich will auch etwas herausfinden“. Kollaborationen mit Musik und bildender Kunst kamen zur Sprache. Die Neigung zum Japanischen schimmerte durch.

Aus alledem ergab sich freilich kein geschlossenes Bild. Ein solches wurde auch gar nicht angestrebt. Vielmehr zählt die Offenheit zu ihrer Poetik. Bloß keine Festlegungen für die Ewigkeit. Es gehe nicht um Entweder-Oder, sagte sie, sondern um Entweder-Und.   

„Eine ein bisschen kryptische Stelle“

Als Performance hatte der Auftritt eine besondere Qualität. Die Poetikdozentin raste durch ihren Text, als gäbe es kein Morgen mehr. Da flogen dem Publikum die Zitate und Assoziationen um die Ohren, als erlebte man einen Hurrikan irgendwo in Iowa, wo Ann Cotten 1982 geboren wurde, ehe sie im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern nach Wien umgezogen ist.

Zudem erweckte die mittlerweile in Berlin lebende Autorin den Eindruck, als feilte sie noch während des Vortragens am Vortrag. Jedenfalls machte sie mit einem schon recht weit heruntergespitzten Bleistift jede Menge Anmerkungen und Unterstreichungen auf dem Manuskript. Dazu dann Erläuterungen wie diese: „Das ist eine ein bisschen kryptische Stelle“. Oder auch so: „Naja, die Argumentation wackelt vielleicht ein wenig.“ Schließlich: „Ich muss noch etwas darüber nachdenken.“

„Polnisches Gendering“

Der stilistische Clou ist allerdings ihr „polnisches Gendering“. Damit bezeichnet Ann Cotten das so verspielte wie radikale Verfahren, die für alle Geschlechter möglichen Buchstaben „in gefälliger Reihenfolge“ ans Ende eines Wortes zu setzen. Dieser Regel folgend heißt es in „Die Anleitungen der Vorfahren“, ihrem 2023 bei Suhrkamp veröffentlichten Hawaii-Text: „Dier Erzählerni, zu Gast auf der Insel, bekommt von allen Seiten Geschenke.“ Folgerichtig ist bei der Trans-Tour im Literaturhaus von einer/einem „Ösistaatsbürgerni“ die Rede.

Mehr von alledem gibt es in diesem Mai und im Juni. Dann tritt Ann Cotten mit jeweils einem von ihr ausgewählten Gast in der Universität zu Köln auf (siehe unten).

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir die Kölner TransLit-Poetikdozentur schon einige Male präsentiert. Zuletzt ging es HIER um den Auftritt von Leif Randt, davor um Kristof Magnusson (HIER) und Iris Hanika (HIER).

Zugabe

Gerade den Hinweis auf ein aktuelles Trans-Projekt in der „Literaturpassage“ im Wiener Museumsquartier entdeckt. Es handelt sich um eine Kooperation mit der Universität für Angewandte Kunst und „Studierenden der Sprachkunst“. Die literarische Initiative wird – gut gegendert, wenn auch nicht „polnisch“ – so beschrieben: „Unter dem Titel ‚Transit‘ soll die Literaturpassage im MuseumsQuartier Wien als Ort der Veränderung fungieren. Poetische Anschläge, ästhetische Manipulation. Ein:e Besucher:in betritt den Durchgang und verlässt ihn als ein:e Ande-re:r. Die Rivalen der Fiktion und Realität treten gegeneinander an, ein Glücksspiel.“

Weitere Termine

der TransLit-Poetikdozentur an der Universität zu Köln: Transgressivität als Standbein ernsthafter Arbeit – Gespräch mit dem Musiker Eric D. Clark (15. 5. 2024, 18 Uhr); Transdisziplin und Transcritique – Gespräch mit dem Philosophen Kobayashi Toshiaki (5. Juni 2024, 18 Uhr); Transdualismus – Gespräch mit dem Literatur- und Kunstwissenschaftler Xiang Zairong (19. Juni 2024, 18 Uhr, evtl. nur online über Livestream).

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