Tag für Tag Literatur am Kölner Neumarkt: Adrian Kasnitz in der Reihe „Nimm Platz“ an einem verlorenen Ort im Zentrum der Stadt

Adrian Kasnitz im gelben Pavillon auf dem Neumarkt in Köln. Foto: Bücheratlas

Die Stadt Köln, die wahrlich nicht reich an attraktiven Plätzen ist, hat vor langer Zeit den Neumarkt aufgegeben. Daraus entwickelte sich ein „Drogenkonsumraum“ ganz eigener Ausprägung. Die Aufenthaltsqualität an diesem Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs ist derart gruselig, dass die meisten Passantinnen und Passanten nichts Besseres zu tun wissen, als diesen möglichst schnell hinter sich zu lassen.

Vom Nichtstun die Nase voll

Immerhin – aktuell gibt es Versuche, den „Problemplatz“, wie ihn Oberbürgermeisterin Henriette Recker nennt, für das Stadtleben zurückzugewinnen. Ob daraus etwas wird, lässt sich noch nicht absehen. Aber dass die Stadt vom Nichtstun die Nase voll hat, ist ein kleines Lebenszeichen.

Die auffallendste Initiative ist die Kultur-Aktion „Neumarkt – Nimm Platz“. Sie ereignet sich – seit Ende Juni und noch bis Ende August – in und um den gelben Pavillon der Künstlerin Erika Hock. Aus dem kostenlosen Programm, das vom Konzert bis zur Platzbegehung reicht, sticht die vom Verein Literaturszene Köln organisierte Lesereihe hervor.

Lesung zur Großstadtsymphonie

Sie tut es schon allein deshalb, weil sie täglich stattfindet. Jeweils um 17 Uhr gibt es eine halbe Stunde Literatur. Die Auftritte werden akustisch begleitet von einer Großstadtsymphonie aus bimmelnden Straßenbahnen, gurrenden Tauben, schepperndem Leergut, lauthals geführten Telefonaten, gellenden Krankenwagensirenen und Autoreifen auf klatschnassem Asphalt.

Wenn dann noch das Wetter nicht mitspielt, grenzen die Auftritte der Autorinnen und Autoren ans Heroische. Adrian Kasnitz, Kölner Lyriker und Herausgeber der Parasitenpresse, bekannte bei seiner Lesung am Sonntag, dass er sich „unter einer Sommerlesung etwas Anderes“ vorgestellt habe. Umso mehr rechne er es dem Publikum an, dass es sich auf den Stufen des Pavillons eingefunden habe. Und wenn wir das richtig verstanden haben, fügte er noch an, dass er das „nicht vergessen“ werde. Aber da wurden wir gerade von einer Wespe abgelenkt und fragten uns, ob so ein Tier womöglich von der Farbe Gelb angelockt wird.

„Im Sommer hatte ich eine Umarmung“

Adrian Kasnitz las zunächst einige August-Passagen aus seinem „Kalendarium“, dem poetischen Langzeitprojekt, das mittlerweile im achten Jahrgang vorliegt. Vor allem aber präsentierte er seinen jüngst und ebenfalls im eigenen Verlag veröffentlichten Gedichtband „Im Sommer hatte ich eine Umarmung“. Die darin versammelten Texte befassen sich mit Ereignissen der vergangenen drei Jahre – mit Krieg und Klimakrise, mit Vater und Mutter, mit Chef und Nicht-Chef, mit Menschen, die in Planen schlafen, und mit Verkehrsmitteln wie dem „Nicht einsteigen“-Bus, der auch am Neumarkt zu finden ist.

Es sind Gedichte – das wird sogar beim einmaligen Hören im unruhigen Ambiente deutlich -, die die alltäglichen Momente kraftvoll zu fassen vermögen. Sie suchen ihr Heil nicht in vertrackten Konstruktionen, sondern sind erfrischend geerdet. Nicht nur dann, wenn es um Himbeeren in Masuren und den Wald im Sauerland geht.

„Lesen konnte er die Gewinde“

Oft handelt es sich um „erzählerische“ Gedichte, deren Leerstellen zum Weiterdenken einladen. Und zuweilen packen sie kräftig zu – so wie in „Chefs“, wo vom Vater die Rede ist. Wir hören mal rein: „Er war nur der Hilfsarbeiter / der nicht wirklich schreiben konnte. / Lesen konnte er die Gewinde, die Nuten / die Fugen und Steckplätze. Er war zu kräftig / er war zu schwach, je nachdem welchen / Grund man suchte, um ihn wieder / loszuwerden. Wir waren immer froh, wenn er / eine Arbeit hatte, dann spielte er zuhause / nicht den Chef.“

Selbstverständlich kann ein halbstündiger Auftritt nur eine Ahnung vom Ganzen vermitteln. Aber was hier vorgetragen wurde, so viel ist gewiss, machte Lust auf den ganzen Band.

Martin Oehlen

Weitere Lesungen

im Rahmen der Aktion „Nimm Platz“ gibt es noch bis Ende August. An diesem Montag (7. August 2023) ist Jasna Mittler an der Reihe, am Dienstag folgt Elke Pistor, am Mittwoch Lisa Roy.  

„Neumarkt – Nimm Platz“

ist eine Kooperation der Kulturverwaltung der Stadt Köln mit rund 60 Kulturmacherinnen und Kulturmachern der Stadt.

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