

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg und in Kiew zuhause, weiß Bescheid. „Die Menschen in der Ukraine sind sehr müde“, sagt er auf der 75. Frankfurter Buchmesse. Müde von der Nervosität und dem Luftalarm, müde von den Drohnen und Raketen aus Russland. „Es gibt keine Stabilität“, stellt er am Stand der „Süddeutschen Zeitung“ fest. Zwar seien in den Städten die Cafés dicht besetzt und Karten für Theateraufführungen sehr begehrt. Doch die Bevölkerung sei traumatisiert. „Wir können nichts planen.“ Weil niemand wisse, was am nächsten Tag sein werde. Allerdings sei trotz der Erschöpfung die Haltung unverändert: „80 Prozent sind gegen jeden territorialen Kompromiss.“
„Kultur des Fatalismus“
Der Autor, von dem soeben im Diogenes Verlag der Roman „Samson und das gestohlene Herz“ erschienen ist, schreibt seine Prosa in russischer Sprache. Wenn ein Text von ihm in der Ukraine veröffentlicht werden soll, muss dieser erst einmal übersetzt werden. Denn für russische Texte gibt es in der Ukraine kein Publikum. Seine non-fiktionalen Texte schreibt er sowieso schon auf Englisch oder Ukrainisch.
Die „russische Kultur“, meint Andrej Kurkow, habe der „Russifizierung“ in der Ukraine gedient und sei als Instrument gegen das Land eingesetzt worden. Auf der Bühne zieht Andrej Kurkow sogar Fjodor M. Dostojewski zur Verantwortung. Er sei schuld an der „Kultur des Fatalismus“, die in Russland gepflegt werde. Es gebe in und um Moskau keine großen Proteste, weil Russinnen und Russen der Meinung seien, dass man sowieso nichts ändern könne. Das haben sie, meint Andrej Kurkow, bei Dostojewski gelesen. Ganz anders da die Haltung der Menschen in der Ukraine!


„Nichts ist in Stein gemeißelt“
Das Schöne an der Literatur ist, dass sie viele Meinungen ermöglicht. Uwe Timm, in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden, findet lobende Worte für Dostojewski. Das nun nicht als Replik auf Andrej Kurkow, sondern zufällig beim Nachdenken über die 1950er Jahre, von denen seine autobiographische Neuerscheinung handelt: „Alle meine Geister“ (Kiepenheuer & Witsch). Das sei doch das Großartige und Wunderbare an Dostojewski, so sagt es Uwe Timm, dass der Russe in seinem Werk auch die Kleinen und Schwachen groß zu machen wisse.
Was Uwe Timms Schreiben angeht, so darf man auf weitere Werke hoffen. Die Arbeit am Text sei zwar mühsam, aber zugleich befreiend, sagt er. Eine Schreibblockade, gar den berüchtigten „Writer’s Block“, kenne er nicht. Vielleicht liegt das an seinem pragmatischen Arbeitsprinzip: „Ich sage mir beim Schreiben immer, dass es etwas Vorläufiges ist. Es kann jederzeit gelöscht werden. Nichts ist in Stein gemeißelt.“
Die Jahre mit Kiepenheuer & Witsch
Gudrun Fähndrich begleitet Uwe Timm zu seinen öffentlichen Auftritten auf der Messe. Dabei geht es ausgesprochen entspannt zu. Wie es in diesem Falle auch nicht anders zu erwarten ist. Darauf wollen wir hier hinaus: Gudrun Fähndrich ist eine Institution im deutschen Literaturbetrieb. Seit 26 ½ Jahren arbeitet sie in der Presseabteilung des Verlags Kiepenheuer & Witsch – zuletzt als Pressechefin. Das macht sie so patent wie kompetent, so professionell wie zugewandt.
Jetzt geht sie in den Vorruhestand. Künftig wird Ines Wallraff die KiWi-Presse anführen. Die Konferenzen werde sie nicht vermissen, sagt Gudrun Fähndrich, und die Bücher blieben ihr ja erhalten.

Spitzenplatz für Jonathan Safran Foer
In ihrer Karriere hat sie mit den Verlegern Reinhold Neven Du Mont und Helge Malchow und zuletzt mit der Verlegerin Kerstin Gleba zusammengearbeitet. Auch hat sie den Wechsel des unabhängigen Kölner Verlags unter das Dach der Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck miterlebt. Aber vor allem sind ihr die zahllosen Begegnungen mit Autorinnen und Autoren im Gedächtnis geblieben. Selbstverständlich ist es schwierig, eine Person herauszuheben. Aber wenn es denn jetzt unbedingt sein soll, dann will sie vorneweg den US-Amerikaner Jonathan Safran Foer nennen. Wo wir schon dabei sind: Sein Roman „Alles ist erleuchtet“ ist für sie ein Buch, an das so schnell kein anderes herankommt.
Und nun? „Das ist jetzt meine letzte Buchmesse“, sagt Gudrun Fähndrich im Gewusel der Halle 3, in der das Zentrum der deutschsprachigen Verlage liegt. „Ich werde nächstes Jahr nicht als Besucherin auf die Messe kommen.“ Warum denn das nicht? „Das geht nicht, dass ich zuschaue, wenn die Kolleginnen und Kollegen arbeiten.“
Rowohlt ist der Verlag der Stunde
Preise gibt es rund um die Frankfurter Buchmesse in Fülle. In dieser Kategorie ist der Rowohlt Verlag im bundesdeutschen Rahmen der Verlag der Stunde – mit Büchern des Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse und des Deutschen Buchpreisträgers Tonio Schachinger. Außerdem hat man mit Daniel Kehlmanns „Lichtspiel“ ein Schwergewicht des Literatur-Herbstes im Programm (eine Besprechung gibt es HIER). Aber auch weitere Verlage jubeln. Der Penguin Verlag – und mit ihm alle, die die Freiheit des Wortes und die Faszination der Literatur schätzen – freut sich über den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der am Sonntag an Salman Rushdie überreicht wird. Beim S. Fischer Verlag darf man auf eine weitere Auszeichnung für Charlotte Gneuß anstoßen. Sie hat auf der neuen Medienbühne im Forum der Messe den „aspekte“ Literaturpreis für „Gittersee“ erhalten.
An den DuMont-Buchverlag wird gar die Frage gestellt, wie er das denn so mache? Nämlich bereits zum vierten Mal das „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ zu stellen (nach 2017 mit Mariana Leky, 2020 mit Benjamin Myers und 2021 mit Ewald Arenz). Dabei ist die Auszeichnung doch erst neunmal vergeben worden. DuMont-Verlegerin Sabine Cramer bekannte, „keine Ahnung“ zu haben, wie das ein ums andere Mal gelungen sei. Jedenfalls stecke kein Kalkül dahinter. Es freue sie, dass dieses „Lieblingsbuch“ nicht von einer Jury, sondern von einer sehr breiten Basis ermittelt worden sei.

„22 Bahnen“ zum Lieblingsbuch gewählt
Die nahezu 1000 unabhängigen Buchhandlungen votierten diesmal mehrheitlich für den DuMont-Roman „22 Bahnen“ von Caroline Wahl. Die Entscheidung sei knapp ausgefallen, sagten die Moderatorinnen Wibke Ladwig und Sarah Reul. Tatsächlich war die Konkurrenz beachtlich. Auf der Shortlist standen auch noch: Elena Fischer mit „Paradise Garden“ (Diogenes), Milena Michiko Flašar mit „Oben Erde, unten Himmel“ (Wagenbach), Rónán Hession mit „Leonard und Paul“ (Woywood & Meurer) sowie Jarka Kubsova mit „Marschlande“ (S. Fischer). Besprochen haben wir auf diesem Blog die Romane von Elena Fischer (HIER) und Jarka Kubsova (HIER).
Für die zur Preisverleihung zahlreich erschienenen Buchhändlerinnen und Buchhändler hatte Caroline Wahl noch einen sachdienlichen Hinweis parat: „Windstärke 17“, offenbar ihr nächster Roman, erscheine im Mai 2024.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir über die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse berichtet: „Die Vorsteherin bekennt ihre Verwirrung“ (HIER).
Einen ersten Rundgang, in dem es vor allem über die Spur des Krieges im Nahen Osten auf dem Messegelände geht, haben wir ebenfalls schon hinter uns gebracht. „Alle Anschein-Waffen sind verboten“ (HIER).
Rezensionen gibt es überdies zu den erwähnten Büchern von Elena Fischer (HIER), Jarka Kubsova (HIER) und Daniel Kehlmann (HIER).
Gudrun Fähndrich hat 2020 geschrieben, welches Buch von Hilary Mantel ihr besonders gefällt (HIER).
Lieber Herr Oehlen,
Ich gebe noch einmal kurz Rückmeldung. Immer wieder sind gute Tipps in Ihrem Blog, so auch der Hinweis auf die Kupido-Buchhandlung. Von Andrej Kurkow habe ich Die grauen Bienen geschenkt bekommen und konnte das Buch, einmal zu lesen angefangen, kaum aus der Hand legen, finde es ganz großartig. Deshalb hat mich Ihr Bericht über die Buchmesse sehr interessiert, vielen Dank. Ich füge einen Flyer bei, Marcel Beyer interessiert Sie ja auch…
Herzlich Gabriele Wix

>
LikeLike