Mit einem Hauch von Eklat begann die 75. Frankfurter Buchmesse. Dabei wirkte die Eröffnungsfeier zunächst so schiedlich-friedlich-langweilig, wie es Festakte oft an sich haben. Da wurde von den Rednerinnen und Rednern mit Abscheu und Empörung auf die Übel der Welt verwiesen, in Sonderheit auf den barbarischen Überfall der Hamas-Terroristen auf den Staat Israel, und es wurde zugleich das Loblied auf das Medium Buch gesungen, das doch helfen könne in allen Lebens- und auch Notlagen. Den Part des Bundeskanzlers, der wegen seiner Israel-Visite nicht teilnehmen konnte, übernahm in diesem Reigen die Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Dann kam Slavoj Žižek.
Betretene Mienen
Der Philosoph und Autor, auf Einladung des Gastlandes Slowenien zum Hauptredner erkoren, wehrte als Erstes den Applaus ab, mit dem er begrüßt wurde. Das Publikum möge lieber einmal abwarten, was er zu sagen habe, und dann urteilen, ob es danach noch applaudieren wolle. Das war ein berechtigter Hinweis. In der Tat gab es am Ende Applaus – aber auch Buhrufe und betretene Mienen.
Slavoj Žižek nämlich sprach sich für ein großes Aber aus. Zwar hatte er sich das zunächst ausdrücklich versagt. Aber dann konnte er es eben doch nicht lassen.
Kritische Zwischenrufe
In Kürze und der Reihe nach: Er verurteile entschieden den Überfall der Hamas auf Israel. Auch habe Israel jedes Recht, sich zu verteidigen. Aber! Aber man dürfe darüber nicht den Gesamtzusammenhang aus dem Blick verlieren. Dazu gehöre, so Slavoj Žižek, dass der Staat Israel den Palästinensern keine Hoffnung lasse.
Zweimal wurde der Redner von einem Zwischenrufer unterbrochen und dafür kritisiert, dass er vergleiche respektive gleichsetze, was nicht zu vergleichen respektive gleichzusetzen sei. Dem widersprach der Kritisierte vehement. Er relativiere keineswegs. Tatsächlich wiederholte er mehrfach seine Verurteilung der Hamas. Aber da seien eben auch noch die vielen Palästinenser, so Slavoj Žižek, die unter der israelischen Politik litten.
Die Freiheit des Wortes
Noch in den nun deutlich spärlicheren Applaus hinein, unter dem Slavoj Žižek von der Bühne trat, begab sich Buchmesse-Chef Juergen Boos ans Mikrophon. Mit starrer Miene und leicht zittriger Stimme verteidigte er das offene Wort, das auf der Frankfurter Buchmesse willkommen sei. Er warb dafür vor allem bei jenen, die – wie er sagte – mit der soeben vernommenen Rede nicht ganz oder gar nicht übereinstimmten. Und das waren – so viel gab die Live-Übertragung im Netz her – nicht wenige.
Sodann bekannte die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sie sei „verwirrt“. Zwar war sie nur auf die Bühne gebeten worden, um mit einem traditionellen Hammerschlag die Messe offiziell zu eröffnen. Doch fand sie noch Zeit, ein eindeutiges Bekenntnis zu Israel zu formulieren. Ausdrücklich tat sie es, wie sie betonte, ohne jedes Aber.
„And the Story goes on“
Das Video von der Eröffnungsfeier war kurz nach der Übertragung zunächst nicht mehr abrufbar, anders etwa als das Video von Eröffnungs-Pressekonferenz. (Hier eine Aktualisierung: Am Mittwoch stand die Aufzeichnung wieder via You Tube zur Verfügung). Auch brachen die Tweets, die über den Fortgang der Eröffnung berichteten, um 18.29 Uhr plötzlich ab – zu Slavoj Žižek postetet die Buchmesse jedenfalls erst einmal nichts. Nicht bis zum Abschluss dieses Textes am Dienstag um 20.40 Uhr.
So viel Spekulation darf gewagt werden: Die Welt, die aus den Fugen ist, wird die Buchmesse noch die ganze Woche über prägen. Bis zur Verleihung des Friedenspreises an Salman Rushdie, bei der Daniel Kehlmann die Laudatio halten wird. Eine Messe in mal wieder unruhigen Zeiten. Das Motto der Jubiläumsausgabe: „And the Story goes on“.
Martin Oehlen
Am späten Dienstagabend
hat die Frankfurter Buchmesse nach den „starken Reaktionen“ auf die Rede von Slavoj Žižek die spontane Stellungnahme ihres Direktors Juergen Boos im Wortlaut veröffentlicht (allerdings ohne die verbindlichen Worte an den Redner): „Es ist die Freiheit des Wortes. Und die müssen wir hier stehen lassen, das ist mir wichtig. Ich glaube, ich kann für diese Gemeinde, und ich möchte es hier als eine Gemeinde bezeichnen, sprechen: Wir verurteilen den Terror. Wir sind Menschen und wir denken menschlich. Menschlich auf israelischer Seite, auf palästinischer Seite. Und es ist mir sehr wichtig, dass wir uns alle einig sind in der Verurteilung der Unmenschlichkeit, in der Verurteilung des Terrors. Und ich glaube, Sie sind da alle bei mir. Und ich bin froh, dass wir das hier so aussprechen können. Ich bin auch froh, wenn eine Rede unterbrochen wird. Das muss möglich sein. Ich bin froh, dass wir die Rede zu Ende gehört haben, auch wenn sie uns nicht gefallen mag. Auch wenn wir sie sogar verurteilen, es ist wichtig, dass wir uns zuhören.“
Außerdem wurde auf Juergen Boos‘ Statement bei Eröffnungspressekonferenz am selben Tag verwiesen:
„Seit dem 7. Oktober erleben wir einen neuen, schrecklichen Höhepunkt der Gewalteskalation in Israel. Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und allen Menschen, die in Israel und Palästina unter dem Terror der Hamas und unter diesem Krieg leiden. Wir sind entsetzt. Bei der Frankfurter Buchmesse geht es immer um Menschlichkeit, im Zentrum steht die menschliche Begegnung. Diese Menschlichkeit ist abermals zerbrochen.“
🙏
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Mit einem Hauch von Eklat, nur mit einem Hauch von Eklat begonnen zu haben, ist bei diesem Thema bereits eine Leistung, die zu begrüßen sich lohnt.
Wenn dann noch der Redner, in englischer Sprache, nicht in seiner Muttersprache, und im Bericht auf Deutsch, betont, es habe Israel „jedes Recht, sich zu verteidigen“, was leicht verstanden werden kann als Recht, sich auf jede Weise zu verteidigen – und wenn man dann noch bedenkt, dass das so called „humanitäre Völkerrecht“ (welches Recht gibt es denn noch, gibt es auch eines für cats and dogs?) zwar darauf achtet, dass die Verteidigung „verhätnismäßig“sei, es aber erlauben kann, dass „selbst ein Spital zum legitimen Ziel“ wird (NZZ, was wiederum verhältnismäßig viel ist), zumal die Terroristen der Hamas sogar nach ihren selbstgemachten Maßstäben recht unverhältnismäßig angefangen haben,
dann kann man froh und muss man dankbar dafür sein, dass Direktor Juergen Boos es nicht beim Mienenspiel belassen hat und sich erst recht nicht weggeduckt hat, sondern dass ihm diese Worte eingefallen sind, die manso gerne hier liest.
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