Thomas Mann als „Pfau“ und Sauerkraut für den Perserteppich: Inger-Maria Mahlkes historischer Roman „Unsereins“ ist ein Lübecker Sittenbild um 1900

Das Holstentor in Lübeck mit dem immer wieder schönen Motto überm Eingang: Concordia domi foris pax – Eintracht drinnen und Frieden draußen. Foto: Bücheratlas

Das muss man sich erst einmal trauen – einen weit ausholenden Gesellschaftsroman über die Freie und Hansestadt Lübeck um 1900 zu schreiben. Immerhin hat Thomas Mann hier seine „Buddenbrooks“ (1901) untergehen lassen und dafür den Literaturnobelpreis gewonnen. Inger-Maria Mahlke allerdings, die in Lübeck aufgewachsen ist und 2018 für „Archipel“ den Deutschen Buchpreis erhalten hat, schreckt das nicht. Vielmehr ist davon auszugehen: Gerade Thomas Manns Szenen einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie haben sie inspiriert, „Unsereins“ zu schreiben.

„Im kleinsten Staat des Deutschen Kaiserreiches“

Wie der Roman tickt, augenzwinkernd und faktensatt, lässt sich schon erkennen, bevor er richtig losgegangen ist. Denn die Liste mit den „handelnden Personen“ beschließt der Hinweis, dass sie alle wohnhaft seien „im kleinsten Staat des Deutschen Kaiserreiches“. Zwar habe Bremen noch weniger Fläche und das Fürstentum Köstritz noch weniger Einwohner. „Jedoch: zweitkleinster klingt mickrig.“ Und „mickrig“ geht ja nun mal gar nicht. Was sollen denn die Leute sagen!

Auf die Meinung der Mitbürger ist man durchaus erpicht in Lübeck. Das wird in diesem Roman immerzu deutlich. Auch in jenen Momenten, in denen – ohne den Titel zu nennen – von den „Buddenbrooks“ die Rede ist. Denn nach Veröffentlichung des Romans – und das ist keine Fiktion, sondern harte Realität – hat man sich in Lübeck die Münder wund geredet: Wen meinte Thomas Mann mit dieser und wen mit jener Figur?

Thomas Mann als „Pfau“

Die unterschiedlichsten Listen wurden angelegt. Und einige davon sind noch heute auffindbar – im Archiv des Buddenbrookhauses (das seit 2019 geschlossen und dessen Wiedereröffnung wegen eines Umbau-Streits nicht absehbar ist). Im Jahre 1906 sah sich Thomas Mann zur Klarstellung gegenüber seinen Lübeckerinnen und Lübeckern veranlasst: „Nicht von euch ist die Rede, gar niemals, seid des nun getröstet, sondern von mir, von mir.“

Auf Thomas Mann kommt Inger-Maria Mahlke einige Male zu sprechen. Auf den faulen Gymnasiasten mit dem Spitznamen „Pfau“ und auf den jungen Poeten mit deutschnationalen Tönen. Aber „Unsereins“ ist alles andere als ein Thomas-Mann-Enthüllungswerk. Vielmehr wird die Stadtgesellschaft zur Gänze in den Blick genommen. Einerseits ist die Rede von der wohlhabenden und einflussreichen Familie Lindhorst (offenbar der realen Familie Fehling nachgebildet). Andererseits und mit Nachdruck wird von den Angestellten und Arbeitern gehandelt. „Unsereins“ bietet Szenen zuhauf aus den Sphären von Herrschaft und Dienerschaft.

Die „Plehsiere“ des Ratsdieners

Der Ratsdiener Isenhagen ist in dieser Figuren-Sammlung ein besonderes Prachtexemplar. Ihm widmet die Autorin ein brillantes, sich auf der Langstrecke zusammenfügendes Mosaik: „Isenhagen heißt Isenhagen, wie seine Mutter und Großmutter, der Rest ist etwas diffus.“ Fast alle Einwohner kennen ihn, manche spekulieren über seine heimlichen „Plehsiere“, aber niemand weiß etwas Genaues. Da ist die Leserschaft im Vorteil, die sich jedes Mal freut, wenn es auf den Seiten ein Wiedersehen gibt mit dem verklemmten Liebhaber, dem etwas einfältig-naiven Angestellten und dem Vorsitzenden (und einzigem Mitglied) des „Freundeskreises der Storchenschnabelgewächse“.

Auch das Dienstmädchen Ida Stuermann, im Hause der Lindhorsts tätig, wird geradezu demonstrativ gewürdigt. Überhaupt die Frauen! Zwar werden sie als gesellschaftliches Dekor geschätzt. Doch damit sollte es auch sein Bewenden haben – denkt offensichtlich Lübecks konservative Männerwelt. Inger-Maria Mahlke freilich pustet schon einmal etwas frischen Wind in die patriarchalischen Stuben. So wendet sich Dienstmädchen Ida an den Arbeiterbildungsverein, um „Ste-no-gra-phie“ zu lernen. „Was Ida will? Ein Zimmer, für das sie bezahlt, nicht eines, mit dem sie bezahlt wird. Mit einer Tür, die sie niemandem öffnen muss.“

Platzhirsche und Außenseiter

Ein historisches Sittenbild ist das Ganze! Bunt arrangiert als sich drehendes Lebensrad mit beständigem Auf und Ab. Mit Erfolg und Misserfolg in allen Lebensbereichen, mit Tradition und Modernisierung, mit Antisemitismus und Antisozialismus, mit Außenseitern und Platzhirschen, mit Klarnamen und Decknamen. Die bevorstehenden Katastrophen – die Weltkriege, die Nazi-Diktatur, den Holocaust – liest man immer mit.

Inger-Maria Mahlke ist tief in die Archive hinabgetaucht. Und mit reicher Beute am Schreibtisch aufgetaucht. Zumal in der hansestädtischen Debatte zur „Abort- und Abwasserfrage“ findet sie allerlei Ersprießliches. Und dass sich Sauerkraut zum Reinigen von Perserteppichen empfiehlt, gehört leider auch nicht mehr zur Allgemeinbildung.

„Swich-Swich-Swich“

In ihrer Erzählung springt die Erzählerin zwischen den Schauplätzen hin und her. Manches wird nur angedeutet. Dabei ist sie immerzu in unserer Gegenwart verankert: Sie lässt eine Kamera-Drohne fliegen, verweist auf den Algorithmus eines sozialen Netzwerks und gendert beiläufig (und einmalig) die „Arbeiter:innen“. Sprachlich erlaubt sie sich einige Eigenarten, die freilich nicht prätentiös wirken, sondern zur leicht ironischen Distanz des Werks passen. Eine besondere Neigung entwickelt sie zur Lautmalerei: „Swich-Swich-Swich“ wischt die Bürste, „Tapp-Tapp“ machen die Pferdehufe, „Tack-Tack“ die Schuhe und – mit einem „Tack“ mehr – die Zähne. Auch mag sie Wortschöpfungen aus dem eigenen Originalitäts-Labor: „Auf-Zehenspitzen-Stille“.  

„Unsereins“ ist ein dichtes, schönes, reiches Werk. Darin wird der Name Lübeck nicht einmal genannt. Obgleich alle Straßen, Gebäude und Denkmäler dorthin verweisen. Aber so hat es ja auch Thomas Mann mit den „Buddenbrooks“ gehalten. Ob Ingrid-Maria Mahlke nun reif ist für den Literaturnobelpreis?  

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir eine kleine Serie rund um das Buddenbrookshaus in Lübeck präsentiert. Den Auftakt, in dem es auch um Dieter Borchmeyers monumentale Werkmonographie zu Thomas Mann geht, gibt es HIER.

Inger-Maria Mahlke: „Unsereins“, Rowohlt, 496 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

3 Gedanken zu “Thomas Mann als „Pfau“ und Sauerkraut für den Perserteppich: Inger-Maria Mahlkes historischer Roman „Unsereins“ ist ein Lübecker Sittenbild um 1900

  1. Ja, so müsste man schreiben können: Wie Martin Oehlen. Selten habe ich eine Rezension gelesen (und ich lese viele und gern), die mich dazu veranlasst, mir das Buch sofort zu besorgen. Ich bin gespannt – des Lesers und der Leserin als Grundhaltung wurde hier befeuert!

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  2. Pingback: Inger-Maria Mahlke - Unsereins - LiteraturReich

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