„Die größte Dichterin überhaupt“: Biographische Zeugnisse und ausgewählte Gedichte von Christine Lavant

Werner Berg schuf zahlreiche Porträts von Christine Lavant. Wir veröffentlichen dieses Gemälde mit freundlicher Genehmigung seines Enkels und Nachlassverwalters. Abbildung: Wallstein/Nachlass Werner Berg

Mit Christine Lavant beginnt die Literatur von Frauen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg“ – so schreibt es Klaus Amann. Seine Zusammenstellung von biographischen beziehungsweise autobiographischen Texten, die unter dem Titel „Ich bin maßlos in allem“ bei Wallstein erscheint, ist eine weitere Annäherung an die Künstlerin, die 1915 in St. Stefan im Lavanttal geboren wurde und 1973 gestorben ist. Man kann wohl noch nicht von einer Lavant-Welle sprechen, aber doch von einer anschwellenden Aufmerksamkeit. Da denken wir auch an die vierbändige Werkausgabe, deren Herausgeber Klaus Amann ist (und die auf diesem Blog HIER vorgestellt wurde), oder an die Lavant-Würdigung auf dem Kölner Festival „Anderland“ im November 2023 (HIER).

„Der erstaunlichste Mut“

Klaus Amanns Band bietet auch Statements von Dichterinnen und Dichtern, die ihre Wertschätzung der Kollegin deutlich machen. Thomas Bernhard und Thomas Kling gehören dazu, ebenso Friederike Mayröcker und Ilma Rakusa, Peter Handke und Michael Krüger. Und Sibylle Lewitscharoff sagt 2014: „Für mich ist die Lavant die größte Dichterin überhaupt im 20. Jahrhundert unter den Frauen.“

Zu den Fürsprecherinnen gehört auch Jenny Erpenbeck, die jüngst eine Auswahl von über 100 Lavant-Gedichten veröffentlicht hat: „Seit heute, aber für immer“, ebenfalls im Wallstein Verlag erschienen. Im Nachwort hält sie fest, „der erstaunlichste Mut“, der uns in dieser Lyrik begegnet, sei der Mut zur universalen Perspektive, zum „Aufreißen der vermeintlich kleinen, engen, eigenen Welt hin zum existenziellen Fragen.“

„Ebenso furchtlos wie meisterhaft“

Die von Christine Lavant selbst oft genug erfahrene Todesnähe, sagt Jenny Erpenbeck, habe den Blick geschärft für die ausgesetzte Stellung des Menschen auf halber Strecke zwischen Himmel und Grab. „Um darüber zu schreiben, macht sie, ebenso furchtlos wie meisterhaft, die Hochsprache zu ihrem Instrument, allerdings nicht ohne diese Sprache immer wieder zu messen und zu brechen an dem, was ihr konkret begegnet: den alltäglichen Handgriffen, dem Kreislauf der Natur, den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft, den Pflanzen und Tieren, vor allem aber dem eigenen Körper.“

Dass die „Erfahrung am eigenen Leib“ das Fundament dieses Werks ist, bekräftigt Klaus Amann in seinem Quellen-Band. In seiner Einführung schreibt er, dass „eine beinah schon gespenstisch zu nennende Fähigkeit des sich Einfühlens in andere“ hinzukomme. Christine Lavants Blick auf die Menschen schließe Selbstironie und Humor mit ein. Formal habe sie unerhört frei und beweglich aufgespielt. Augenfällig sei ihre Virtuosität „im Wechsel der Perspektiven, in den Gedankenstimmen, den lakonischen Kommentaren und dem ironischen Dazwischenreden, im Ineinanderschieben von Außen- und Innensicht, der metaphorischen Umdeutung religiöser Symboliken.“

„Mit einem Paukenschlag“

Christine Lavant, geboren als Christine Thonhauser und zeitlebens chronisch krank, hatte ihre Lesung im November 1950. Über die „Tagung zeitgenössischer Autoren und Komponisten“ in St. Veit an der Glan schreibt der Mitveranstalter Lorenz Mack: „Sie kam. Und wie sie kam! Mit Kopftuch, schwarzem ‚Schlawangger‘, schwarzem Rock, ein zusammengeknotetes Tüchl in der Hand, in dem sich ihre Geldbörse und ein Kamm befanden. Sie trat zum erstenmal an die Öffentlichkeit – und schlug alle in ihren Bann. So begann ihr Weg.“

Unter den Besuchern war auch der Maler Werner Berg. Eine schicksalshafte Begegnung. Er schickt ihr sogleich einen Brief: „Schön war es in St. Veit, schöner, als ich je geahnt hätte, und das Schönste war, dass die kleine, große Christine Lavant wie mit einem Paukenschlag mitten hinein in unser Leben gestellt wurde, denn so eins von den eben totgesagten Wundern geschah.“

„Die Erde ist wirklich warm“

Er prophezeite zudem, dass in ihrem Heimatort St. Stefan ein neues Postamt errichtet oder das alte vergrößert werden müsste, um die nun zu erwartenden Berge von Fanpost zu bewältigen. Tatsächlich war es dann Werner Berg, der besonders viele Briefe an die Autorin schrieb. Ihre Liebe war so innig wie gefährdet – denn verheiratet waren sie beide. Zahlreiche Porträts, die Werner Berg von Christine Lavant gezeichnet oder gemalt hat, schmücken den Band. Ihrerseits bekennt sie im Gedicht: „Seit heute, aber für immer / weiß ich: die Erde ist wirklich warm -; ich gebe der Nessel den Brand zurück / und dem Igel die Stacheln.“

„Das Meiste von dem Wenigen, das wir über sie wissen, entnehmen wir ihren Briefen“, schreibt Klaus Amann. Sie habe kein Tagebuch geführt. Auch habe sie alle an sie gerichteten Briefe – bis auf die von Werner Berg – vernichtet. Warum sie dies getan hat, entzieht sich der gesicherten Kenntnis. Klaus Amann stellt fest: „Es gibt keine einfachen oder eindeutigen und manchmal auch gar keine Antworten bei Christine Lavant.“ Und er fügt hinzu: „Sie hat ein Recht auf ihre Geheimnisse. Wir brauchen nicht alles zu wissen.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir die Christine-Lavant-Würdigung auf dem Kölner Festival „Anderland“ HIER geschildert.

Die Gesamtausgabe der Werke von Christine Lavant, die Klaus Amann herausgegeben hat, haben wir HIER vorgestellt.

Klaus Amann (Hg.): „Christine Lavant – Ich bin maßlos in allem – Biographisches“, Wallstein Verlag, 456 Seiten, 34 Euro. E-Book: 26,99 Euro.

Jenny Erpenbeck (Hg.): „Christine Lavant – Seit heute, aber für immer – Gedichte“, Wallstein Verlag, 164 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.  

3 Gedanken zu “„Die größte Dichterin überhaupt“: Biographische Zeugnisse und ausgewählte Gedichte von Christine Lavant

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