Das Frauenfest auf dem Alter Markt in Köln: Ausflug zu den Ursprüngen der Weiberfastnacht mit Hauben und Kohlköpfen

An Weiberfastnacht wird traditionell eine Szene um Jan und Griet am Chlodwigplatz aufgeführt. Wenn man genau hinschaut, kann man die Kohlköpfe entdecken, die an die einst so wilden Szenen auf dem Alter Markt erinnern.Foto: Bücheratlas

Mit der Weiberfastnacht erreicht der Kölner Straßenkarneval seine finale Eskalationsstufe. Petra Pluwatsch, auf diesem Blog aktiv, ist der Kulturgeschichte dieses rheinischen Ereignisses einmal nachgegangen und hat ihre Erkenntnisse in dem KiWi-Band „Weiberfastnacht – Die Geschichte eines ganz besonderen Tages“ veröffentlicht. Das Buch ist nicht druckfrisch, aber weiterhin aktuell und lieferbar obendrein. Aus tagesaktuellem Anlass zitieren wir einige wenige Auszüge aus dem dritten Kapitel des Manuskripts, in dem es um den „Mötzenbestot“-Brauch im 18. und 19. Jahrhundert geht. (BA)

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Weiberfastnacht vor 200 Jahren

„Am tollsten war dies Treiben auf dem Altenmarkte unter den Gemüseweibern, den Vorkäuferinnen und den Bauern“, schreibt der Kölner Schriftsteller Ernst Weyden über den „Morgen des Donnerstags vor Fastnachtssonntag, der Weiberfastnacht“. In Köln bewerfen sich die Frauen mit Kohl, Rüben und Straßendreck. Marktstände werden umgestoßen, Mützen und Hüte fliegen durch die Luft. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser regnen welke Kohlblätter und Unrat auf die feiernde Menschenmasse herab. Es ist, urteilt Ernst Weyden in „Köln am Rhein um 1810“, „ein wahrer Mänadentanz“.

„Mötzenbestot“ (Mützenbestapelung) nennt sich jenes ebenso merkwürdige wie einmalige Ritual, das vermutlich seit Ende des 18. Jahrhunderts Jahr für Jahr an Weiberfastnacht auf dem Alter Markt stattfindet. Trägerinnen des Brauchs sind Marktfrauen, Verkäuferinnen und zunehmend Arbeiterinnen aus den nahen Fabriken. Allesamt gestandene Frauenpersonen aus den unteren Einkommensschichten.

„Der Beginn der Unzucht“

Das Wort „bestot“ geht vermutlich auf das niederdeutsche „bestaden“ zurück und heißt nichts anderes, als „jemanden unter die Haube bringen“. Die Haube gilt als Zeichen der ehrbaren, sprich: der verheirateten, „unter die Haube“ gebrachten Frau. Mit dem gegenseitigen Abreißen ihrer Kopfbedeckungen machen die Kölner Marktfrauen an Weiberfastnacht ihr Eheversprechen für einige wenige Stunden rückgängig und stellen nach bester Karnevals-Tradition die Welt auf den Kopf. Es ist „der Beginn der Unzucht“, schreibt Renate Matthaei in ihrem Buch „Matronen, heilige Jungfrauen und wilde Weiber“. Mit dem Akt des Haubenabreißens, so die Kölner Historikerin, verlassen die Frauen „den gewohnten Raum der Sitten und Gesetze, um sich dem Außerordentlichen zu öffnen, der Ekstase, der Raserei“.

Selbst die Bräute Christi feiern in den Kölner Klöstern an Weiberfastnacht, der „Pfaffenfastnacht“, die Mötzenbestot. Allerdings wesentlich gemäßigter als ihre weltlichen Schwestern auf dem Alter Markt. Es gehe dabei recht lustig zu, berichtet 1785 ein anonymer Autor im „Journal von und für Deutschland“ über den „Fastelabend in Cölln“. Die Schleier werden beiseitegelegt, und „man vermummt sich recht possierlich“. Mützenbestapelung, bestätigt er, nenne sich dieser „Carneval der Nonnen“.

Ruhe im Rathaus

Auch kleine Mädchen ziehen in Gruppen durch die Straßen und singen lauthals dieselben Lieder wie ihre Mütter und Großmütter: „Fastelovend kütt eran, / Spille mer op der Büsse. / Alle Maedcher kriegen ne Mann, / Ich uch och mi Söster.“ Das ist die Botschaft: Karneval kommt, lasst uns auf dem Rummelpott (auch Brummtopf genannt) spielen. Alle Mädchen kriegen einen Mann ab, ich und auch meine Schwester. Oder sie singen: „Ännche, Susännche, / Wat häss do en dingem Kännche, / Rude Wing of wisse Wing? / Morge salls do Bruk sinn.“ (Ännchen, Susännchen, was hast du in deinem Kännchen, roten oder weißen Wein? Morgen sollst du noch zu was zu gebrauchen sein.)

Die Kölner Stadtherren lassen sich von der Feierlaune anstecken. An Weiberfastnacht ruht im Rathaus die Arbeit. „Die auf gestern anberaumt gewesene Versammlung der Stadtverordneten kam in Ausfall, weil sich die Mitglieder des Collegiums nicht in beschlussfähiger Anzahl eingefunden hatten“, meldet am 4. März 1859 leicht amüsiert die „Kölnische Zeitung“. „Die carnevalistische, dem Ernst der Geschäfte abgeneigte Stimmung, welche zurzeit hier die Gemüther beherrscht, scheint auch bereits in den höheren Regionen vorzuwalten. Wir gehen in der That nicht zu weit, wenn wir sagen, dass Köln jetzt nur von einem Gedanken erfüllt ist: dem Carneval und seinen Herrlichkeiten.“

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Petra Pluwatsch: „Weiberfastnacht – Die Geschichte eines ganz besonderen Tages“, Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 14,90 Euro.

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