
Wenn es so losgeht, geht es schon mal gut los. Mit einer fulminanten Eröffnung startete „kindly invited“ in der Kölner Comedia. Noch bis Sonntag ist dort das „Festivalsymposium“ zu erleben, das vom Literaturhaus Köln realisiert wird. Die zentrale Frage dieser hybriden Mischung aus Theorie und Praxis lautet: „Wie sieht die Zukunft der Literatur auf der Bühne aus?“ Jan Valk von der Kunststiftung NRW, die „kindly invited“ angeregt hat, sagte zur Begrüßung: „Mit einem so starken und experimentierfreudigen Programm kann gar nichts mehr schiefgehen.“ Das ist ein Wort!
„Ich weiß, warum ich das tue“
Bevor freilich Monika Rinck zu Beginn ihres Vortrags das Wasserglas beim Eingießen geschickt verfehlte und Sasa Stanisic diesen Kunstgriff anschließend souverän zitierte, hatte Svenja Reiner das Wort. Die künstlerische Leiterin (die gemeinsam mit Son Lewandowski das Festival „Insert Female Artist“ in den Jahren 2019 und 2021 kuratiert hat) verwies auf die angespannte Lage im Veranstaltungswesen. Noch nie hätten so viele Mitstreitende aufgegeben wie im vergangenen Jahr. Und sie selbst wisse nicht, wie lange sie noch in diesem Bereich tätig sein werde. Aber: „Ich weiß, warum ich das tue.“ Weil sie auf Literaturveranstaltungen durch das „gemeinschaftliche Nachdenken“ über die Gegenwart viel gelernt habe und weiterhin lerne.
Eine „spürbare Verhärtung“ auf dem Buchmarkt machte auch Bürgermeisterin Maria Helmis-Arend aus. Vor diesem Hintergrund begrüßt sie die Fragestellung von „kindly invited“: „Nicht: Wer wird eingeladen? Sondern: Wer fühlt sich eingeladen.“ Dass der Kölner Kulturdezernent bei dieser für die Literaturszene bedeutenden Eröffnung nicht anwesend war, bemerkte sie so beiläufig wie unüberhörbar.
KI der anderen Art
Schließlich machte Bettina Fischer darauf aufmerksam, dass „kindly invited“ im Jubiläumsjahr des Kölner Literaturhauses stattfindet. Das wurde vor 30 Jahren gegründet und ist längst eine Säule im Kulturleben der Stadt. Auch verwies die Leiterin des Hauses auf prominente Förderer in Bund, Land und Stadt, die vom Konzept des Festivals überzeugt werden konnten. Die Liste gibt es am Ende dieses Beitrags.
„kindly invited“ – diese KI der anderen Art, um für Durchblick zu sorgen – öffnete sodann sein Festivalprogramm. Zunächst also vergoss Monika Rinck etwas Wasser auf der Bühne, womit ihr Kurzvortrag „Welcome back im Treppenhaus“ bereits seinen ersten Höhepunkt hatte. Die Lyrikerin und Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln lieferte ein fulminantes „Lob der Lesung“. Dies geschah spielerisch und unter besonderer Berücksichtigung persönlicher Erfahrungen in den frühen Jahren: „Wir machten alles, was uns einfiel – und nannten es Lesung.“ Das Ganze: ein Kabinettstück mit Wasserglas.
„Was für ein komischer Text“
War das noch zu toppen? Von Sasa Stanisic, der als Topact geladen war? Dem Schriftsteller eilt der Ruf voraus, ein begnadeter Vortragskünstler zu sein. Und wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Ja, so ist das. 90 Minuten lang befand sich Sasa Stanisic allein auf der Bühne – allein mit seinen Büchern. Und keine Minute davon weckte das Verlangen, gedanklich abzuschweifen. Die Aufgabe, die ihm gestellt worden war: Passagen aus seinem Werk vorzutragen, die von der Gastfreundschaft handeln – oder auch von der Gastfeindschaft.
Im Rhythmus des Vortragens ausschreitend, den Oberkörper leicht vorgebeugt, so dass er immer wieder sein Haar zurückstreichen musste, mischte er Lesung und Improvisation. Nicht nur wurde er vom begeistert mitgehenden Publikum animiert, auch erfreute er sich selbst an Passagen, die er lange nicht mehr vorgetragen hatte: „Was ist das für ein komischer Text“, unterbricht er einmal, aber reicht die Verantwortung ans Publikum weiter: „Sie wollten es ja so!“
„Zwischen Theorie und Dancefloor“
So überwiegend amüsant, in Spitzenzeiten nahezu büttenreif der Auftritt war, so ernst und eindringlich endete er. Da erinnerte Sasa Stanisic an die „Genossin Rozalija Mimić“, seine einerseits strenge und andererseits gütige Mathematiklehrerin – und an den Krieg in Bosnien, an Tod und Zerstörung. Das saß. Das saß derart, dass sich viele im Publikum zu einer Standing Ovation erhoben.
Die Eröffnung machte neugierig auf das weitere Programm. Angeboten werden unter anderem Literatur-Formate, die von einer Jury aus über 60 Projekten ausgewählt worden sind – darunter die Diskurs-Expedition „Gossip! Klatsch, Tratsch und Redefreiheit“ (Donnerstag), die literarische Show „Zwischen Theorie und Dancefloor“ (Freitag) sowie ein „Bal littéraire“ (Samstag). Das international besetzte Symposium ergründet derweil, „wie Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Transformationen lebendig bleiben kann und neue Räume der Begegnung eröffnet“. Einen besonders attraktiven „Raum der Begegnung“, das steht schon mal fest, bietet in diesen Tagen die Comedia in der Vondelstraße in Köln.
Martin Oehlen
„kindly invited“
endet am Sonntag, 1. März 2026, mit einer Runde zur Kunst des „Gesprächs-Gastgebens“: „Die weite Welt im Wasserglas“.
Zu den Förderern
des Festivals zählen die Kulturstiftung des Bundes, die Kunststiftung NRW, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, die Stadt Köln, die Crespo Foundation, das Czech Literary Centre, Flanders Literature, das Generalkonsulat der Niederlande und die Kämpgen Stiftung.