Die Reise zum Mond: Juan S. Guse erzählt in „Tausendmal so viel Geld wie jetzt“ von ganz gewöhnlichen Krypto-Millionären

Mond mit Leuchten Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Hinauf zum Mond – dahin zieht es die Helden in „Tausendmal so viel Geld wie jetzt“ von Juan S. Guse. Allerdings würden sie nie im Leben diese deutsche Formulierung wählen. In ihrer Branche tönt es nicht romantisch, sondern abenteuerlich: „To the Moon“. Das ist die Losung der Männer, die mit Kryptowährungen reich geworden sind. Sie wollen hoch hinaus, gehen ins Risiko – und manche gelangen sogar ans Ziel.

Superreich als Friedhofsgärtner

Juan S. Guses drittes Prosawerk changiert zwischen Reportage und Roman. Es geht darin um „gewöhnliche Menschen“, die über Nacht „einen Klassesprung“ erlebt haben. Guse interessieren nicht diejenigen, die plötzlich ihren Reichtum ausleben, sondern solche, die ihren vertrauten Habitus beibehalten. „Fast zwei Jahre lang“, heißt es im Buch (während auf dem Umschlag „ein Jahr“ steht), hat er sich mit solchen „Sleepern“ getroffen.

Basti ist einer von ihnen. Er arbeitet zweimal in der Woche auf dem Friedhof. Ausdrücklich geht es ihm darum, sich die Hände dreckig zu machen. Das tut ihm gut und ist ihm lieber, als wieder den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen und „sich vor Anspannung seine Backenzähne so abzureiben, dass sie als weißer Staub zu einer klebrigen Masse verklumpen.“ Der Lohn – 10,50 Euro die Stunde – ist ohne Bedeutung. Und wenn der Chef ihn kritisiert, dann denkt Basti nur: „Ich könnte heute diesen Friedhof kaufen, und morgen kauf ich mir dein Haus.“ Denn Basti ist ein Krypto-Millionär.

Stakes und Assets

Man könnte geneigt sein, sich ein Vokabelheft anzulegen. Denn da fliegen einem die Fachbegriffe wie Bitcoins um die Ohren. Aber irgendwann nimmt man als Nichtfachfrau oder Nichtfachmann das Gerede über all die Stakes und Assets, über Blockchain, Ethereum, On-Chain-Swaps und Airdrop-Farming nur noch als angenehm perlenden Soundtrack war. Es klingt wie das lyrische Schwirren eines fernen Planeten, ferner noch als der Mond es ist. Zum besseren Verständnis hier der O-Ton eines Insiders: „Crypto-Bros denken, der Token sei überbewertet, weil er im bear market nicht so gefallen ist, aber gut, das ist halt diese Quant utility, die einen gewissen floor hält, wo sich die 100er range als fair value gesettelt hat und nicht wieder auf 40 retraced ist.“

Einige Einblicke gewinnen wir in die Lebenswelt der Kryptomanen. Allemal sind es Einzelgänger. Sie schlafen schlecht. Ängste sind auch im Spiel. Eine dieser Ängste hat sogar ein eigenes Kürzel: FOMO – Fear of Missing Out, also die Angst, etwas zu verpassen. Sie wollen – wie der Sportkletterer Arne – ans große Geld, aber nicht als „Lohnsklave“, sondern frei und schnell: „Denn Fakt ist, dass Arbeit sich wegen der Inflation immer weniger lohnt.“ Die Karriere-Pfade der Eltern, schreibt Juan S. Guse, funktionieren für diese Menschen nicht mehr.

Soziologie trifft Literatur

Der Autor, 1989 in Seligenstadt geboren, hat bisher zwei Romane vorgelegt: „Lärm und Wälder“ sowie „Miami Punk“. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter sowohl am Institut für Soziologie der Universität Hannover als auch an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Im laufenden Sommersemester bietet er Seminare zu Grundlagen des Erzählens und zu „Text-Adventures“ an. Dass sich die beiden akademischen Felder, also die Soziologie und die Literatur, im neuen Buch überlappen, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Juan S. Guse tritt im Text als Schriftsteller auf, der er ist. Mal reist er zu einer Lesung an, mal denkt er über einen unvollendeten Taunus-Roman nach, mal verfolgt er aufgrund seiner argentinischen Wurzeln den Wahlkampf von Javier Milei. Nicht zuletzt verrät er uns die Vorgehensweise bei dem Buch, das wir vor Augen haben. So sei ihm eine gewisse Information schon zu einem früheren Zeitpunkt mitgeteilt worden, doch habe er sie „aus dramaturgischen Gründen“ zurückgehalten. (Das wäre ein schönes Fallbeispiel für sein Grundlagen-Seminar „Formen des Erzählens“, worin es auch darum geht: „Wie ist ein Text dramaturgisch aufgebaut und welcher Mittel bedient er sich dabei?“.)

„Ein neues ballbasiertes Hobby“

Der Trick des Buches ist, dass es die Ernsthaftigkeit einer soziologischen Untersuchung mit der Leichtigkeit einer literarischen Erzählung verbindet. Der Autor erlaubt sich auch den einen oder anderen Spaß – wenn er beispielsweise in einem Wagen fährt, „der so klein war, dass ich vom Fahrersitz aus sämtliche Bauteile anfassen und während der Fahrt austauschen konnte“. Es handelt sich im Übrigen um einen „Citroen C2 (2006)“. Dies sei nur gesagt, um den Hinweis loszuwerden, dass sich Markennamen in diesem Geldmarkt-Buch ausgiebig tummeln – sei es ein Teleskopstab von Gardena oder ein Poloshirt von Trigema.

Mit Sympathie und Befremden schaut der Autor auf die Krypto-Millionäre, die mit ihrem Geld nicht protzen. Von den Begegnungen erzählt er in einem demonstrativ nonchalanten Ton. Wenn wir für einen Beispielsatz noch einmal auf Basti zurückkommen dürfen: „Mal gewann er, mal verlor er Geld, mal fing er ein neues ballbasiertes Hobby an, mal besuchte er seinen Vater in Israel, mal verliebte er sich unglücklich in seine Hautärztin.“

Kafka-Party in Barcelona

„Tausendmal so viel Geld wie jetzt“ versteht sich nicht als grundlegende Feldstudie. Stattdessen ist es eine exklusive Stippvisite auf dem Planeten Geld, der so nah und fern wirkt wie der Mond. Der Ich-Erzähler wird im Laufe der Recherche von der Verlockung gepackt, selbst einmal mit ein paar Clicks viel Geld, sehr viel Geld, also am besten „tausendmal so viel Geld wie jetzt“ zu machen. Aber das haut bei ihm nicht hin. Im Gegenteil. Am Schluss der Erzählung linst gar Kafka um die Ecke.

Dann nämlich schildert Juan S. Guse eine Krypto-Party in Barcelona, bei der es ihm nicht gelingt, den Ausgang zu finden. Ein Alptraum aus Irrwegen und verschlossenen Türen. Damit endet das Buch. Doch offenkundig hat er irgendwann den Weg ins Freie entdeckt. Jedenfalls konnte er dieses Buch schreiben. Ein Glück für ihn, ein Vergnügen für uns.

Martin Oehlen

Lesung von Juan S. Guse

am 17. Juli 2025 um 17. 30 Uhr auf dem Kölner Neumarkt. Die Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Nimm Platz“ ist kostenlos.

Juan S. Guse: „Tausendmal so viel Geld wie jetzt“, S. Fischer, 190 Seiten, 23 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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