Merci Paris (6): Cafés und Bistrots unter gläsernen Decken und vor spiegelnden Wänden

Zum Schluss unserer Reihe „Merci Paris“ wollen wir einkehren. Nicht die High-End-Gastronomie ist unser Ziel. Auch verzichten wir auf Hinweise zu den unter Touristen vertrauten Brasserien wie „Lipp“ und „Bofinger“ oder Restaurants wie „La Coupole“, „Procope“ und „Le Train Bleu“. Wieder haben wir lediglich notiert, was uns unterwegs aufgefallen ist. Damit endet unsere Reihe, die mit einer Busfahrt begonnen hat (HIER). Darauf folgten eine erste literarische Spurensuche (HIER), eine kleine Platz-Auswahl (HIER), ein Museums-Rundgang (HIER) und weitere Literaturspuren nebst einem dort platzierten Restaurant-Tipp (HIER). Ach ja, das sei nicht vergessen: Merci Paris!

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Das „Café Charlot“ in der Rue de Bretagne Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Mit Glatthaardackel am Nebentisch

Am Nebentisch sitzt ein Dackel. Ein Glatthaardackel mit einem grünen Halsband. Neugierig äugt er zu uns hinüber. Pardon, wir haben leider kein Leckerli zur Hand. Gelangweilt wendet er sich ab und vergräbt seine Schnauze in der Armbeuge seiner Halterin.

Wir haben den letzten freien Tisch im „Café Charlot“ ergattert. Links vom Dackel, rechts vom Durchgang zu den Fenstertischen. Der Laden brummt, als wäre schon Wochenende und nicht ein stinknormaler Mittwoch. Zwei Kellner schlängeln sich mit vollbeladenen Tabletts durch die Tischreihen. Auch die Tische vor der Tür und unter dem bleigefassten Jugendstildach über dem Eingang sind dicht besetzt.

Vor vielen Jahren beherbergten die Räumlichkeiten schräg gegenüber vom Marché des Enfants rouges eine Bäckerei. Heute ist das Café – Öffnungszeiten 7 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts – ein kulinarischer Hotspot. Das Angebot setzt auf einfache französische Bistrot-Küche. Auf der Speisekarte stehen hartgekochte Eier mit Mayonnaise für zehn Euro, Croque Monsieur und Croque Madame (Monsieur mit einem Spiegelei), Schnecken in Kräuterbutter (sechs Stück für 20 Euro) und Pfeffersteak mit Pommes Frites (39 Euro).

Wer „fein“ essen gehen will, für den ist das Café Charlot also nicht unbedingt die richtige Adresse. Doch was geboten wird, ist solide zubereitet: Und allein das Ambiente – die hohen Fenster zur Straße, die eng gestellten, weiß gedeckten Tische, die altersbraune Theke und die Kugellampen darüber – ist einen Besuch wert. (38 rue de Bretagne) 


„Le Petit Bouillon Pharamond“ gleich bei Les Halles Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Belle Epoque zur Hühnerbrust

Wir haben nicht reserviert, und dass wir noch einen Tisch im „Le Petit Bouillon Pharamond“ bekommen, ist reiner Zufall. Fast 200 Jahre hat das Pharamond im Viertel Les Halles auf dem Buckel und gehört damit zu den ältesten Restaurants in Paris. Als wir das Lokal eineinhalb Stunden später wieder verlassen (das Essen kommt schnell in einer Bouillon), hat sich vor der Fachwerkfassade des Lokals eine lange Schlange gebildet.

Bouillons waren im 19. Jahrhundert eine Art Fast-Food-Lokale für Menschen mit wenig Geld. Für ein paar Francs wurden einfache Speisen und nahrhafte Brühen geboten. Den Rinderbrühen verdanken die Bouillons ihren Namen. An dem Konzept hat sich bis heute wenig geändert. Bouillons bieten schlichte französische Küche zu erschwinglichen Preisen (in unserem Fall Hühnerbrust und Confit de Canard in der Version „pulled duck“, beides für je 13 Euro).

Das Pharamond punktet zudem mit einem nahezu überwältigenden Interieur. Ende des 19. Jahrhunderts ließ die aus der Normandie stammende Familie Pharamond das Innere des Lokals umgestalten. So erwartet die Gäste eine Belle-Époque-Ausstattung vom Feinsten: üppige Mosaiken, verspiegelte Wände und zahlreiche Goldverzierungen. (24 rue de la Grande Truanderie)


In der „Bouillon Julien“ im 10. Arrondissement Foto: Bücheratlas / M. Oe.

„Hier ist alles schön“

Bouillons gibt es einige in der Stadt. Wer es noch ein wenig prachtvoller haben möchte, dem sei die „Bouillon Julien“ im 10. Arrondissement ans Herz gelegt (unbedingt reservieren). Eröffnet wurde sie im Jahr 1906. Das Motto des Gründers Edouard Fournier: „Hier ist alles schön, köstlich und preiswert.“ Die „Bouillon Julien“ gilt mit ihrer gläsernen Decke, den bunten, mit Blumen verzierten Fußbodenkacheln und einer Bar aus altersdunklem Mahagoniholz als eine Ikone des Jugendstils. Im vollbesetzten Saal greift sich unsere Kellnerin den Salzstreuer, füllt ihn auf und verschüttet ein paar Schwünge auf den Boden. Warum? Das bringe dem Personal Glück, sagt sie. Vielleicht hilft es ja bei Rutschgefahr und gegen Glasbruch. (6 rue du Faubourg Saint-Denis) 


Wandmalerei im Eingangsbereich des „Glou“ Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Ausblick auf Picasso

Interessante Aussicht, schmackhafte Küche: Wir sitzen im „Glou“, einem Handtuch-schmalen Lokal an der lebhaften Rue Vieille du Temple. Weder im Erdgeschoss noch in der ersten Etage ist ein Tisch frei, als wir gegen 19 Uhr ohne Reservierung hereinschlendern. Doch neben dem Eingang sind noch zwei Plätze zu haben. Gäste, die nach uns kommen, werden bereits um Geduld gebeten und an einen Stehplatz an einem großen Weinfass verwiesen, das draußen auf dem Trottoir steht. Vom „Glou“ aus schaut man auf die Rückseite des Hotel Salé, eines Palais aus dem 17. Jahrhundert, in dem heute das Picasso-Museum untergebracht ist.

Wir genießen die Aussicht und bestellen als Vorspeise eine „Terrine de campagne aux pistaches“, üppig genug, um sie zu teilen. Das Essen ist französisch-deftig, die Preise sind akzeptabel, und so fällt die Wahl zwischen normannischem Rinderfilet mit Saty-Sauce, Lammrückenbraten mit Kruste aus Sisteron und „Pressé de joue de porc“, gepresster Schweinebacke, nicht leicht.  Dazu gibt es eine enorme Weinauswahl in Flaschen oder etwas übersichtlicher im offenen Ausschank und in kleinen Gläsern. Alles in allem: ein Ort, an den man gerne zurückkehrt. Reservierung empfohlen.  (101 rue Vieille du Temple)   


Frühstück im „Camille“ Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Tausend Stückchen Blätterteig

Das „Camille“ ist ein typisches Pariser Bistrot mit roten Lederbänken, Kachelboden und einer schönen, alten Holztheke. Frequentiert wird es von Touristen wie von Einheimischen, die gern auf einen schnellen Kaffee im Stehen vorbeischauen. Ein idealer Ort auch, um nach einem Museumsbesuch eine kleine Pause einzulegen. Zum Picasso-Museum sind es zu Fuß nur 400 Meter. Auch das „Musée Carnavalet“, das Pariser Stadtmuseum, ist nicht weit entfernt.

Ob das Essen gut ist im Camille? Das nehmen wir mal an. Die Speisekarte, die neben dem Eingang auf einer Schiefertafel angeschlagen war, sieht vielversprechend aus: Gaspacho de tomates maison (12 Euro), Foie gras de canard mi-cuit entier, toast (22 Euro), Magret de Canard rôti au cassis, purée maison (28 Euro), Côtes d’agneau grillées aux herbes, Ratatouille (29 Euro). Probiert haben wir nichts davon. Uns verschlägt es lediglich zu einem zweiten Frühstück in dieses gemütliche Eckbistro an der Rue des Francs-Bourgeois.

Um draußen zu sitzen, ist es an diesem Tag zu kalt, und so wählen wir einen Tisch am Fenster, bestellen bei der freundlichen Bedienung Café au Lait (heiß und stark), Baguette mit Marmelade (knusprig und superfrisch), dazu glänzend braune Croissants, deren feine Blätterteig-Schichten beim Hineinbeißen in tausend Stücke zerspringen. (21 rue des Francs-Bourgeois) 


Halle mit Aussicht am Fuß des Montmartre Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Marmorkuchen unter Stoffen

Am Fuß des Montmartre gibt es Stoffe, Reißverschlüsse, Knöpfe und Nähgarn in jeder nur denkbaren Art. Am Rand des Viertels liegt „La Halle Saint Pierre“, die ehemalige Markthalle, eine wuchtige Stahl-Glas-Konstruktion aus dem Jahr 1868. Seit den 1980er Jahren ist hier das „Musée d’Art Brut & Art Singulier“ untergebracht. Doch an dieser Stelle soll nicht von Kunst, sondern vom dortigen Café die Rede sein.

Zugegeben: Es besteht nur aus einem Dutzend schöner alter Tische und Stühle mitten in der Halle. Dazu gibt es eine lange Theke, auf der ein paar Kuchen zur Auswahl stehen. Das muss man mögen. Nun, wir mögen es! Durch die hohen Glasfenster sieht man hinaus auf einen sanft ansteigenden Hügel. Dort geht es hinauf zur Kirche Sacre Coeur und zur Place du Tertre, einem der touristischen Hotspots von Paris und so überlaufen, dass die Anwohnerinnen und Anwohner Sturm laufen gegen die Besuchermassen, die täglich das Montmartre-Viertel überfluten.

Wir bestellen zum Kaffee zwei Scheiben eines saftigen Marmorkuchens und genießen die Ruhe dieses Ortes. In der ehemaligen Markthalle ist auch eine Buchhandlung untergebracht, die einen Besuch lohnt. Doch davon war ja schon an anderer Stelle in unserer Reihe die Rede, die hiermit endet. (2 rue Ronsard)

Petra Pluwatsch

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Auf diesem Blog

haben wir bereits fünf Teile der Reihe „Merci Paris“ veröffentlicht:

  • 1 Stadtrundfahrt mit dem Linienbus 30 von der Place Pigalle bis zur Place Balard (HIER);
  • 2 Die Spur der Literatur führt von Victor Hugos Salon zur Buchhandlung im neunten Land (HIER);
  • 3 Plätze (HIER);
  • 4 Museen (HIER);
  • 5 Noch mehr literarische Spuren von der ältesten Bibliothek des Landes bis zum Literaturpreis mit Mayonnaise-Eiern (HIER).

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