Eugene lebt in einer eigenen Welt: Angie Kim erzählt in „Happiness Falls“ eindrucksvoll von Liebe, Sprache und Autismus

Südkoreanisches Delta Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Adam Parson ist verschwunden. Sein Sohn Eugene kehrt allein von einer Wanderung durch ein abgelegenes Waldstück in Virginia zurück. Stundenlang springt der 14-Jährige anschließend auf seinem Trampolin auf und ab, ein Zeichen höchster Anspannung. Erzählen, was geschehen ist, kann er nicht: Eugene ist Autist und unfähig zu sprechen.

Das zweite Leben des Vaters

Für Ich-Erzählerin Mia und ihre Familie – die koreanische Mutter und Mias Zwillingsbruder John – beginnen mit dem Verschwinden des Vaters schwierige Zeiten. Adam Parson, ein weißer Amerikaner von Anfang 50, war seit einigen Jahren Hausmann und kümmerte sich hingebungsvoll um Eugene, der in seiner eigenen Welt lebt. Doch er schien noch ein zweites, ein heimliches Leben gehabt zu haben. Von seinem Konto sind in den vergangenen Monaten tausende Dollar abgehoben wurden. Er hatte Kontakt zu einer Frau, die niemand in der Familie kennt, und forschte zum Thema Glück. Mia entdeckt Aufzeichnungen, die nahelegen, dass der Vater im Rahmen seiner Forschungen Experimente mit ihr und John durchführte.

Ist Adam Parson womöglich abgetaucht und hat seine Familie in Stich gelassen? Oder hat Eugene, der zu unkontrollierten Wutanfällen neigt, etwas mit seinem Verschwinden zu tun? Fragen, die sich auch die Ermittlerin Morgan Janus stellt. Und die nur Eugene beantworten könnte.

Möglichkeiten der Kommunikation    

„Happiness Falls“ ist der zweite Roman der amerikanisch-koreanischen Autorin Angie Kim. Die Rechtsanwältin hat (wie auch ihre jungen Protagonisten) die ersten Lebensjahre in Südkorea verbracht und ist als Elfjährige mit ihren Eltern in die USA gekommen. „Dummkopf“, so nannte man sie in der Schule, weil sie kein Wort Englisch sprach. Und als Dummkopf gilt auch Eugene, der sprachlose Autist, dem die Ärzte aufgrund seiner verbalen Defizite eine geistige Behinderung attestiert haben.

Das Beherrschen einer Sprache werde gemeinhin mit Intelligenz gleichgesetzt, sagt Angie Kim in einem Interview, nachzuhören unter www.hanser-verlage.de. Doch das sei ein Irrtum. Dabei handelt es sich um eine Erkenntnis, die eines der Leitmotive dieses klugen Familienromans über Liebe, Glück und die vielfältigen Möglichkeiten der menschlichen Kommunikation ist.

Die Familie rückt zusammen

Mit Ironie und der Selbstgerechtigkeit einer intelligenten 20-Jährigen schildert Mia, wie die Familie nach dem Verschwinden des Vaters zusammenrückt und versucht, sich das zu bewahren, was von jeher der Kitt ihres Zusammenlebens war: Liebe und Verständnis füreinander, auch wenn es gelegentlich heftig kracht. Eugene wird aus diesem Annäherungsprozess als vollwertiges Mitglied der Familie hervorgehen. Mit Hilfe eines speziellen Trainings kann er mit seiner Umwelt kommunizieren und beweisen, dass die Unfähigkeit zu sprechen nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun hat.

„Happiness Falls“ ist keine ganz einfache Lektüre. Mia ist eine ebenso anspruchsvolle wie sprunghafte Erzählerin. Sie schweift ab, ist mürrisch, parteiisch, zieht falsche Schlüsse und verwirft sie wieder. Zudem arbeitet sie gern mit Fußnoten, als schriebe sie eine Doktorarbeit. Wer sich auf all das einlässt, der wird mit einem großartigen und facettenreichen Roman belohnt.

Petra Pluwatsch

Angie Kim: „Happiness Falls“, dt. von Wibke Kuhn, hanserblau, 544 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.  

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