Schon kommt hier der zweite Teil unserer Suche nach literarischen Spuren in Neuseeland. Zum Auftakt lernten wir die höchstgelegene Büchertapete der Welt und die (vermutlich) kleinste Bücherei des Inselreichs kennen. Nun geht es weiter – und es wird richtig heiß.

Lesebrillen im Sortiment
Noch so ein Laden, wo Bücher mit einer unübersehbaren Leidenschaft empfohlen werden, ist „McLeods Booksellers“ an der Pukuatua Street in Rotorua. Die Ursprünge der unabhängigen Buchhandlung reichen zurück bis 1896, unter dem jetzigen Namen firmiert sie seit 1944. In der Eigenwerbung ist von einer „dangerous destination“ die Rede – „gefährlich“ für alle, die Bücher lieben. Stundenlang könne man sich hier aufhalten. Das mag leicht übertrieben sein. Doch ein Wohlfühlort ist es allemal.
Es werde ein „fantastic old-fashioned Service“ angeboten, heißt es. „Altmodisch“ bedeutet: Die Bereitschaft zur Beratung ist groß. Auch sind die handschriftlichen Rezensionen der Mitarbeitenden, die aus ausgewählten Titeln hervorlugen, teilweise sehr ausführlich. Zudem ist das Angebot an Maori-Literatur erheblich. Und Lesebrillen gib es ebenfalls im Sortiment.

George Bernard Shaw bei 100 Grad
Knapp 12 Kilometer entfernt von „McLeods Booksellers“ findet sich eine literarische Spur der ganz anderen Art. „Hell’s Gate“ ist eine berühmte geothermische Anlage, in der bis zu 100 Grad heißes Wasser aus dem Boden aufsteigt und wo Schlammlöcher in Schwarz, Grau und Weiß endzeitgleich blubbern. Besonders schön ist der 40 Grad warme Kakahi-Wasserfall inmitten fantastischen Grüns, in dem sich der Legende nach die Maori-Krieger nach der Schlacht das Blut abgewaschen und ihre Wunden mit dem sulfathaltigen Wasser desinfiziert haben.
Das alles beeindruckte auch den irischen Dramatiker George Bernard Shaw (1856-1950) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Name „Hell’s Gate“, das Tor zur Hölle, ist seine Prägung. Auch hat der Literaturnobelpreisträger der einen oder anderen Attraktion des Areals einen Namen verpasst, der sich bis heute gehalten hat. „Baby Adam“, eine Ansammlung kleiner Pools, die bei 68 Grad köcheln, bezieht sich auf seinen Enkel, der auf seinem Schoss schaukelt. Hmm. Leichter nachvollziehbar ist die Bezeichnung „Die Kinder“ für ein anderes Segment, dessen Unruhe ihn an seine offenbar insgesamt sehr vitalen Enkelinder erinnerte. Schließlich geht auch der Name „Sodom und Gomorrah“, für Pools von 100 Grad, auf George Bernard Shaw zurück. Die Bezeichnung wählte er offenbar ohne irgendeinen Bezug zu seiner Familie.

Foto: Bücheratlas / M. Oe.
Buchhändler kauft Bücher zurück
„Minton booklovers“ findet man im Zentrum von Napier, das für seine vielen Art-déco-Gebäude berühmt ist. Sie wurden nach dem Erdbeben von 1931 errichtet und gefallen mit ihren so klaren wie schmuckvollen Fassaden. Hier in der Emerson Street gilt die dreistufige Parole: „1) Buy a book 2) Read the book 3) Return the book (if you want) and get 50 % back“. Angeblich ist dieses Geschäftsmodell einmalig in Neuseeland. „Selbst aus Auckland kommen Kunden hierher“, sagt uns der Buchhändler.
Tatsächlich scheint die Kundschaft treu zu sein. Denn kaum hat er uns alles Gute gewünscht, zieht er von einer Kundengruppe zur nächsten und begrüßt sie wie alte Bekannte. Allerdings gilt das Rückkauf-Angebot nur für Bücher, die in dieser Buchhandlung gekauft wurden. Ist ja logisch. Andernfalls wäre der Buchhändler bald ein armer Mann.

Foto: Bücheratlas / M. Oe.
Ruth, Olive und die anderen, die vorangingen
Das Museum von Napier befindet sich im „MTG Hawke’s Bay“, wobei MTG für den Dreiklang „Museum, Theater, Galerie“ steht. Hier ist aktuell die Ausstellung „Hidden in History: Trailblazing Women of Hawke’s Bay“ zu sehen. Sie widmet sich also jenen wegweisenden Frauen der Region, die selbstbewusst vorangegangen sind. Allerdings könne damit nicht, wie es vorsichtshalber heißt, kompensiert werden, dass ihre Leistungen über so viele Jahrzehnte unerwähnt geblieben seien. Unter diesen Frauen sind auch Olive Ellison (1884-1971) und Ruth Ellison (1886-1952), die im Alter von zehn und acht Jahren vermutlich an Typhus erkrankt sind und darüber ihr Gehör verloren haben.
Als Autorinnen gelangten sie mit ihrer Prosa zu einiger Bekanntheit. Olive veröffentlichte Kurzgeschichten und überdies das Wiegenlied „Sleep Little Baby Sleep“, das von Queen Elizabeth für ihren Sohn Charles, dem heutigen König, übernommen worden sein soll. Und Ruth schrieb für den „New Zealand Herald“ den Fortsetzungsroman „Sandy and Co.“, der so viel Zuspruch erfuhr, dass er anschließend als Buch erschien. Von den beiden heißt es, sie seien in Neuseeland die ersten Schwestern gewesen, die beide Prosa veröffentlicht hätten.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir den ersten Teil unseres Neuseeland-Berichts HIER platziert. Weitere Eindrücke von der Nordinsel folgen.
Zuvor schon haben wir einige Literaturspuren aufgezeigt – unter anderem solche aus Tokio (HIER und HIER), Paris (HIER und HIER) und aus Südkorea (HIER).