
Vor ein paar Tagen“, sagte Susanne Klingenstein, sei es ihr „surreal“ vorgekommen, ein Buch über die jiddische Literatur zwischen 1105 und 1597 vorzustellen. Zu groß das Leid, zu tief das Entsetzen unmittelbar nach dem Überfall der Hamas-Terroristen auf den Staat Israel. Doch dann sei ihr bewusst geworden, dass es „einen gewissen Zusammenhang“ gebe.
Tatsächlich steht außer Frage, dass Susanne Klingenstein mit ihrer „Kulturgeschichte der jiddischen Literatur“ einen fundamentalen Beitrag zur Geschichte des Judentums liefert. Zu deren Erforschung und Bewahrung. Ein großartiges, aber auch ein sehr großes Projekt. Der Suhrkamp-Band „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein“, den wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben, ist ja nur der Anfang. Er deckt das Mittelalter und die Frühe Neuzeit ab. Weitere Bände sollen folgen.
„Wie im Staatsexamen“
Auf Einladung der Fritz-Thyssen-Stiftung und des im Aufbau befindlichen Museum im Quartier (MiQua) stellte sie ihr Buch im ehemaligen Amerika-Haus am Apostelnkloster in Köln vor. Sie fühle sich „wie im Staatsexamen“, sagte Susanne Klingenstein augenzwinkernd zu Beginn. Denn es saßen einige Expertinnen und Experten im Publikum. Nicht zuletzt „die komplette Judaistik“ der Heinrich-Heine-Universität aus Düsseldorf.
Aber selbstverständlich ist Susanne Klingenstein selbst eine Kapazität erster Ordnung. Als Research Fellow arbeitet sie am Zentrum für Jüdische Studien an der Harvard University in den USA. Auch hat sie zahlreiche Abhandlungen zur jiddischen Literatur veröffentlicht. Darunter „Mendele der Buchhändler – Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh“ (Harrassowitz Verlag). Auf diese Veröffentlichung hatte nicht zuletzt Martin Walser gedrängt, wie sie sagte; und über ihre „Wege mit Martin Walser“ (weissbooks.w) hat sie ebenfalls geschrieben.
„Oh, I like your T-Shirt“
Kurzum und wie nicht anders zu erwarten: Ihr Auftritt vermittelte in keiner Sekunde einen Anflug von Prüfungsnervosität. Vielmehr agierte Susanne Klingenstein mit einer Vitalität und Souveränität, die ihren Vortrag zu einem faszinierenden Gang durch die Zeiten machte. Selbst ein zu Boden stürzendes Laptop konnte sie nicht aus der Ruhe bringen. „Take your time“, sagte sie, gelegentlich die Sprachen wechselnd, dem herbeieilenden Techniker. Und die amerikanische Campus-Lockerheit, die wir einfach einmal unterstellen, pflegte sie auch im Dialog mit dem Publikum. Noch bevor ein Zuhörer seine Frage loswerden konnte, brach es aus ihr heraus: „Oh, I like your T-Shirt.“ Und die Antwort, wie es denn um die Qualität der ersten jiddischen Übersetzung eines Harry-Potter-Bandes bestellt sei, überließ sie dem im Auditorium anwesenden Judaistik-Professor Marc Caplan. Er kennt den Übersetzer Arun Schaechter Viswanath persönlich. Sein Votum: „gut“.
Mit einem kurzen Segensspruch, ziemlich genau 751 Jahre vor der Veröffentlichung von „Harry Potter un der Filosofisher Shteyn“, fängt die schriftliche Überlieferung des Jiddischen an. Im Wormser Machsor von 1272, einem Gebetbuch für die Feiertage, ist ein Verspaar in roter Tinte festgehalten: „Gut tak im betage, se ver dis makhzer in bes haknese trage“. Was sagen soll: „Ein guter Tag möge jenem tagen, der dies Machsor wird in die Synagoge tragen.“
„Man muss Suppe machen“
Bemerkenswert findet Susanne Klingenstein, dass sich im Altjiddischen ein ums andere Mal religiöse Texte auf Hebräisch mit durchaus profanen Zeilen in der Alltagssprache verbinden. Als Beispiel dient ihr eine Nürnberger Haggadah aus dem 15. Jahrhundert. In diesem religiösen Buch für das Sederfest steht neben einem Gotteslob da der jiddische Hinweis: „um nicht getadelt zu werden, muss man Suppe machen“.
Es folgten noch ein paar Worte zu Sensationsfunden in Köln (Schiefertafeln) und Kairo (Genizah-Fragmente), die die Forschung enorm bereichert haben. Dann der Sprung in die Neuzeit – zur Rezeption des Jiddischen unmittelbar nach dem Holocaust.
Nach dem Holocaust
Zum einen widmete Susanne Klingenstein dem Heimatforscher Franz Josef Beranek, der zur NS-Zeit als Presseoffizier in der SA tätig war und nach dem Krieg „zum Fürsprecher der jiddischen Studien als Teilgebiet der Germanistik“ wurde. Mit keiner Silbe, so Susanne Klingenstein, habe Beranek das millionenfache Morden erwähnt.
Stattdessen empfahl er 1961 dem Jiddistik-Lehrstuhl in Jerusalem, seine Studien auch auf Deutsch zu veröffentlichen, um „zu einer endlichen Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen“ zu gelangen. Susanne Klingenstein resümiert mit bitterer Ironie: „So standen also einer ‚gedeihlichen‘ Zusammenarbeit nichts weiter im Weg als die hebräischen Buchstaben und die Halsstarrigkeit der Juden, die sich in ihrem Land nicht zum Gebrauch des Deutschen bequemen wollten.“
„Der jüdische Witz“
Zum anderen verwies Susanne Klingenstein auf einige „problematische Bücher“, die Salcia Landmann herausgegeben hat. Nur 15 Jahre nach dem Holocaust veröffentlichte sie einen Sammelband unter dem Titel „Der jüdische Witz“. Susanne Klingenstein stellt fest, dass die Herausgeberin deutsche Leserinnen und Leser eingeladen habe, „scheinbar mit, aber in Wirklichkeit wieder über Juden zu lachen.“
Salcia Salzmann selbst versicherte 1972, im Jahr des Attentats auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München, dass ihre Witze-Sammlung als „Schritt zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschen und Juden“ empfunden worden sei. Susanne Klingenstein fragt, von welcher Normalität da wohl die Rede gewesen sei. „Wenn Normalität unbedrohte Koexistenz bedeutet, so hatte es sie für Juden seit 1096 auf deutschem Sprachgebiet in kaum einem Jahrzehnt gegeben.“
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
findet sich HIER eine ausführliche Besprechung von Susanne Klingensteins Kulturgeschichte „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein“.
Susanne Klingenstein: „Es kann nicht jeder ein Gelehrter sein – Eine Kulturgeschichte der jiddischen Literatur – 1105-1597“, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 634 Seiten, 50 Euro.
