Der letzte Wunsch des Vaters: Usama Al Shahmanis intensiver Familienroman „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“

Felsendom in Jerusalem Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Gadi Mieche kommt zu spät. Als er in Jerusalem eintrifft, liegt sein Vater Zakai bereits im Koma. 30 Jahre lang haben sich Vater und Sohn nicht gesehen, doch selbst der Tod des alten Herrn vermag Gadi Mieche nicht mit ihm zu versöhnen. „Nichts habe ich von ihm außer dem Familiennamen“, sagt er nach der Beerdigung zu seiner Schwester Tamar. Zu tief sitzt die Enttäuschung über den scheinbar kaltherzigen Vater, der die Familie verließ, als Tamar und er noch Kinder waren. „Er erinnerte sich an die Wochenenden, an denen er sich stundenlang im Arbeitszimmer eingeschlossen hatte. Er erinnerte sich an einen heftigen Streit der Eltern, nach dem der Vater in die Nacht hinausgegangen war, ein Hotel suchen.“ Vor allem erinnert er sich an jenen Abend vor 30 Jahren, als der Vater schweigend einen Koffer packte und fortging, ohne sich von seinen Kindern zu verabschieden.

Von Bagdad nach Jerusalem

Doch Zakai Mieche, der 1950 als Zwölfjähriger aus dem Irak nach Israel floh, hat Gadi und Tamar etwas hinterlassen: Tagebücher und Aufzeichnungen über die Geschichte seiner jüdischen Familie. Außerdem habe er einen Wunsch an seine Kinder, der nicht einfach zu erfüllen sein werde, wie er in seinem Testament schreibt. Die eine Hälfte seiner Asche solle in Jerusalem bestattet, die andere „in Bagdad unter der alten Brücke im Tigris verstreut werden. Dort, wo ich die schönsten Momente meiner Kindheit verbracht habe“. Das, so glaube er, werde seinen Tod leichter machen und „seine Schritte auf dem Weg zur Ewigkeit der Seele beschleunigen“.  

Gadi Mieche erfüllt dem Vater diesen letzten Wunsch. Gemeinsam mit einem Freund fliegt er nach Bagdad und beginnt, sich mit seinen irakischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Wie diese Reise und die Lektüre der Tagebücher des Vaters den Endvierziger verändern, das beschreibt Usama Al Shamani intensiv und fesselnd in seinem Roman „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“. Der 1971 in Bagdad geborene Schriftsteller und Übersetzer musste den Irak 2002 aus politischen Gründen verlassen und lebt seitdem in der Schweiz. Bislang sind drei Romane von ihm erschienen. Mit seinem jüngsten Werk setzt er allen Vertriebenen und Wurzellosen dieser Welt ein beeindruckendes Denkmal und konfrontiert seine Leserinnen und Leser gleichzeitig mit einem kaum bekannten Kapitel jüdischer Geschichte.

Die Last der Vergangenheit

Für Gadi Mieche wird die Auseinandersetzung mit seinem verstorbenen Vater zu einer Entdeckungsreise in eine Welt, die ihm bislang verschlossen war. Er sei, so heißt es im Buch, aufgewachsen mit der Überzeugung, dass es besser sei, diese Herkunft zu verschweigen. „Wenn es um die Familie, um die Herkunft oder Ähnliches ging, hatte er die Aufmerksamkeit immer auf den österreichischen Teil seiner Familie gelenkt, auf die deutsche Sprache seiner aus Wien stammenden Mutter Rahel Wassermann“. Erst jetzt begreift er, welche Last seine Eltern ein Leben lang getragen hatten, ohne je darüber zu reden.

Da war der Vater, geprägt vom Trauma einer erzwungenen Flucht. Da war die Mutter, deren Familie in Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet worden war. Auch das erfährt Gadi Mieche erst aus den Aufzeichnungen des Vaters. „Wenn es um ihre Familie ging, wurde ihr jede Frage zu viel, und manchmal hieß es: ‚Das erzähle ich dir, wenn du älter bist‘.“ Doch dazu sollte es nie kommen. Einmal nur habe Rahel Wassermann ihre ermordete Schwester erwähnt, erinnert sich der Sohn. „Heute wäre Olga sechzig. Schön wär’s gewesen.“

„Wie ein verwundeter Hirsch“

Auch der Vater schwieg eisern über seine Dämonen. „Schweigen war Zakais Gott“, schreibt Gadi Mieche an seine Schwester. Rückblickend erscheine ihm der Vater „wie ein verwundeter Hirsch, der sich ins Gebüsch zurückzieht, um zu genesen oder um zu sterben“. In seinen Tagebüchern schildert der Vater, wie in den 1930er Jahren der Antisemitismus im Irak zunahm und in der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung Ende der 1940er Jahre gipfelte. Die jahrhundertealte jüdische Gemeinde in Bagdad wurde nahezu ausgerottet, und heute finden sich nur noch wenige Spuren jüdischen Lebens in der Stadt. Zakai Mieche und seine Mutter flohen nach Israel, nachdem Zakais Vater spurlos verschwunden war. Doch auch dort waren sie nicht willkommen und wurden als rückständige Orientalen beschimpft. „Während unser Hebräisch im Irak als die Sprache der Zionisten galt, war unser Arabisch in Israel nichts als die Sprache des Feindes.“

Zakai Mieche sollte bis an sein Lebensende nicht heimisch werden in Israel. Bagdad, die Stadt seiner Kindheit, blieb sein Sehnsuchtsort, von dem er sich nach seinem Tod Erlösung erhoffte.

Petra Pluwatsch

Der Autor

ist am 6. September (gemeinsam mit Maryam Aras) zu Gast beim Festival „Weltliteratur im Ghetto“, das Dincer Gücyeter ausrichtet. Möglicherweise wird dann in der Buchhandlung Matussek in Nettetal-Lobberich auch von seinem aktuellen Roman die Rede sein.

Die offizielle Vernissage von „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ist für den 2. Oktober im Literaturhaus Zürich vorgesehen. Anschließend zahlreiche Lesungen in der Schweiz, einige in Österreich und auch auf der Frankfurter Buchmesse.

Usama Al Shahmani: „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“, Limmat, 224 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19 Euro. 

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