Fanny heißt die neue Geliebte des Joseph Roth: Jan Koneffkes Roman „Im Schatten zweier Sommer“ begleitet das Paar durch Wien und Paris

Pegasus, das Dichterross aus den Tiefen der Mythologie, schwebt in Wien durch den Innenhof der Stallburg, wo die Spanische Hofreitschule untergebracht ist.  Foto: Bücheratlas

Wie findet eine Autorin oder ein Autor seine Geschichte? Jan Koneffke gibt einen Hinweis. Er schreibt in einem „Werkstattbericht“ zu seinem neuen Roman „Im Schatten zweier Sommer“: „Nicht der Autor findet seinen Stoff, sondern der Stoff seinen Autor, davon bin ich zutiefst überzeugt.“ In seinem Fall war es so, dass er eines Tages in Wien bemerkte, in eben jenem Haus zu wohnen, in dem Joseph Roth (1894-1939) als junger Mann ein Untermieter war.

Wirklichkeit mit Fiktion gemischt

Allerdings – sehr viel mehr ist über die frühen Jahre des Schriftstellers nicht bekannt. Jan Koneffke empfand diese Konstellation als Einladung und machte sich daran, die Leerstellen in der Biografie des Kollegen mit Fiktion zu füllen. Dass es immer ein kühnes Unterfangen ist, das Privatleben einer historischen Figur zu imaginieren, ist bekannt. Jan Koneffke allerdings scheint keine Bedenken gehabt zu haben. Im Nachwort erteilt er sich selbst die Absolution, indem er schreibt, dass es „gerade bei Roth“ erlaubt sei, Wirklichkeit und Fiktion zu verquicken, denn der Autor selbst habe Geschichten um die eigene Person erfunden.

Jan Koneffke ist nicht der Erste, dem das Leben des Joseph Roth eine Nahaufnahme wert ist. Im Oktober 2023 hat Lea Singer (alias Eva Gesine Baur) einen Roman über Andrea Manga Bell (1902-1985) vorgelegt: „Die Heilige des Trinkers“ (Kampa). Diese Geliebte gab es tatsächlich – mit ihr lebte Joseph Roth von 1929 bis 1936 zusammen, erst in Berlin und dann in Paris.

Zittern wie ein „Lampelschaf“

Die Fanny des Jan Koneffke freilich ist nichts als Erfindung. Sie wird vorgestellt als Tochter des Schuhmachers Martin Fischler und seiner Ehefrau Josefin (ohne e), die den jüdischen Glauben nicht streng auslegen und ihre Kinder katholisch taufen lassen. In diese Familie gerät der aus Brody in Galizien stammende Joseph Roth im Jahre 1914 als Untermieter.

Über das langsame Erblühen dieser Liebe, ihre Höhen und Tiefen, die Auszeit zwischen den Weltkriegen und das Wiedersehen in Paris werden wir ins Bild gesetzt. Erst schildert ein Neffe von Fanny Fischler, was für eine tolle Tante das war. Dann lesen wir im Tagebuch der jungen Fanny, wie sie Joseph Roth als „Zimmerherrn“ kennen und lieben lernt. Schließlich gibt es noch ihre Erinnerungen an Paris, wohin sie 1938 vor den Nazis flieht und wo sie den alkoholkranken Joseph Roth wiedersieht. All das versieht Jan Koneffke zur Förderung des Lokalkolorits mit vielen Austriazismen: Da wird gezittert wie ein „Lampelschaf“, ist einer womöglich ein „Lugenschippl“ und kommt eine Kleinigkeit als „Alzerl“ daher.

„Maßloser Hang zur Wahrhaftigkeit“

Jan Koneffke lässt seiner Phantasie freien Lauf. Gleichwohl bewegt er sich auf dem festen Grund der historischen Überlieferung. Das gilt für Joseph Roths Lebensweg und Lebensweise. Dass der große Autor dem Schnaps zuspricht und von Eifersucht getrieben ist, lässt sich ja jeder Biografie entnehmen. Und dass er beim Einschlafen mit seinen Fingern die Frisur der Geliebten umfängt, steht sogar bei Wikipedia – da allerdings mit Irmgard Keun als Kronzeugin. Allerdings weiß Jan Koneffke auch, wo die rote Linie verläuft: So weit, dass er das Gedicht vorlegt, welches der fiktive Joseph Roth der noch fiktiveren Fanny widmet, geht er nicht. Es wird als verloren deklariert.

Fanny ist in diesem Roman eine kluge, freundliche, selbstbewusste Frau. Ins Tagebuch von 1914 schreibt sie, dass ihr ein „maßloser Hang zur Wahrhaftigkeit“ eigen sei. Zuweilen ruft sie sich zur Ordnung: „Schluss mit dem Schreiben, ich will lieber Mama zur Hand gehen.“ Ja, alles in allem wirkt die junge Frau so kreuzbrav wie das Tagebuch selbst.

Die Tafel an der Hauswand

Deutlich mehr Kratzer und Brüche, also mehr Lesespannung gibt es in der zweiten Hälfte des Romans, der 1939 in Paris spielt. Wegen der „Nazibagasch“ ist Fanny nach Frankreich geflohen. Die Situation der Exilanten im Allgemeinen und die zunehmende Hinfälligkeit des bekannten Schriftstellers im Besonderen werden anschaulich erzählt. Allerdings wirkt es zuweilen wenig geschmeidig, wie hier die literarischen Werke und die politischen Diskussionen in die Erzählung integriert werden.

Die größte Tat, die Jan Koneffke mit diesem Roman vollbringt, ist das Schüren der Aufmerksamkeit für Joseph Roth. Für den Autor des „Hiob“ und des „Radetzkymarsch“, der „Kapuzinergruft“ und der so kurzen wie anrührenden „Legende vom heiligen Trinker“ (die alle im Verlag Kiepenheuer & Witsch vorliegen, zu dem Galiani Berlin gehört). Und Jan Koneffke hat – gemeinsam mit seiner Ehefrau – noch mehr fürs Gedenken getan. Im „Werkstattbericht“ auf der Homepage des Verlags ist zu erfahren, das Paar habe die Hausverwaltung angeregt, eine Gedenktafel für Joseph Roth am Eingang zur Rembrandtstraße 35 anzubringen. Dort hängt sie nun seit September 2023.

Martin Oehlen

Jan Koneffke: „Im Schatten zweier Sommer“, Galiani Berlin, 304 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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