Auf der Suche nach den Lichtquellen im Leben: Andreas Altmann legt seine „Gebrauchsanweisung für Heimat“ vor

Heimat hat viele Gesichter und Erscheinungsformen Foto: Bücheratlas

Seine „natürliche Heimat“ hat Andreas Altmann schon vor mehr als 50 Jahren verlassen. „Im Laufschritt, fluchend, unter Tränen der Freude, unter Tränen frisch bezogener Prügel“ ist er als 18-Jähriger fort aus Altötting, dem Ort seiner Geburt. Weg vom brutalen Vater, weg aus „dieser Brutstätte prügelnder Lehrer, Priester und Nazis“ und mitten hinein ins Leben. „Ich würde eine andere Heimat finden, ein oder zwei Milchstraßen sensationeller als der Furz, der endlich hinter mir lag.“ Jetzt hat sich der preisgekrönte Journalist und Reiseautor des Themas noch einmal angenommen und ein kluges und vielschichtiges Buch geschrieben: „Gebrauchsanweisung für Heimat“.

Die Stunde mit Susan

20 Kapitel über all das, was für einen Menschen eine Heimat sein kann. Als da sind Musik, Zen, Deutschland. Einzelne Orte, die durch einen lieben Menschen, ein bestimmtes Ereignis zu einer Heimat auf Zeit werden können. Die eigene Muttersprache. Frauen, Männer, Tiere und natürlich die Liebe. Denn „Heimat – was das magische Wort auch bedeuten mag – muss sein. Der Mensch braucht Lichtquellen, einen Kreis, dessen Teil er ist, Sprache, die ihn behütet, andere Sterbliche, deren Nähe ihn stärkt, eine Gesellschaft, deren Vereinbarungen er grundsätzlich bejaht, eine Wohnung, in die er sich vor dem Rest der Welt zurückziehen darf“.

Altmann, der Weltbürger, ist letztendlich in Paris heimisch geworden, ein „Landeplatz auf Erden“, wie er schöner nicht sein könnte. Dennoch ein Kompromiss, so scheint es, denn einem wie ihm „reicht keine Stadt, kein Land, ich suche überall auf dem Globus nach etwas, an das ich den Sticker Heimat kleben kann“. Da ist Susan aus Galway, der er nachts in ihr Zimmer folgt. „Über eine Stunde küssen und ein bisschen mehr. Aber nicht alles“, um „a perfect day“ nicht „mit einer falschen Geste zu ruinieren“. Seitdem hat Galway einen festen Platz auf Altmanns „privatem Heimat-Atlas“. Genauso wie Wien, wie Mexiko City, wie München und die Sahara, wo „das Glück des Augenblicks“ für unvergessliche Momente der Seligkeit sorgte. Und die Orte zu kleinen Lichtquellen macht „in einem Universum, durch das wir mit 107.000 Kilometern pro Stunde rasen“.   

Musik ist nicht sein Fall

Auch in der Musik suchte Altmann, der Unmusikalische, eine Heimat. Und wurde schnöde zurückgewiesen. Musik könne „den Kuss einer Liebesszene begleiten. Droge sein in dunklen Zeiten. Ganze Leben retten“. Eine Heimat, die ihn willkommen hieß, konnte sie nicht sein. Anders als jene zwei Menschen, die er seine Freunde nennt. Männer, denen zu trauen ist und die wie er selber „den Kopf voller Welt“ haben. Die „allerschönste“, wenn auch gefährliche Heimat jedoch ist für Altmann die deutsche Sprache, sein „Hauptwohnsitz“ und dabei „so unfassbar wie Musik“. Sie ist ihm Trost, Gefährtin, Lebensvertraute – ein Geschenk von unvorstellbarer Größe, das ihm, wie er schreibt, zudem das übermäßige Glück beschere, mit unscheinbaren 26 Buchstaben seinen Lebensunterhalt zu verdienen.  

„Gebrauchsanweisung für Heimat“ erzählt auf anrührende Weise vom Suchen, vom Finden, vom Verlieren und vom Loslassen. So ist dem Heimatlosen, der einst davonstürzte in die Welt, ein wunderbares Buch über den schillernden Begriff Heimat gelungen. Nachdenklich, rotzig und bar jedweder Heimatduselei.  

Petra Pluwatsch

Andreas Altmann: „Gebrauchsanweisung für Heimat“, Piper, 220 Seiten, 15 Euro. E-Book:  12,99 Euro. 

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