Ein Roman wird 60 Jahre nach dem Tod des Autors zum Bestseller: Louis-Ferdinand Célines „Krieg“ in der kraftvollen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel

Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs bei Verdun Foto: Bücheratlas

Eine grelle Fundsache – das ist der Roman „Krieg“ von Louis-Ferdinand Céline (1894-1961). Erst vor zwei Jahren gelangte das Manuskript, das der Autor im Jahre 1944 bei seiner Flucht von Paris nach Dänemark zurückgelassen hatte, an die Öffentlichkeit. „Guerre“, so der Originaltitel, ist in Frankreich ein Bestseller; bei uns erscheint „Krieg“ im Rowohlt Verlag. Mutmaßlich im Jahre 1934 verfasst, also nach dem Erfolgsroman „Reise ans Ende der Nacht“ von 1932, erzählt es vom Soldaten Ferdinand, der den Ersten Weltkrieg als Apokalypse erlebt. Die autobiographischen Tangenten sind zahlreich.

Der Tod der Witwe

Niklas Bender verfolgt im Vorwort den langen Weg des Manuskripts bis zur Drucklegung im Jahre 2022. Céline selbst hatte behauptet, es sei ihm bei einem Einbruch in seine Pariser Mietwohnung in der Rue Girardon gestohlen worden. Gemeinsam mit weiteren Texten galt „Guerre“ als verschollen. Bis 2021 die Existenz eines Konvoluts mit unveröffentlichten Texten und allerlei Privatem publik wurde, das sich im Besitz von Jean-Pierre Thibaudat befand.

Der Publizist, ehedem Theaterkritiker der Zeitung „Libération“, hat die Umstände, unter denen er an diesen „Wust“ von Papieren gelangt ist, in einem Blogbeitrag geschildert. Wenn auch nicht mit allen Details. Als ihm die rund 6000 Seiten überreicht worden waren, sei ihm bald klargeworden: „Ich halte da einen Schatz in Händen.“ Mit der Bekanntgabe der Rarität hatte er allerdings bis zum Tod von Célines Witwe Lucette gewartet. So hatte er es dem anonymen Überbringer des „Schatzes“ zugesagt. Es bestand wohl die Sorge vor Einsprüchen oder Eingriffen. Lucette Destouches, Célines zweite Ehefrau, starb im Alter von 107 Jahren.

Politisch und moralisch ein Problemfall

Klar und entschieden schildert Niklas Bender Célines literarische Qualitäten – und seine menschlichen Abgründe. Die antisemitischen Pamphlete des Autors sind ein schändliches Übel. Niklas Bender schreibt, es habe sich um eine „lebenslange Grundhaltung“ gehandelt, „die sich in den späten 1930er Jahren zu virulentem Hass entwickelte und Céline auch nach Kriegsende nicht verließ.“ Zudem war Céline ein Vichy-Kollaborateur und Hitler-Sympathisant, der schließlich vor der Résistance aus dem eigenen Land fliehen musste.

Politisch und moralisch, schreibt Niklas Bender, sei Céline ein Problemfall: „Man muss ihm misstrauen – und denjenigen, die ihn verklären.“ Zum Glück, so weiter, bleibe das Werk. Dennoch – das Wissen um Célines Antisemitismus ist immer präsent, wenn man zu seinen Texten greift. Und nicht jeder und nicht jede wird bereit sein, Person und Werk zu trennen. Allerdings steht in „Krieg“ eindeutig der Schrecken des Gemetzels im Zentrum. Es ist ein Schrecken, der weit über das Schlachtfeld hinausreicht und verrohend einsickert in Denken, Fühlen und Trachten.

Hinein ins Herz der Finsternis

Wer den Roman aufschlägt, stürzt sofort mitten hinein ins Herz der Finsternis: „Ich habe dann wohl noch einen Teil der folgenden Nacht so dagelegen. Das linke Ohr fest an den Boden geklebt mit Blut, den Mund auch. Zwischen beiden gewaltiger Lärm.“ Allerdings ist dies nicht der Anfang, den Céline gewählt hatte. Denn die ersten Sätze fehlen. Auch ist nicht bekannt, ob es sich um die finale Fassung handelt. Auf jeden Fall ist es eine Version in weit fortgeschrittenem Bearbeitungszustand. 

Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung aus dem Französischen ist eine Wucht. Er vermittelt fabelhaft Célines kraftvoll-explosive Sprache, die das Derbe und Obszöne nicht scheut. Er habe schon früher „Offiziersfressen“ gesehen, sagt der Ich-Erzähler, „da hätte sogar eine Ratte, die überall rumschnüffelt, dreimal nachgedacht, bevor sie da reinbeisst.“ Aber der Kommandeur Récumel habe all diese „an Widerwärtigkeit deutlich“ übertroffen: unter der gelblich-durchscheinenden Haut „nichts als Bösartigkeit“.

Angst und Verlust in Peurdu

An der nun vorliegenden Edition, die Pascal Fouché herausgegeben hat, stimmt – soweit wir das überblicken – alles. Das gilt für die Anmerkungen, die auf Rassismen im Sprachgebrauch verweisen. Und es gilt für die Abbildungen einiger Seiten des handschriftlichen Originalmanuskripts. Sie scheinen den Drang zu spiegeln, mit dem Céline die Niederschrift vorangetrieben hat.

Drastisch, fiebrig, wütend wird hier erzählt. Szenen von Leben und Tod, Hass und Hinterhältigkeit. Erst im apokalyptisch-halluzinierenden Taumel auf dem Schlachtfeld in Flandern. Dann im Brutalo-Lazarett in einem fiktiven Ort mit dem sprechenden Namen Peurdu-sur-la-Lys (da stecken die französischen Vokabeln für „Angst“ und „verloren“ drin). Schließlich im eiskalten Alltag unter Zuhältern und Prostituierten. Den Krieg im Kopf wird Ferdinand nicht mehr los. Keine Ruhe, nirgends.

Aufnahme in die „Bibliothèque de la Pléiade“

Der Roman „Krieg“ ist nur ein Anfang. Schon sind in Frankreich weitere Texte aus dem so wunderlich bewahrten Nachlass veröffentlicht worden. Sie liegen als Einzelausgaben auf Französisch vor; zudem erscheinen sie in einem neuen Band der repräsentativen Klassiker-Edition „Bibliothèque de la Pléiade“. Dazu gehören „La Volonté du Roi Krogold“, der um entscheidende Partien ergänzte Roman „Casse-pipe“ sowie „Londres“, eine Art Fortschreibung von „Guerre“.

Louis-Ferdinand Céline selbst, der im Jahre 1961 in Meudon in der Nähe von Paris gestorben ist, hielt all das für verloren.  

Martin Oehlen

Louis-Ferdinand Céline: „Krieg“, dt. von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt, 188 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

2 Gedanken zu “Ein Roman wird 60 Jahre nach dem Tod des Autors zum Bestseller: Louis-Ferdinand Célines „Krieg“ in der kraftvollen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel

  1. Ich habe „Reise ans Ende der Nacht“ entweder ausgelesen oder fast gelesen, aber mir ist gar nichts mehr in Erinnerung außer Intensität und Orientierungslosigkeit. Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit ein Versuch zu wagen, habe viel Interessantes über „Krieg“ gehört – eure Besprechung war bislang die informativste! Danke!

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