Der Dichter, der den Kaiser sitzen ließ: Lisette Gebhardt über Kenzaburo Oe, Ausnahmegestalt der japanischen Literatur, und den Sammelband „Oe lesen“

Büchertisch mit Schwerpunkttitel Foto: Bücheratlas

Kenzaburo Oe (1935–2023) war, so sieht es die Japanologin Lisette Gebhardt, „eine Ausnahmegestalt“. Der Tod des japanischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers im März 2023 bedeute einen tiefen Einschnitt: Kenzaburo Oe habe als politisch engagierter Autor gewirkt, der weithin wahrgenommen worden sei. Aktuell sei niemand in Sicht, der diesen Part übernehme. Denn „Kritik am eigenen Land wird in Japan nicht gern gesehen.“

„Ich denke, also bin ich“

Lisette Gebhardt, Professorin der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, widmete sich dem Autor jüngst in einem Vortrag im Japanischen Kulturinstitut in Köln.  Zugleich stellte sie den druckfrischen Band „Oe lesen“ vor, den sie im Berliner EB Verlag herausgegeben hat. Versammelt sind in diesem Reader unter anderem Aufsätze zum Werk, Materialien rund um die Berliner Gastprofessur des Autors, Erinnerungen an persönliche Begegnungen, ein bislang auf Deutsch unveröffentlichter Oe-Text sowie ein Blick auf die Rezeption in Japan und Deutschland. Auch die Nachrufe aus dem vergangenen Jahr werden berücksichtigt. Womit gesagt werden soll: der Band segelt hart an der Aktualität.  

Im Japanischen Kulturinstitut in Köln ist Kenzaburo Oe dreimal zu Gast gewesen. Dort ging Lisette Gebhardt nun nicht so sehr auf die literarische Qualität der Texte ein, deren Exzellenz für sie außer Frage steht. Wem an tiefergehenden Auskünften gelegen ist, der wird im Sammelband fündig. Selbstredend spielt dabei Kenzaburo Oes autofiktionales Schreiben eine wichtige Rolle. Kogito Choko heißt die Hauptfigur im Spätwerk, lesen wir beispielsweise im Beitrag von Monika Schmitz-Emans, was ganz und gar nicht zufällig an René Descartes „cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) erinnert. Kenzaburo Oe, das nur am Rande, war mit der europäischen Literatur und Philosophie bestens vertraut.

Kritiker des Kaisertums

Lisette Gebhardt widmete sich in ihrem Kölner Vortrag vor allem dem Autor als politischem Zeitgenossen. Dessen „größte Geste“ sei die Ablehnung des kaiserlichen Kulturordens gewesen, der ihm nach seiner Ehrung mit dem Literaturnobelpreis (1994) zuerkannt worden war. Damit habe er, der ein Kritiker des Kaisertums war, die Demokratie in seinem Land stärken wollen. Auch habe er sich zeitlebens gegen den Untertanengeist ausgesprochen.

Aber da ist noch manches mehr. Seine „Okinawa-Notizen“ brachten ihm den Vorwurf ein, das Militär verleumdet zu haben – erst 2008 wurde die Anklage abgewiesen. Auch setzte er sich für ein friedliches Japan ein. Vor allem argumentierte er gegen die Atomkraft, zunächst als Reaktion auf die Hiroshima-Bombardierung und zuletzt noch nach der Fukushima-Katastrophe. Wegen seines vielfältigen Engagements wurde er zuweilen als „Gutmensch“ kritisiert – und wer jetzt an Heinrich Böll denkt, denkt vermutlich nicht verkehrt.

Berlin-Aufenthalt im Roman

Leider liegen noch längst nicht alle seine Werke auf Deutsch vor, sagte Lisette Gebhardt. Immerhin aber gibt es Nora Bierichs Übersetzung von „Tagame Berlin-Tokyo“, die Lisette Gebhardt mit Nachdruck empfiehlt. Es ist ein Spätwerk, das zumindest teilweise in Berlin entstanden und dessen Geschichte unter anderem dort angesiedelt ist. Im Zentrum des Romans steht Kogito, der in seinen 60ern ist und durchaus an Kenzaburo Oe erinnert. Der Held stellt sich angesichts des Freitods seines Freundes Goro (hier wird auf den Filmemacher Juzo Itami angespielt) ein paar Lebensfragen: Was habe ich für die Zukunft getan, was kommt noch auf mich zu?

Aber in „Tagame“ geht es auch tief hinein in den japanischen Alltag. Wie steht es um die Yakuza, die japanische Mafia? Oder wie um die Literatur? Im fernöstlichen Inselreich, so ist zu lesen, sei die leichte Kost in Mode. Schlechte Zeiten also für einen „poeta doctus“ wie Kogito es ist. Der Hinweis ergeht gleichsam in eigener Sache. Kenzaburo Oe war der Vorwurf vertraut, dass seine Texte „zu schwierig“ und „zu intellektuell“ seien. Um dieses Urteil zu überprüfen, hilft tatsächlich nur eines: Oe lesen.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir schon einige Beiträge zu Japan und der japanischen Literatur veröffentlicht. Auch das Japanische Kulturinstitut in Köln kommt mehrfach vor – so anlässlich des Japan-Foundation-Award an Irmela Hijiya-Kirschnereit (HIER).

Zur Person

Auf einem Informationsblatt des Japanischen Kulturinstituts Köln ist zu lesen, womit sich Lisette Gebhardt, Herausgeberin von „Oe lesen“, als Professorin für Japanologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main so alles beschäftigt: „Ihre Arbeiten befassen sich mit der literarischen Repräsentation von Politik und Zeitgeschichte, mit ‚Nuklearen Narrationen‘ sowie mit japanischen Intellektuellen, Identitätsdiskursen und Nationalnarrativen.“ Zudem betreibt sie das Forum „Textinitiative Fukushima“ (TIF). Das aktuelle Publikationsprojekt ist ein Band zur Literatur der Heisei-Zeit.

Lisette Gebhardt (Hg.): „Oe lesen“, EB Verlag, 352 Seiten, 24,80 Euro.

2 Gedanken zu “Der Dichter, der den Kaiser sitzen ließ: Lisette Gebhardt über Kenzaburo Oe, Ausnahmegestalt der japanischen Literatur, und den Sammelband „Oe lesen“

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