
Han Kang schreibt in einem eigenen Universum. Südkoreas literarische Spitzenkraft, weithin bekannt geworden mit „Die Vegetarierin“, bleibt sich auf faszinierende Weise treu. Erneut liefert sie einen angenehm irritierenden und alles andere als konventionellen Roman um einsame Seelen ab. „Griechischstunden“, nun bei Aufbau auf Deutsch und bereits 2011 im Original erschienen, erzählt die Geschichte einer Annäherung – die einer Frau, die verstummt ist, und eines Mannes, der mehr und mehr erblindet.
Das allmähliche Erblinden
Aus dieser Konstellation entwickelt Han Kang ein stimmungsstarkes Kammerspiel. Es kreist psychologisch und philosophisch um zwei Außenseiter, wie wir sie aus anderen Werken der Südkoreanerin kennen, so auch aus ihrem Künstlerroman „Deine kalten Hände“ (den wir auf diesem Blog HIER besprochen haben).
Mit ihrer Literatur ist Han Kang vom massenkompatiblen und weltweit erfolgreichen K-Pop ihrer Heimat so weit entfernt wie Seoul von Frankfurt. Erst am Main und dann in Mainz hat der männliche Protagonist einige Jahre gelebt. Danach ist er ohne seine Familie nach Südkorea heimgekehrt. Das allmähliche Erblinden, ein großväterliches Erbe, erträgt er ohne Klagen. Gut möglich, dass diese Haltung seinem Studium buddhistischer Schriften zuzuschreiben ist.
„Es ist nicht so einfach“
Warum die Frau verstummt ist, weiß der konsultierte Psychologe recht schnell. Er führt diese Blockade darauf zurück, dass ihre Mutter sie beinahe nicht zur Welt gebracht hätte und dass ihr selbst das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen worden ist. Doch der Befund überzeugt die Frau nicht. Sie schreibt „Nein“ auf ein Blatt Papier und fügt an: „Es ist nicht so einfach.“ Auch der Roman weiß nicht mehr. Nichts wird darin restlos aufgeklärt oder explizit begründet, weil es eben alles so einfach nicht ist.
Die beiden Namenlosen begegnen einander im Griechisch-Kurs, den der Mann anbietet. Allerdings geht es nicht um das Griechisch im gegenwärtigen Athen, sondern um Altgriechisch. Was daran so reizvoll ist? Es ist die Sehnsucht nach der Schönheit der Perfektion.
Genießen mit Platon
Einmal zeichnet der Mann eine Kurve an die Tafel, die steil ansteigt und dann wieder abfällt. Dazu seine Erläuterung: „Die Sprache, die ihren Perfektions-Höhepunkt erreicht hat, entwickelt sich zwangsläufig wieder von ihm weg, damit sie leichter auszusprechen und einfacher zu gebrauchen ist. Man kann diese Kurve natürlich als Rückentwicklung oder Niedergang sehen, aber auf der anderen Seite auch als Fortschritt betrachten. Die heute gesprochenen europäischen Sprachen sind diejenigen, die es über die Jahrhunderte geschafft haben, Regeln zu lockern und den Wortschatz zu entstauben, um weniger kompliziert zu werden. Wenn Sie Platon lesen, können sie die Schönheit einer alten Sprache genießen, in ihrer Perfektion, die sie vor ein paar Tausend Jahren erreicht hatte.“
„Griechischstunden“ feiert die Sprache, ihre Zeichen und Laute. Dass dies für die Übersetzerin Ki-Hyang Lee eine besondere Herausforderung war, steht außer Frage. Die Klippen des Koreanischen und Altgriechischen hat sie, soweit sich das aus dem deutschen Text erschließen lässt, bravourös gemeistert.
In die Hand schreiben
Kommunikation ist ein zentraler Aspekt des Romans. Da geht es nicht nur um Koreanisch und Altgriechisch, sondern auch um Gebärdensprache und Braille-Schrift. Mit dem Mann, dem das Sehen vergeht, kommuniziert die Frau auf so rudimentäre wie intime Weise. Was sie zu sagen hat, „schreibt“ sie mit ihrem Fingernagel in seine Hand. Oder sie scharrt ein wenig mit den Füßen, um ihre Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken. Das scheint zu genügen.
Selbst als die Frau noch sprach, tat sie es leise. Das lag nicht an ihren Stimmbändern. Vielmehr wollte sie „ihre Möglichkeiten nicht ausnutzen“ und sich nicht über die Grenzen ihres Körpers hinweg ausbreiten.
„Schweigen, das vom Himmel fällt“
Ton und Struktur des Textes entsprechen der Haltung der Frau. Der Roman wird geprägt von der Reduktion und nicht von einer ausschweifenden Handlung. Trotz seiner Kürze bietet er formalen Reichtum, Perspektivenwechsel inklusive, und sprachliche Intensität. Zuweilen schwingt die Sprache lyrisch aus, was vom Druckbild, das manche Sätze wie Verse platziert, unterstrichen wird. Und zahlreich sind die Metaphern: „Wenn der Schnee ein Schweigen ist, das vom Himmel fällt, dann ist der Regen vielleicht ein endloser Sturzbach aus Sätzen.“
Je länger man liest, desto langsamer liest man. Han Kang nimmt das Tempo aus den „Griechischstunden“ und lenkt den Blick auf die Innenwelten. Die Stille, von der die Hauptfiguren umfangen werden, überträgt sich mehr und mehr. Beinahe setzt sich der Eindruck fest, der Roman fange allmählich an zu schweben.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Han Kangs Roman „Deine kalten Hände“ HIER besprochen.
Auf Han Kangs Erfolgstitel „Die Vegetarierin“ sind wir in der Buchladenstraße in Busan im Süden Südkoreas gestoßen. Allerdings auf die Originalausgabe. Davon ist im Rahmen unserer Erlebnissplittersammlung aus Südkorea die Rede – und zwar HIER.
Lesungen
bestreitet Han Kang im Literaturhaus Berlin am 11. März 2024 um 19 Uhr (Moderation: Beatrice Faßbender, deutsche Stimme: Elisabeth Günther; Eintritt: 8 Euro, erm. 4 Euro); auf der lit.Cologne in Köln am 12. März 2024 um 20 Uhr (Moderation: Lara Sielmann, deutsche Stimme: Nina Kunzendorf; Eintritt: 28 Euro, erm. 24 Euro); auf Einladung des Literaturhaus Bonn am 23. März um 19.30 Uhr (Moderation: Annabelle Assaf, deutsche Stimme: Sabine Osthoff, Eintritt: 18 Euro, erm. 10 Euro).
Han Kang: „Griechischstunden“, dt. von Ki-Hyang Lee, Aufbau, 204 Seiten, 23 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Klingt wie ein echtes Gustostückerl. Die Vegetarierin hat mir auch gut gefallen, aber da ging es nicht um Sprache.
LikeGefällt 2 Personen
„Die Vegetarierin“ war/ist wirklich spektakulär. Aber auch „Griechischstunden“ ist eine feine Spezialität. Viel Vergnügen bei der Lektüre!
LikeLike