Die Schriftstellerin und die Hellseherin: Ulla Lenzes berührender Roman „Das Wohlbefinden“

Foto: Bücheratlas / M.Oe.

Vanessa hat ihre Urgroßmutter nie kennengelernt. Johanna Schellmann starb lange vor ihrer Geburt. In der Familie galt sie als „Künstlerin“, und das war beileibe nicht als Kompliment gemeint. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Tochter aus gutem Hause einen Bestseller gelandet, „Das Schmuckzimmer“, und darin gründlich aufgeräumt mit dem Frauenbild der Kaiserzeit. Als geradezu revolutionär galt ihre Kritik an den damaligen Erziehungsmethoden, zielten sie doch allein darauf ab, aus braven Mädchen gefügige Ehefrauen zu machen.  

Begegnung in den Beelitz-Heilstätten

All das ist mehr als ein Jahrhundert her. Johanna Schellmann und ihre Bücher sind nur noch eine Randnotiz in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und doch rückt die alte Dame, die 1967 starb, mehr und mehr in Vanessas Bewusstsein. Eine Wohnungsbesichtigung führt die Berliner Content-Managerin 2020 in die Beelitz-Heilstätten, eine ehemalige Lungenheilstätte für Arbeiterinnen und Arbeiter bei Potsdam. Die Einrichtung, Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, wird schon lange nicht mehr als Krankenanstalt genutzt und ist heute größtenteils verfallen.

Dort hatte die Urgroßmutter im Jahr 1907 die Fabrikarbeiterin Anna Brenner kennengelernt, eine Frau, die als hellsichtig galt. Und die, wie man munkelte, nicht ganz unbeteiligt war an der Entstehung von Johanna Schellmanns aufsehenerregendem Debütroman.

Anna Brenner und der Vorderzahn

Drei Frauen. Drei Zeitebenen. Drei Geschichten, die zu einem berührenden Werk über gesellschaftliche Zwänge, über Selbsttäuschung und weibliches Selbstverständnis verschmelzen. Ulla Lenze hat viel hineingepackt in ihren Roman „Das Wohlbefinden“, doch sie meistert die Herausforderungen eines vielschichtigen Plots mit leichter Hand. Es ist ihr sechster Roman, der jetzt auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht. Die in Mönchengladbach geborene Autorin lebt mittlerweile in Berlin – in einer Stadt, die bis dato vergleichsweise wenig Raum einnahm in ihren Veröffentlichungen.

Die heimliche Protagonistin in „Das Wohlbefinden“ ist Anna Brenner. Anna, die Arbeiterin mit dem fehlenden Vorderzahn, der von einer gewaltbesetzten Kindheit erzählt. Anna, die in diesem Roman nur selten selbst zu Wort kommt und alles, was sie tut, auf den Willen Gottes zurückführt.

Gefürchtet und verehrt

In einer Fabrik hat sie sich mit Tuberkulose infiziert. Nun soll sie das tückische Leiden mit Liegekuren, Sport und guter Ernährung in den Beelitz-Heilstätten auskurieren. In der hochmodernen Krankenanstalt mangelt es den mittellosen Kranken anscheinend an nichts. Die zentrale Therapie sei das Wohlbefinden, sagt Anstaltsdirektor Blomberg. „Wir bemühen uns, Körper und Seele in jenen Frieden zurückzuführen, dessen Fehlen oft die Ursache von Krankheiten ist.“

Doch schon bald entpuppt Anna sich als Störfaktor im gutgeschmierten Getriebe der Heilanstalt. Sie hat das, was man „das zweite Gesicht“ nennt, und sie hält mit ihrem Wissen von bevorstehenden Todesfällen nicht hinter dem Berg. Die eine Hälfte der Patientinnen fürchtet sie, die andere verehrt sie. Zur letzteren gehört auch Johanna Schellmann, die Anna bei einem privaten Besuch in Beelitz kennenlernt. Aus der Zufallsbegegnung wird eine ebenso enge wie ambivalente Beziehung, argwöhnisch beäugt von Johannas Ehemann Clemens.

„Es war etwas passiert“

Noch kurz vor ihrem Tod 1967 erinnert sich Johanna Schellmann an die längst verstorbene Anna, die ihr beistand, als sie „Das Schmuckzimmer“ schrieb. Die Passagen, in denen Ulla Lenze den fortschreitenden geistigen Verfall der hochbetagten Seniorin schildert, gehören zweifellos zu den besten in diesem facettenreichen Buch. „Es war etwas passiert“, konstatiert Johanna, als sich ihr Geist zunehmend verwirrt. „Ewas hatte sich in ihr verselbständigt, übernahm die Führung und tat Dinge, die in andere Zeiten gehörten.“

Ihr 80. Lebensjahr hat die einstige Bestsellerautorin längst überschritten. Betreut von einem jungen Pfleger lebt sie allein und vergessen in Berlin. „Kein Interesse“, signalisiert ihr früherer Verlag, als sie ihm ihre Memoiren anbietet. Johanna Schellmann letztes Werk bleibt ein Fragment. Es ist die Geschichte von Anna und ihr und einer alten Schuld, die nie beglichen wurde. Mehr als 40 Jahre später fällt das Manuskript, ein vergilbter Stapel maschinenbeschriebener Seiten, Urenkelin Vanessa in die Hände. Und der Kreis schließt sich.      

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir Ulla Lenzes Roman „Der Empfänger“ HIER vorgestellt.

Ulla Lenze: „Das Wohlbefinden“, Klett-Cotta, 334 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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