
Es ist mal wieder mehr denn je ein großes Wort: Gastfreundschaft. Darauf machte die Lyrikerin Uljana Wolf zur Eröffnung der zehnten Poetica in Köln aufmerksam. „Vieles, was wir für selbstverständlich gehalten haben, gerät aus den Fugen“, stellte sie in der Aula der Universität fest. Selbst wo Gesetze existierten, wolle man sich über sie hinwegsetzen. Obdach, Asyl, Gastrecht – nichts sei mehr gewiss. Umso aktueller also das Thema des einwöchigen Festivals: Wie steht es um die Gastfreundschaft und was kann die Poesie dazu beitragen? Der Titel, den sich Günter Blamberger, Michaela Predeick und Uljana Wolf ausgedacht haben: „Poetic Thinking and Hospitality – Freiräume der Poesie“.
„Sie sind alles, was wir haben“
Als „Teaser“ für die Veranstaltungen in Köln war dieser Auftakt gedacht. Der kam am Ende auf eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden. Doch trotz der Länge war es ein anregendes Surren. Das Programm folgte dem vertrauten Schema: Die Autorin oder der Autor liest einen Text im Original, es folgt bei Bedarf eine Übersetzung ins Deutsche, dann noch eine Frage. Und schon heißt es: der oder die Nächste, bitte! Auf dieses Schaulaufen ließen sich die Gäste sichtlich entspannt ein: Da ein Schulterklopfen, dort ein demonstrativer Applaus.
Den Beginn machte die Südafrikanerin Lebogang Mashile. Geradezu programmatisch ihr Gedicht „Unsere Namen sind Poesie“. Wenn man sie frage, woher sie komme, singe sie von den Vorfahren, von Kolonialismus und Apartheid und von der Zeit danach. „Diese Gedichte werden sich weiterdrehen / Sie sind alles, was wir haben“.
„Sie haben Ihr Ziel erreicht“
Wie es um die Gastfreundschaft in Deutschland bestellt ist, führte niemand so konkret vor Augen, wie die 2014 aus Syrien immigrierte Lina Atfah. Als sie erstmals zwischen Flughafen Düsseldorf und Wanne-Eickel unterwegs war, machte ihr das Exil Angst. Davon handelt ihr Gedicht „Das Navi“, das mit der scheinbar beruhigenden Versicherung endet: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Die Kulturen seien halt sehr unterschiedlich, sagte Lina Atfah. Während sie gerne viele Besucher empfange, sei dieser Wunsch bei den Deutschen nicht so stark ausgeprägt. Doch mittlerweile habe sie Freundschaft mit dem Land und der Sprache geschlossen. „Die Deutschen geben viel“, resümierte sie, „aber ohne ein einziges Wort – sie schicken lieber ein Paket.“
Eigens für diesen Abend hatte die Japanerin Yoko Tawada ein Gedicht verfasst. Das passt perfekt in die kriegerische Gegenwart. In „Sojabohnen“ empfiehlt sie die Auseinandersetzung mit den fermentierten Hülsenfrüchten. Man möge lieber Bohnen statt Bomben werfen, denn diese Waffen zögen Fäden. Auf diese Weise komme niemand zu Schaden und der Konflikt alsbald an ein Ende.
„zwei nackte weiße krabben“
Großartig das nachfolgende japanische Doppel der Lyrikerin Hiromi Ito mit der Jazzpianistin Aki Takase. Ein furioses Duell aus Worten und Tastentönen. Selbst wer keine Silbe Japanisch verstand, was vermutlich für mindestens 95 Prozent der Anwesenden gegolten hat, konnte sich hinreißen lassen von diesem Auftritt. Übersetzt wurde dann ja auch noch.
Aki Takase bereicherte mit ihrer Kunst den Abend gleich dreimal. Was es da zu hören gab, feierte Jan Wagner mit Versen auf eben diese Künstlerin: „Hommage an die Hände von Aki Takase“. Da sieht der Büchnerpreisträger „zwei nackte weiße krabben / in ihrer steinway tiefsee“ am Werk. Wobei in diesem Fall der Flügel von der Firma Bösendorfer kam.
Erinnerung an Jürgen Becker
Das entschiedenste Plädoyer fürs Gedicht kam an diesem Abend vom Isländer Sjon. Er meinte, wenn es richtig eng werde für den Planeten, könne uns nur noch das Gedicht retten. Denn im Gedicht sei das Unmögliche vorstellbar. Wer das für eine romantische Position halte, möge das tun. Er jedenfalls sei davon überzeugt.
Für einen emotionalen Moment der besonderen Art sorgte Michael Krüger. Der Büchermacher und Schriftsteller hatte einst die Poetica mit ins Leben gerufen – und den ursprünglich erwogenen Titel „Documenta der Poesie“ verhindert. Nun erinnerte er an den 2024 verstorbenen Kollegen Jürgen Becker. Der habe fast sein ganzes Leben lang in Köln gelebt und ein „großes und großartiges Werk“ geschaffen. „Ich habe immer gehofft, ihn auch heute dabeizuhaben. Aber die Mühe des Lebens ist ihm zu groß geworden, und er hat es vorgezogen, aus anderer Warte zuzuhören.“ Sodann trug er sein Gedicht „7. 9. 2024“ vor. Das trug mit Donnerwetter, Birke und Rotkehlchen durchaus Anklänge an Jürgen Beckers Blicke in den Garten in sich.
„Ich kann drei Stunden lachen“
Zum Jubiläum der Poetica hat das Kuratoren-Trio einige ehemalige Gäste nochmals eingeladen. Zu ihnen zählt Fiston Mwanza Mujila, geboren im Kongo und zuhause in Österreich. Er lachte zu Beginn seines Gedichts, das von kolonialer Unterdrückung handelt, deren Opfer Mensch und Sprache waren und immer noch sind. Und er lachte zum Schluss. Er lache gerne, sagte er im Gespräch, denn das sorge für eine Art Reinigung. „Ich kann drei Stunden lachen.“ Vielleicht fällt es ihm auch deshalb leicht, weil er, wie er sagt, seine Familie immer um sich wisse. Auch auf der Bühne.
Bei all diesen Auftritten geht es immer auch um die Möglichkeiten der Lyrik. Ein Gedicht solle porös und flexibel sein, sagte der Argentinier Sergio Raimondi, und sich keine thematischen Grenzen setzen. Diese Position unterstützt die US-Amerikanerin Claudia Rankine. Sie weitet zudem die formalen Möglichkeiten und verbindet Poesie mit Essay, Memoir und anderem mehr. Solche Offenheit lebt auch das Festival. Sie tut es, indem sie ihre jeweiligen Themen großzügig auslegt; und sie tut es zudem, indem sie auch der Prosa einen Platz anbietet. So trug Sasha Marianna Salzmann, geboren in Wolgograd und seit 1995 in Deutschland lebend, Auszüge aus „Grischa“ vor: Szenen vom Krieg in der Ukraine.

Dank an Günter Blamberger
Tag für Tag wird es nun Poetica-Offerten in Köln geben. Außerdem dabei sind Monika Rinck und Radna Fabias. Und danach? Uni-Rektor Joybrato Mukherjee sicherte dem Festival, das nun auch einen Fanschal für 20 Euro im Merchandising anbietet, die weitere Unterstützung zu. Damit verband er einen speziellen Dank an Günter Blamberger. Der Initiator und langjährige Leiter der Poetica ziehe sich auf eigenen Wunsch zurück. Als Nachfolgerin habe er Uljana Wolf vorgeschlagen. Mit ihr, so der Zwischenbericht des Rektors, stehe man in aussichtsreichen Verhandlungen. Weiter geht’s.
Auf diesem Blog
haben wir über Poetica-Veranstaltungen berichtet – zuletzt über die Poetica 9 genau HIER und HIER.
Das Programm
der Poetica gibt es unter http://www.poetica.uni-koeln.de
Teilnehmende 2025
Mit Lina Atfah (Syrien/Deutschland), Radna Fabias (Curaçao/Niederlande), Hiromi Itō (Japan), Lebogang Mashile (Südafrika), Fiston Mwanza Mujila (Kongo/Österreich), Sergio Raimondi (Argentinien), Claudia Rankine (USA), Sasha Marianna Salzmann (Deutschland), Sjón (Island) und der Pianistin Aki Takase sowie den ehemaligen Kuratorinnen und Kuratoren Michael Krüger, Monika Rinck, Yoko Tawada und Jan Wagner.
Das Kuratorenteam
in diesem Jahr: Günter Blamberger, Uljana Wolf und Michaela Predeick.
Das Festival
Die Poetica ist ein internationales Literaturfestival, das seit 2015 jährlich in Köln stattfindet. Es wird von der Universität zu Köln in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und kulturellen Einrichtungen der Stadt Köln veranstaltet und rückt im Besonderen die Lyrik in den Blickpunkt. Ein Autor bzw. eine Autorin kuratiert und moderiert das Festival und lädt zu einem Leitthema Dichterinnen und Dichter aus aller Welt ein.
Charakteristisch für die Poetica ist die Präsenz aller Mitwirkenden bei den Veranstaltungen der Festivalwoche sowie die Vielfalt ihrer Veranstaltungsorte und Formate.
Die Poetica wird finanziert durch die Universität zu Köln, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen sowie die Kunststiftung NRW.
Das Buch zum Festival
Texte der Autorinnen und Autoren versammelt der Band „Poetica 10“, herausgegeben von Günter Blamberger, Uljana Wolf und Michaela Predeick, konkursbuch Verlag, 218 Seiten, 15 Euro.
