
Gleich der erste Satz führt vor Augen, worauf wir uns einlassen, wenn wir den Roman „Die Krume Brot“ aufschlagen. „Niemand weiß, wo Adelinas Unglück seinen Anfang nahm“, schreibt Lukas Bärfuss. Adelina ist die Zentralgestalt des Romans, der in den 1970er Jahren spielt und Auftakt zu einer Trilogie ist.
Es war einmal in Triest
Noch ehe erkennbar ist, in welches konkrete „Unglück“ Adelina gerät, wirft der Erzähler einen Blick in ihre familiäre Vorgeschichte. Die beginnt bei den Urgroßeltern im politisch unruhigen Triest. „Als junger Mann“, sagt Lukas Bärfuss auf Anfrage, „war ich auf einer meiner ersten Auslandsreisen in Triest, war beeindruckt von dieser Kreuzung Europas, von diesem Palimpsest, von den Widersprüchen, dem Reichtum an Erfahrung, es hat mich nicht mehr losgelassen.“
Im Roman wird die Vorgeschichte fortgeschrieben mit Adelinas Eltern in Zürich. Schlag auf Schlag geht es voran. Die Emigranten aus Italien erhoffen sich als „Gastarbeiter“ ein besseres Leben. Aber die Realität sieht anders aus: „Das Land kalt und grau, das Volk geschäftig und spröde.“
Die glücklichsten sechs Jahre
Als Adelina zur Welt kommt, scheint sich das Schicksal der Familie zum Guten zu wenden. Die ersten sechs Jahre mit dem Mädchen „wurden die glücklichsten ihres Lebens“. Doch zügig wird das Glück von der Armut, dem Streit und der Frustration aufgesogen: „Unglücke geschahen keine, das Leben war das Unglück, es floss dahin und kannte nur eine Richtung, hin zur allmählichen Zermürbung.“
Plötzlich stirbt der Vater. Nur wenige Tage später erklärt die Mutter, dass sie einen neuen Mann „mit einem Haus und einem Wagen“ kennengelernt habe und zu ihm nach Padua ziehen werde. Adelina bleibt allein in der Schweiz zurück – mit den Schulden des Vaters.
Ein Fehler mit Zahnlücke
Sie bricht ihre Lehre ab, die sie sich nicht mehr leisten kann, und arbeitet in einer Suppenfabrik: „Man setzte sie in die Qualitätskontrolle, an ein Fließband, auf dem getrocknete Pilze an ihr vorbeizogen, am Montag Morcheln, am Dienstag Steinpilze und an den restlichen drei Tagen der Woche gewöhnliche Champignons.“
Dann unterlief Adelina ein Fehler, wie es heißt. „Ein Fehler, an dem sie an jedem ihrer restlichen Tage zu tragen hatte, ein schwerer, ja, aber ein schöner Fehler, ein Fehler, der eine Lederjacke trug, ein Fehler mit schwarzen Locken, mit dem schönsten Lächeln unter dem Himmel, ein Fehler mit einer entzückenden Zahnlücke, ein Fehler mit dem Namen Salvatore Izzo.“ Salvatore, unter Freunden Toto genannt, ist der Mann aus dem Mezzogiorno, in den sich Adelina verliebt – und der sie mit der gemeinsamen Tochter Emma sitzenlässt.
Die Kisten im Keller
Das Hamsterrad der Armut kennt kein Innehalten. Ein Zahnarzt stellt Adelina eine hohe Rechnung aus, nachdem sie ihn privat hatte abblitzen lassen. Um die Summe zu begleichen, nimmt sie einen Kredit auf, von dessen Zinsen sie erdrückt wird. Als der Schuldeneintreiber zudringlich wird, kommt der Grafiker Emil wie ein rettender Engel angeschwebt. Er bezahlt, was zu bezahlen ist. So wächst eine Kleinfamilie zusammen. Allerdings liebt Adelina diesen Emil nicht.
Der „Schraubstock“, in dem sich Adelina befindet, wird weiter angezogen. Ein abgelegenes Haus im Piemont, das Emil renovieren will, wird zum Ort des Schreckens. Als Emil für eine Weile seinem Beruf in der Schweiz nachgeht, bleibt Adelina in Italien zurück. Prompt lernt sie einen „Streuner“ kennen, der sie anzieht und der im Keller des Hauses Kisten mit dubiosem Inhalt versteckt.
Unter Terroristen
Eines Tages ist Emma verschwunden. Offenbar wurde sie entführt. Adelina kommt mit Hilfe des „Streuners“, der Pio heißt, in Kontakt mit einer italienischen Untergrundbewegung. Terrorismus ist das Brandzeichen des Jahrzehnts. Nach einem ideologischen Schnellkurs, wonach niemand der Armut entkomme, der sich nicht im gemeinsamen Kampf gegen die Versklavung wehre, wird Adelina versprochen, Tochter Emma ausfindig zu machen. Vorher allerdings müsse Adelina noch einen Koffer aus der Schweiz nach Italien transportieren.
Lukas Bärfuss ist dafür bekannt, dass er in seinen Dramen und Romanen, Essays und Reden in die Vollen geht. Wuchtig ist auch dieser Roman. Oft erzählt er aus der Perspektive von Adelina, was sich dann in der Wortwahl niederschlägt, wenn vom „Schuldengnom“ oder von „einem blöden Arschgesicht“ die Rede ist.
Einige falsche Abbiegungen
Umso intensiver wirkt der Roman, weil er Adelina nicht als Heiligenfigur inszeniert. Gewiss sind einige falsche Abbiegungen, die sie in ihrem Leben nimmt, der mangelhaften Bildung geschuldet. Insbesondere wird die Frau von der nackten Not getrieben, ihr Überleben zu sichern, und wer getrieben wird, handelt nicht immer mit Bedacht. Gleichwohl ist Adelina keineswegs frei von Naivität und Wankelmütigkeit.
„Die Krume Brot“, um die es zuweilen buchstäblich geht, ist ein unerbittlicher Roman. Lukas Bärfuss, 1971 in Thun im Kanton Bern geboren, greift hier auf eigene Armuts-Erfahrungen zurück. Er sagt: „Ich bin in ähnlichen Verhältnissen wie Emma aufgewachsen. Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt meiner Kindheit, ich bin selbst in Armut grossgewachsen, brauchte dazu nur die eigene Erinnerung zu mobilisieren.“
Vermutlich 2025 geht’s weiter
Diese kraftvoll-energische Erzählung des Büchnerpreisträgers von 2019 passt in eine Zeit, die von Migration geprägt wird und in der Inflation keine Vokabel aus dem Geschichtsbuch ist. Allerdings teilt uns Lukas Bärfuss mit, dass er sein Buch „nicht mit den Zeitläuften koordinieren“ könne. „Aber auf eine seltsame, von mir nicht kontrollierbare Weise, schreibt sich doch jedes Buch in seine Zeit ein, nimmt auf sie Bezug, bildet eine Gegenthese.“
Was aus Adelina, was aus Emma wird? Die Hoffnung auf ein gutes Ende ist vorerst gering. Aber gewiss ist, dass die Fortsetzung mit Spannung erwartet wird. Voraussichtlich im Frühjahr 2025 wissen wir mehr.
Martin Oehlen
Lukas Bärfuss: „Die Krume Brot“, Rowohlt, 224 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Einmal mehr eine Rezension, die zugleich eine Empfehlung ist, der man gern nachkommt. Danke!
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Vielen Dank für die freundlichen Worte! Und mit besten Grüßen, M. Oe.
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Oh, toll, dass es eine Fortsetzung gibt. Ich bin gespannt. Fand den Roman auch sehr beeindruckend.
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Ja, dass es eine Trilogie ist, finde ich auch prima. Allerdings müssen wir uns erst einmal zwei Jahre gedulden.
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