
Kann man mit Anfang 60 den Reset-Knopf drücken? Wiedergutmachen, was man vor mehr als 20 Jahren, unbedacht und dumm, vermasselt hat? Gemeinsam neu anfangen? Nein, würde Gail Baines ohne Umschweife antworten. Und flapsig „Und ewig grüßt das Murmeltier“ hinterherschieben. Bloß keine Gefühle zeigen! Denn Gail Baines, stellvertretende Schulleiterin in Baltimore, Mutter einer erwachsenen Tochter und seit vielen Jahren geschieden, ist keine sehr geschmeidige Frau.
„Mal in eine ganz andere Richtung denken“
Ihr mangele es an Diplomatie, Taktgefühl und Sozialkompetenz, hatte Schulleiterin Marilee Burton ihr im letzten Gespräch vorgeworfen. Und ihrer kratzbürstigen Stellvertreterin empfohlen, sich nach einem anderen Job umzusehen. „Mal in eine ganz andere Richtung denken. Etwas machen, wovon du seit langem träumst.“
Dass jetzt auch noch Gails geschiedener Ehemann Max vor der Tür steht und, einen Tag vor der Hochzeit der gemeinsamen Tochter, bei Gail übernachten will – geschenkt. Der Tag ist ohnehin gelaufen. Wie dieser sanftmütige, leicht übergewichtige Mittsechziger die ruppige Ex-Gattin mit seinem Charme überzeugt und ihr das Selbstvertrauen gibt, einen Neuanfang zu wagen, das erzählt Anne Tyler in ihrem berührenden Buch „Drei Tage im Juni“.
Ein zart gesponnenes Kammerspiel
Der 83 Jahre alten Autorin ist damit ein humorvolles, zart gesponnenes Kammerspiel über die Angst vor dem Alleinsein, über emotionale Verkapselung und die verschlungenen Pfade der Liebe gelungen. Drei Tage, von Freitag bis Sonntag, begleiten wir Gail Baines durch ihren Alltag und erfahren damit mehr über ihre Befindlichkeit als jeder Psychiater. Denn dort, im Friseursalon, an der Hochzeitstafel und beim Dinner im überkandidelten Clubrestaurant spielen sich die Dramen des Lebens ab. Und dort, am Küchentisch oder auf der Veranda, findet sich mitunter die Antwort auf die Frage, was das Leben noch bereithält, wenn man mehr als zwei Drittel davon hinter sich hat.
Da steht er also in seinem ausgeleierten Strickoberteil und der zu weiten Khakihose: Max Baines, der Vater von Gails Tochter Debbie. „Er stapfte schnaufend ins Haus und brachte die Dielenbretter zum Federn“, ein wuchtiger Mann mit breiten Schultern, der stets mehr Raum für sich zu beanspruchen scheint als ihm zusteht. An seiner rechten Hand baumelt eine Tiertransportbox, in der eine alte, namenlose Katze hockt. Das Tier suche ein neues Zuhause, nachdem seine Besitzerin gestorben sei, sagt Max. Und lässt keinen Zweifel daran, dass er Gail für den Job als neue Katzenmutter ausgeguckt hat. Trockenfutter und ein Katzenklo hat er gleich mitgebracht.
Max macht sich breit
Mit einem erfrischenden Schuss Selbstironie schildert Ich-Erzählerin Gail, wie sich Max mehr und mehr in ihrem Heim breitmacht – und letztendlich in ihrem Herzen. „Ich hatte ganz vergessen, wie traut es mit ihm sein konnte“, musste sie sich schon am ersten gemeinsamen Abend eingestehen. Was nichts daran ändert, dass ihr der Ex-Mann und die Katze gehörig auf die Nerven gehen. Am nächsten Tag steht die Hochzeit ihrer Tochter an, ein Familienevent, das im letzten Moment zu platzen droht. Kenneth, der Bräutigam, hat Debbie wenige Wochen zuvor betrogen, ein One-Night-Stand, von dem die Braut erst am Vorabend der Hochzeit erfährt.
Die Sorge um die weinende Tochter bringt das geschiedene Ehepaar einander näher. Schritt für Schritt geht man in den nächsten zwei Tagen wieder aufeinander zu und entdeckt alte, längst vergessene Gemeinsamkeiten. Ein Wortgeplänkel hier, ein Insiderwitz da. „Man vergisst nämlich, wenn man einige Zeit allein war, dass es sie gibt – diese Gespräche zwischen Eheleuten, die sich mit Unterbrechungen wochenlang hinziehen können“, stellt Gail fest. „Die sich wie eine Häkelarbeit verästeln, Schlaufen legen und alte Gesprächsfäden wieder aufnehmen.“ Lebensklugheiten, von denen es viele gibt in diesem kleinen, feinen Roman.
Angst vor Nähe
Max, das wird schnell klar, war nie Gails Traummann. „Liebe ich ihn oder liebe ich ihn nicht“, diese Frage stellte sie sich schon zu Beginn ihrer Beziehung, wohl wissend, dass Max ihr bedingungslos ergeben war. Nun, im Herbst des Lebens, hat sie endlich eine Antwort darauf. Zum ersten Mal stellt sich die 61-Jährige ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Ihrer Angst vor Nähe. Ihrem Festhalten an starren Regeln. Ihrer mangelnden Sozialkompetenz.
„Warum bin ich nur so verschlossen“, fragt sie sich. Und ist dennoch nicht in der Lage, ihr Schneckenhaus zu verlassen. Allein der Beharrlichkeit von Max ist es zu verdanken, dass sie nach diesen drei Tagen im Juni bereit ist, neue Wege zu gehen.
Petra Pluwatsch
Auf diesem Blog
haben wir Anne Tylers Familienroman „Eine gemeinsame Sache“ HIER besprochen.
Anne Tyler: „Drei Tage im Juni“, dt. von Michaela Grabinger, Kein & Aber, 208 Seiten, 23 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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