„Ich liebe den Klang der hebräischen Worte“: Gundula Schiffer über Israel, ihren Lyrikband und die Fülle der Stadtteile – Neue Literatur aus Köln (3)

Gundula Schiffer Foto: Bücheratlas

Vier Autorinnen und Autoren haben soeben ihre jüngsten Texte im Literaturhaus Köln vorgestellt. Sie alle sind während der Arbeit in den Genuss des Dieter-Wellershoff-Stipendiums gekommen. Den Auftritt des Quartetts nehmen wir zum Anlass, nach dem Stand der Dinge in der Kölner Literaturszene und beim jeweiligen Werk zu fragen. Nach Thomas Empl (HIER) und Adrian Kasnitz (HIER) gibt jetzt Gundula Schiffer Auskunft. Das Finale folgt mit Tilman Strasser.

***

Eins

Gundula Schiffer, Sie haben zuletzt den Lyrikband „Hioba Hymore“ veröffentlicht. Gibt es ein Leitmotiv, eine zentrale Inspiration für diese Gedichte?

Wie der Name „Hioba“ andeutet, als weibliche Entsprechung zu Hiob, sind die Gedichte dieses Buches einerseits durch den Dialog mit der hebräischen Sprache und der biblischen Literatur inspiriert, andererseits versenken sie sich immer wieder in die eigene biographische Herkunft, in die dörflichen, waldigen Landschaften des Rheinlands im Gegensatz zu Israel, wo das Licht gleißt und die Wüste ein Großteil des Landes bestimmt. In den Gedichten bricht zudem immer wieder ein früher Verlust und Schmerz durch, der in der jüdischen Tradition aufgefangen wird und, in Anlehnung an Viktor Frankl, dort Bedeutung findet.

Zwei

Sie dichten sowohl auf Deutsch als auch auf Hebräisch. Was kann das Hebräische besser als die deutsche Sprache?

Als ich begann, klassisches Hebräisch zu lernen, spürte ich sofort das Begehren, in dieser Sprache Gedichte zu formen. Ich sehe so gern hebräische Buchstaben auf der Seite, auf dem Papier. Und ich liebe den Klang der Worte, auf Hebräisch kann man in Gleichklängen baden. Das hat mit der Struktur dieser semitischen Sprache zu tun, wo von derselben Wurzel aus zumeist drei Konsonanten Nomina, Verben und Adjektive gebildet werden. Außerdem kann ich mich auf Hebräisch wörtlich in biblische (Kon-)Texte einschreiben, etwa ins Hohelied, wo die Frau den Tanz der Liebenden führt. Es ist für mich eines der schönsten Liebesgedichte der Welt und keine Sekunde veraltet.   

Drei

Stehen Sie aktuell im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in Israel? Was nehmen Sie als literarische Reaktion auf den Krieg war?

Mit israelischen Freunden, Kolleginnen und Kollegen bin ich täglich im Austausch. Außerdem habe ich den Monat Dezember in Israel verbracht, zu einer Residenz im Scholem Asch Haus in Bat Jam. Aber auch, um Beistand zu leisten und in der Nähe der Trauer zu sein. In dieser Zeit habe ich bewusst das Gespräch mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern gesucht und so entstand die Idee für eine kleine, demnächst erscheinende Online-Anthologie in meiner Übersetzung mit Texten nach dem 7. Oktober und im gegenwärtigen Krieg in Gaza, den der brutale Angriff der Hamas auf Israel ausgelöst hat.

Das ITHL – The Institute for the Translation of Hebrew Literature brachte vor kurzem die zweisprachige, hebräisch-englische Online-Anthologie Shelter heraus; sie versammelt vor allem israelische Stimmen nach dem 7. Oktober, aber auch Texte von Joshua Cohen und Maxim Biller. Maya Arad Yasur hat als Reaktion auf das Massaker der Hamas das Theaterstück Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten geschrieben, das auch schon in mehreren deutschen Theatern aufgeführt wurde (übersetzt von Matthias Naumann). Vor ein paar Tagen stieß ich auf Facebook auf das jiddische Gedicht Devastation in Gaza von Tal Hever-Chybowski, publiziert in dem Online-Magazin Forward, für das er eine Übersetzerin oder einen Übersetzer ins Deutsche suchte.

Von einigen höre ich, dass sie nach dem Schock des 7. Oktobers und während des Krieges, der so viele Menschenleben auf beiden Seiten fordert, unfähig bleiben, literarisch zu arbeiten und dass ihnen angefangene Projekte plötzlich nicht mehr relevant, unbedeutend erscheinen. Andere betonen, dass ihnen gerade angesichts der unmenschlichen Schrecken und der andauernden Gewalt die künstlerische Arbeit als Gegenkraft umso wichtiger ist, Trost und Halt gibt. In diesem Sinne beobachte ich auch viele aktuelle Projekte derzeit in Israel, besonders aktiv und vielfältig ist hier die Israelische Nationalbibliothek, die mitten im Krieg ihr neues Gebäude gegenüber der Knesset bezogen hat.

Vier

Was verbinden Sie mit dem Werk von Dieter Wellershoff? Gibt es da Leseerfahrungen?

Erst als ich das Dieter-Wellershoff-Stipendium erhielt, bin ich auf ihn und gewisse Verbindungslinien zu dem, was auch mich beim Schreiben bewegt, aufmerksam geworden. Ich weiß, dass seine Erlebnisse als junger Soldat während des Zweiten Weltkriegs und überhaupt die literarische Erforschung der eigenen Biographie für den Schriftsteller Dieter-Wellershoff eine entscheidende Rolle spielen. Auch dass er in vielfältigen Formen arbeitete, neben Romanen schrieb er ja auch Lyrik, Essays, Hörspiele und Theaterstücke, spricht mich an. Doch leider muss ich zugestehen, dass ich noch nicht die Zeit gefunden haben, eines seiner Werke selbst zu lesen. Dabei hatte ich mir das nach dem Dieter-Wellershoff-Abend „Verborgene Texte des Lebens“ im Literaturhaus am 3. November 2022 fest vorgenommen. Denn was ich dort hörte, hat mir bestätigt, dass es gemeinsame, literarische Motive und Interessen gibt. 

Fünf

Wie vital ist Ihrer Ansicht nach die Literaturszene in Köln, wie hat sie sich entwickelt, was fehlt resp. fehlt was?

Ich nehme die Literaturszene in Köln als sehr lebendig, abwechslungsreich und groß in ihrem Angebot war. Auch gibt es alle möglichen Organisationen und Treffpunkte, wo man Kolleginnen und Kollegen regelmäßig zum persönlichen Austausch treffen kann. Beispiele wären das Literatur-Atelier, das Café fremdwOrte oder der Übersetzer*innen-Stammtisch, der an den VDÜ angebunden ist. Allerdings bedauere ich, dass sich die kulturellen Aktivitäten doch sehr im Zentrum der Stadt ballen, wobei man doch in Köln eine solche schöne Fülle ganz unterschiedlicher Viertel hat. Eine wichtige Gegenmaßnahme zu dieser Zentrierung ist das Europäische Literaturfestival Köln-Kalk. Aber auch im Kölner Westen z.B. wird nicht nur Tennis gespielt. Hier gibt es ebenfalls eine Reihe alternativer Orte und Gebäude, die für literarische Begegnungen geeignet sind und auch hier und da genutzt werden. In Müngersdorf belebt in diesem Sinne eine engagierte Gruppe von Menschen gerade den alten Petershof als „Machbarschaft“ wieder und lädt zu diversen Veranstaltungen ein.

***

Auf diesem Blog

gibt es bereits die Statements von Thomas Empl (HIER) und Adrian Kasnitz (HIER).

Zur Person

Gundula Schiffer wurde 1980 in Bergisch Gladbach geboren und lebt in Köln. Zuletzt erschien von ihr der Lyrikband „Hioba Hymore“ im Elif Verlag; auch als Übersetzerin, zumal aus dem Hebräischen, ist sie tätig.

Für die Arbeit an „Hioba Hymore“ erhielt sie im Jahre 2021 das Dieter-Wellershoff-Stipendium. In der Jury-Begründung hieß es: „Gundula Schiffer balanciert aufs Schönste die Gegensätze von wuchtiger Abstraktion und der Konzentration aufs Konkrete aus, von Pathos und Verspieltheit, von Sakralem und Profanem, von den Mammuts im Bedeutungsdschungel und den schrill lackierten Fingernägeln lyrischer Grandezza. Schiffer macht das Übersetzen in ihren Gedichten im wörtlichen und übertragenen Sinn produktiv: Hebräisch und Deutsch, mystischer Gesang und Bonmot, Religion und Privatheit ergänzen und bereichern einander. So entsteht eine beeindruckend breit angelegte Palette von Tonlagen, Klangregistern und Bildschichtungen.“ Der Jury gehörten an: Sonja Herrmann, Martin Mittelmeier und Martin Oehlen. 

Das Stipendium

Das Dieter-Wellershoff-Stipendium wurde 2018 von der Stadt Köln eingeführt. Es wird vom Literaturhaus Köln betreut und unterstützt Autorinnen und Autoren dabei, eine begonnene Arbeit fortzusetzen oder zu vollenden.

Dieter Wellershoff, in dessen Namen das Stipendium vergeben wird, wurde 1925 in Neuss geboren und ist 2018 in Köln gestorben. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller war eine Weile einflussreicher Lektor des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Er veröffentlichte unter anderem „Der Sieger nimmt alles“ (1983), „Blick auf einen fernen Berg“ (1991) und „Der Ernstfall“ (1995). Der Roman „Der Liebeswunsch“ (2000) gilt als sein bekanntestes Werk.

(M. Oe.)

Gundula Schiffer: „Hioba Hymore“, Elif Verlag, 120 Seiten, 22 Euro.

Ein Gedanke zu “„Ich liebe den Klang der hebräischen Worte“: Gundula Schiffer über Israel, ihren Lyrikband und die Fülle der Stadtteile – Neue Literatur aus Köln (3)

  1. Pingback: Streichen Sie alle Erklärungen | parasitenpresse

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..